Online-Seelsorge auf Social Media

Die digitale Seelsorge der EKHN

Zu sehen ist der Netzpfarrer Lutz Neumeier. Er sitzt in einer Kirche. In der Hand haelt er sein weisses Smartphone
Lutz Neumeier ist Netzpfarrer der EKHN und Seelsorger.

Lutz Neumeier ist seit sechs Jahren Netzpfarrer bei der EKHN. Der Medienpädagoge betreut unter anderem die Kanäle der EKHN mit, generiert Inhalte, organisiert Takeover und gibt Schulungen und Webinare für Gemeinden. Doch er ist auch Seelsorger. Im Gespräch erzählt er über die Chancen und Risiken von Social Media, über Härte im Netz und darüber, wie er als Online-Seelsorger den Menschen hinter dem Bildschirm helfen kann.

Erste Erfahrungen mit digitaler Seelsorge

Bereits Anfang der 2000er Jahre verlagerte sich das soziale Leben ins Netz, erinnert sich Netzpfarrer Lutz Neumeier zurück. „Damals gab es ICQ“, sagt er. Nach Schulschluss trafen sich die Schüler online auf der Plattform. Lutz Neumeier war als Pfarrer und Seelsorger ebenfalls dort unterwegs. „Ich habe in den Chats damals bereits viel Seelsorge betrieben“, sagt er. Eine echte Chatseelsorge, wie heute, habe es damals aber noch nicht gegeben.

Social Media als Chance für die Kirche

Über Härte im Netz und die Gefahren ist viel bekannt, doch Lutz Neumeier möchte den Fokus nicht allein darauflegen. „Die Menschen kommen nicht mehr so oft in die Kirche, aber sie kommen zu uns im Internet“, sagt er. In den sozialen Medien sieht er deshalb eine Möglichkeit, Menschen öfter und intensiver zu erreichen. Ihm ist daher wichtig zu betonen: „Die Chancen für uns als Kirche sind gewaltig“. So können Gemeinden jene erreichen, die schon gar keine Berührungspunkte mehr mit der Kirche haben und mit Gemeindemitgliedern oder auch ehemaligen Mitgliedern in Kontakt zu bleiben. „Ich habe auf Facebook Kontakt mit meinen Konfis aus den 2000er-Jahren“, berichtet der Pfarrer. Die sozialen Medien machen eine lockere Verbundenheit möglich.

Seelsorge im Netz: Zuhören und Anteil nehmen

Neben der Öffentlichkeitsarbeit nutzt Lutz Neumeier die Kanäle auch für die Seelsorge. Ganz gleich, ob auf Instagram, Facebook oder Snapchat – die Menschen sprechen ihn an. „Wie ich im Rewe mit Leuten spreche, so spreche ich auch mit den Menschen im Internet“, sagt er. Dabei vertrauen diese ihm oftmals auch Dinge an, die er seinem Pfarrer früher nicht erzählt hätten. Da kein physischer Mensch dem Hilfesuchenden gegenübersitzt, sei die Hemmschwelle, Sorgen und Nöte zu teilen, geringer, sagt Lutz Neumeier. „Es ist Seelsorge auf einem niedrigen Level. Hier gilt es zuzuhören und Anteil zu nehmen“, erklärt der Pfarrer sein Vorgehen. Ein Großteil jener, die die Online-Seelsorge nutzen, würde die Seelsorgeangebote der Kirche im realen Leben nicht nutzen, glaubt Lutz Neumeier. Denn viele haben inzwischen den Kontakt zur Kirche verloren. Social Media bietet hier einen neuen Anknüpfungspunkt.

Ein Post als Anknüpfung

Immer wieder wird Lutz Neumeier auch selbst aktiv und geht auf Menschen online zu. Denn so mancher Post kann ein versteckter Hilferuf sein. Deshalb ist es wichtig, diese mit Feingefühl zu lesen und selbst aktiv in einer privaten Nachricht nachzufragen: Was ist los?

Viele öffnen sich im Chat und erzählen, was sie bedrückt. „Da entspinnt sich dann oftmals ganz viel“, teilt der Seelsorger seine Erfahrung. Viele seelsorgerische Chats, die Lutz Neumeier führt, erstrecken sich über einen Tag oder auch mehrere Tage hinweg. Die Sorgen, mit denen sich die User melden, sind dabei ganz unterschiedlich.

Sorgen online teilen

„Es gibt sowohl Dinge aus der physischen als auch aus der Online-Welt, die die Leute belasten“, sagt er. So erzählen ihm Menschen von Beziehungsproblemen oder Problemen auf der Arbeit, aber auch von Erlebnissen im Netz.

Niemals vergessen werde er einen Fall, bei dem sich ein Schüler online bei ihm meldete. „Er sagte mir, dass andere Jungs ihn morgen früh vor der Schule verprügeln wollen“, erinnert sich der Seelsorger. Der Konflikt begann ursprünglich im Internet, in einem Chat, und hat sich dann in die reale Welt übertragen. Lutz Neumeier ist froh, dass sich der Schüler ihm damals anvertraute und er ihm helfen konnte.

Härte im Netz und seelische Verletzungen

Der Umgangston auf Social Media kann rau und hart sein, weiß der Seelsorger. Die Menschen hauen teilweise ungefiltert ihre Äußerungen raus, erklärt er. „Der Ton ist härter und aggressiver, aber die seelische Verwundbarkeit ist unverändert“, erläutert Lutz Neumeier. So entstehen schnell seelische Verletzungen im Bereich des Selbstwertes, die Infragestellung der eigenen Körperlichkeit und ein Selbstbild, das leidet.

„Je öfter man Titulierungen über einen liest, desto mehr bestätigen sie sich in der eigenen Selbstwahrnehmung“, erklärt der Seelsorger. Auch vergleichen sich Menschen selbst und ihr Leben mit dem, was sie auf Social Media zu sehen bekommen. „Wir sehen ständig immer schöne, schlanke Menschen – das kratzt an der Seele und brennt sich ein“, macht Lutz Neumeier deutlich. So entstehe schnell der Eindruck: Ich bin nicht genug, ich bin weniger wert.

Was kann Seelsorge der Härte entgegensetzen?

 „Es gibt viel Hate und Härte auf Social Media“, sagt Lutz Neumeier. Die Aufgabe der Kirche sieht er, hier einen Gegenpol zu halten. „Wir können auch miteinander und füreinander bestärken“, regt er an. Es sei wichtig, dem ständigen Ausgrenzen gegenzuhalten. „Wir können ganz viel Positives entgegensetzen. Lovespeech statt Hatespeech“, regt der Seelsorger an. Zum Halbjahreszeugnis hat er einen Post erstellt und veröffentlicht:
„Du bist mehr wert als eine Note!“. Neumeiers Post wurde nicht nur geliked und mit Herzen versehen, die Menschen haben sich auch über Direktnachrichten beim Pfarrer für die freundlichen Worte bedankt.

Gegen den Shitstorm: Social Media wie ein Wohnzimmer sehen

„Ich habe schon einige Shitstorms durch“, gesteht Lutz Neumeier. Einen echten Shitstorm erleben Privatpersonen allerdings eher selten. Doch wie gehe ich damit um, wenn plötzlich unschöne Kommentare unter meinen Beiträgen oder in meinem Messenger landen? Lutz Neumeier hat für einen solchen Fall eine klare Strategie: die Verursacher direkt ermahnen. Es sei wichtig, deutlich zu sagen: Einen solchen Umgangston will ich nicht. Wird diese Grenze nicht akzeptiert, helfe nur eines: „Nicht lange fackeln, einfach blockieren!“, rät er.

Sich Hilfe zu holen, online oder offline, ist richtig und wichtig, sagt der Seelsorger. Gerade Härte im Netz treffe die Menschen. „Man muss sich vorstellen, man sitzt allein zu Hause und liest dann Anfeindungen oder Beleidigungen“, malt er das Szenario. Viele würden das in sich hineinfressen, vermutet der Seelsorger, und betont: „Das ist keine gute Lösung!“ Darüber zu reden sei wichtig.

7 Wochen ohne Härte – 7 Wochen ohne Social Media?

Schon bald beginnt die Fastenzeit. Diese steht bei der EKD in diesem Jahr unter dem Motto: Sieben Wochen ohne Härte. „Sieben Wochen ohne Handy, das würde ich gar nicht aushalten“, lacht Lutz Neumeier. Doch er hat Tipps, wie sich die Fastenzeit gestalten lässt:

  • Erst am nächsten Tag reagieren

„Wenn ich nicht im Affekt reagiere, reagiere ich auch weniger impulsiv und damit weniger hart“, erläutert Lutz Neumeier den Effekt.

  • Den Algorithmus trainieren

„Mit dem, was ich like, teile oder kommentiere, lernt mein Algorithmus, was mir gefällt, und zeigt mir Inhalte in diesem Bereich“, erläutert der Medienpädagoge.

  • Sieben Wochen nur das Gute sehen

„Nur das anschauen, was schön ist, was mir guttut“, regt er an und rät im Gegenzug, alles abzubestellen, was Sorgen und Ängste schürt.

Für sich persönlich hat er noch eine weitere Regel für die anstehende Fastenzeit aufgestellt:
„Sobald ein Mensch vor mir steht, bleibt das Handy in der Tasche!“, sagt er.