Krieg in der Ukraine: Kirche hilft Menschen vor Ort
Nach vier Jahren Krieg macht sich Frustration breit
Die Furcht vor Kriegsdrohnen, Zerstörungen und Entbehrungen prägen das Leben in den ländlichen Gebieten in der Ukraine. Für Hilfe sorgt die kleine deutschsprachige Kirche vor Ort.
„Die Menschen leben zwischen Hoffen und Bangen“, sagt Pastor Alexander Gross von der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine. Nach vier Jahren Krieg harrten in den ländlichen Regionen fast nur noch die Älteren aus.
Nach vier Jahren Krieg in der Ukraine leben in den Dörfern fast nur noch betagte Menschen, die dringend auf Hilfe angewiesen sind. „Rund 80 Prozent der Menschen haben die Region verlassen - nun sind nur noch die Alten da“, beschreibt Pastor Alexander Gross die Situation in der ländlichen Region in der Nähe der Hafenstadt Odessa. Der 53-Jährige ist der Stellvertreter des Bischofs der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche in der Ukraine und zurzeit zu einem Dankesbesuch in der Partnerstadt Bremen.
Hilfe in täglichen Leben
Auch wenn der unklare Frontverlauf weit im Osten liegt, ist der Krieg allgegenwärtig, berichtet Gross. Viele Gebäude sind zerstört. „Ständig sind russische Drohnen und Raketen in der Luft und verbreiten mit ihren Geräuschen Angst und Schrecken.“ Er versuche dann, die Menschen zu beruhigen. „Die Russen greifen keine kleinen Häuser an. Ihre Ziele sind größere Gebäude, wo es dann viele Tote gibt.“ Ganz in der Nähe seines Privathauses ist ein „Patriot“-Raketenabwehrsystem stationiert. „Der Lärm der startenden Raketen ist nicht weniger beängstigend als die über uns fliegenden Raketen.“
Zwar sei die lutherische Kirche in der Ukraine klein, dafür aber sehr engagiert. Laut Gross zählen sich im ganzen Land nur etwa 1.000 Menschen zu dieser Kirche. Eine offizielle Statistik gibt es nicht. „Wir helfen den Menschen mit Medikamenten, Lebensmitteln, Kleidung und Dingen des täglichen Lebens“, sagt Gross. Weil sonst keine Gebäude zur Verfügung stehen, hat sich das Privathaus des Pastors zu einem kleinen Kirchenzentrum gewandelt. „Im Keller ist ein Kinderschutzzentrum, in der Garage feiern wir Gottesdienste.“
Spenden und Unterstützung nötig
Das Thema Hoffnung sei schwierig. Stromausfälle seien der Normalfall. Im Winter steige die Sterberate um das Dreifache. „Meine Mitarbeiter berichten von Hausbesuchen, dass die alten Menschen den Glanz in den Augen und ihren Lebensmut verloren haben.“ Die jungen Menschen seien ins Ausland gegangen. „Aber man kann nicht sagen, dass sie ihre Alten im Stich gelassen haben. Es ist die Entscheidung der Eltern, zu bleiben. Sie wollen dort sterben, wo sie gelebt haben.“ Ein Umzug komme für sie nicht infrage.
Erstaunlich sei, dass es auch nach bald vier Kriegsjahren in der Ukraine noch fast alles zu kaufen gebe. „Das Land produziert mehr als es selbst benötigt“, sagt Gross. „Das Problem ist aber das Geld.“ Lebensmittel und vor allem Medikamente seien teuer − oft zu teuer für die alten Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind. Darum seien alle Spenden und Unterstützung hochwillkommen. „Wir bleiben und helfen weiter.“
Frustrierender Kreislauf
Die Hoffnung auf Frieden sei nicht mehr groß, berichtet der Pastor. „Die Menschen leben zwischen Hoffen und Bangen.“ Wann immer in den Medien über Friedensgespräche berichtet werde, keime so etwas wie Hoffnung auf. Doch im Alltag verändere sich dann doch nichts. „Das ist ein frustrierender Kreislauf.“
Wie es weitergeht? „Russland muss nicht verlieren, die Ukraine wird nicht verlieren“, zeigt sich Gross überzeugt. Putin werde sich nicht mit dem Donbass im Osten der Ukraine zufriedengeben. „Er will die Ukraine zerstören.“ Der Pastor fügt hinzu: „Wir hoffen auf Gott und die immer stärker werdenden ukrainischen Soldaten.“
Jörg Nielsen (epd)