20 Jahre Sonntagsallianz: Nichtstun ist mehr als Faulheit
Müßiggang-Forscherin Yvonne Robel über Arbeit und den Wert des geschützten freien Sonntags
Seit 20 Jahren setzt sich die Allianz für den freien Sonntag dafür ein, dass sonntags freie Zeit für Familie, Glauben, Kultur, Sport und Erholung bleibt. Dieser Einsatz für geschützte arbeitsfreie Zeit trifft einen Nerv: Arbeit gilt hierzulande als oberstes Gebot – doch auch das Nichtstun hat eine Geschichte. Die Historikerin Yvonne Robel erklärt im Interview, wie kontrovers Muße und Faulheit seit den 1950er Jahren kontrovers diskutiert werden. Und warum selbst die Theologie das Nichtstun als zutiefst menschliche Dimension verteidigt hat.
Nichtstun ist etwas menschlich Notwendiges − das hat die Historikerin Yvonne Robel herausgefunden.
Frau Robel, sie haben über Muße, Faulheit, Müßiggang und Nichtstun und deren öffentliche Wahrnehmung in der Bundesrepublik geforscht. Was haben Sie dabei herausgefunden?
Yvonne Robel: Über den Stellenwert von Nichtstun, Faulheit und Nichtarbeit zu reden hat ein provokatives Potential. Es fallen einem sofort konfrontative Aussagen von Politikern ein. Das fängt nicht erst mit Friedrich Merz an. Helmut Kohl wetterte gegen den „Freizeitpark Deutschland", Gerhard Schröder prägte im Zuge der Hartz IV-Reformen den Satz: „Es gibt kein Recht auf Faulheit“. Auf der anderen Seite wird das Nichtstun aber auch positiv besetzt. Schon in den 50er Jahren firmiert das unter dem Begriff der Muße. Später geht es um die Pflege von Hobbys und Freizeitaktivitäten. Nichtarbeiten ist etwas Menschliches, Notwendiges, das es wieder zu entdecken gilt. Diese Ansicht gibt es schon in der Wiederaufbauzeit nach dem Krieg. Es gibt Anleitungen, wie man seine freie Zeit verbringen kann – damit es nicht ganz so ungeplant vonstattengeht. Wir sehen ein Wechselspiel zwischen der Disziplinierung durch Arbeit und der Sehnsucht nach Nichtstun, die häufig mit dem Blick in andere Länder verbunden ist – etwa nach Italien, unter dem Stichwort „dolce far niente“.
Es gibt also bereits in den 50er und 60er Jahren Ratgeberformate zur Freizeitgestaltung?
Robel: Ja, aber noch nicht in dem Sinn, wie wir sie heute kennen. In den Beispielen, die ich als Ratgeberliteratur ausgemacht habe in dieser Zeit, geht es um den Menschen an sich, als Gattungswesen. Was ist eigentlich das anthropologisch Wichtige am Nichtstun, wie bringt es die Menschheit weiter? Das ist häufig die Fragestellung. Der Schritt zur Individualisierung kommt in den 80er Jahren. Jetzt wird der Einzelne direkt angesprochen. Nichtstun soll in individuelle Zeitpläne eingepasst werden. Das Work-Life-Gegensatzmodell, das unser heutiges Sprechen über das Nichtstun so prägt, entsteht ebenfalls in dieser Zeit. Die Notwendigkeit, Menschen beim Nichtstun anzuleiten, hat man aber von Anfang an gesehen.
Hat diese ja durchgehende Auseinandersetzung mit dem Nichtstun irgendetwas am überragenden Stellenwert von Arbeit hierzulande geändert?
Robel: Ich würde nicht sagen, dass Nichtstun heute legitimer ist. Was sich durchaus geändert hat, ist die Antwort auf die Frage, in welcher Form Nichts zu tun als legitim erachtet wird. In den 50er und 60er Jahren ist Nichtstun als Kompensation im Verhältnis zur Arbeit gedacht. In den 80er Jahren entwickeln sich dann Ansichten, dass Nichtstun, gern unter dem Begriff des Müßiggangs verhandelt, eine legitime Form von Lebensstil sein kann. Also nicht nach dem Motto: der hat es sich verdient, nichts zu tun, der andere nicht – sondern als grundsätzliche Möglichkeit, sein Leben zu gestalten. Die Aufwertung von Leben im Verhältnis zum Arbeiten wird in den Diskursen der Zeit deutlich.
Es gelingt aber trotzdem nicht, das Sprechen über das Nichtstun von der Arbeit abzukoppeln. Der Arbeitsbegriff bleibt das Gegenüber, es geht immer ums Nichtstun von eigentlich Erwerbsfähigen. Ein weiterer Grundgedanke, der sich bis in die jüngste Gegenwart durchzieht: wenn schon Nichts tun, dann bitte so, dass es in irgendeiner Form produktiv ist. Es muss etwas rauskommen, eine Nützlichkeit entstehen. Das ist ja auch keine wirkliche Ablösung vom Arbeitsbegriff.
Was machen die Menschen in den verschiedenen Jahrzehnten denn so in ihrer freien Zeit?
Robel: Bis in die frühen 70er Jahre hat das Allensbach-Institut für Demoskopie Menschen regelmäßig gefragt, wie viel Zeit sie damit verbringen, aus dem Fenster zu gucken. Dann verschwindet das aus den Umfragen. In den 60er Jahren wird sehr viel über Do-it-yourself und Heimwerken geredet. In den 80er Jahren rückt schließlich der Körper in den Vordergrund, es geht um Sport, aber auch um Yoga und andere Körperpraktiken. Man kann diese Trends natürlich nicht eins-zu-eins nehmen, aber die Befragungen lassen schon Rückschlüsse auf das verbreitete Freizeitverhalten zu.
Welche Rolle spielen religiöse Vorstellungen bei der Bewertung von Arbeit und Müßiggang?
Robel: In den Diskussionen der 50er Jahre zum Thema Muße, die auch im Radio sehr präsent waren, melden sich häufig Experten aus der Theologie zu Wort, zum Beispiel Josef Pieper und andere. 20 Jahre später übernehmen dann mehr und mehr Pädagog*innen dieses Feld. Das hat mit der Entwicklung der Freizeitwissenschaft zu tun, die von Anfang an eine Populärwissenschaft ist, die sehr aus der Pädagogik kommt. Der Einfluss aus der Theologie geht nach und nach zurück, was ja auch zur fortschreitenden Säkularisierung der Gesellschaft passt.
Der andere Aspekt wäre wieder der Blick auf die Arbeit. Im evangelisch-reformierten Kontext hat die ja einen religiösen Impetus. Sie gehört unbedingt zu einem gottgefälligen Leben …
Robel: Dass wir als Deutsche so auf Arbeit fixiert sind, liegt an der Reformation, heißt es gern. Ich bin dafür, diese These auszudifferenzieren und zu hinterfragen. Es ist erstaunlich, dass Theolog*innen in den 50er Jahren eben nicht nur beanspruchen, über Arbeit zu reden, sondern auch übers Nichtstun. Man könnte unterstellen, sie wollten das nur im Griff halten, damit die Arbeitsgesellschaft weiter funktioniert, aber so ist es eben nicht. Es gibt ein Deutungsmuster, das auch wahnsinnig konstant ist über die ganze Zeit: Die Idee, das Nichtstun sei eine anthropologische Grundkonstante, für die Theolog*innen dann sogar göttlich konnotiert. Wir müssten zurückkehren zu unserem Urzustand, der darin bestand, viel häufiger nichts zu tun – das wird immer wieder formuliert. Man erinnert daran, dass es früher viel mehr Feiertage gab - aus dem religiösen, aber auch aus einem anderen Verständnis von Zeit heraus. Und dass wir eigentlich mit der Arbeitsgesellschaft von unserem ursprünglichen Weg als Menschen abgekommen sind. Ich glaube, hier zeigt sich eine hohe Wirkkraft von eigentlich religiöser Deutung bis heute, auch in säkularisierten Debatten.
Interview: Jörg Echtler
Dr. Yvonne Robel ist Privatdozentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Habilitation zum Thema „Viel Lärm um nichts? Die öffentliche Wahrnehmung von Muße, Faulheit, Müßiggang und Nichtstun in der Bundesrepublik“. Yvonne Robel hält einen Gastvortrag beim Jubiläum der „Allianz für den freien Sonntag“ am 3. März 2026 in Berlin.