Notfallseelsorge: Beistand in der akuten Krise

Ein tödlicher Unfall bei der Arbeit, auf der Autobahn oder ein Suizid: Wenn anschließend Notfallseelsorger vor der Tür der Angehörigen stehen, haben sie keine guten Nachrichten. Marika Weldert kennt diesen Moment aus beiden Perspektiven.

Marika Weldert

Marika Weldert (links) kennt den Moment, an dem eine Notfallseelsorgerin an der Haustür klingelt, aus zwei Perspektiven: Vor elf Jahren verlor sie ihren Sohn bei einem Autounfall und brauchte selbst Beistand. Heute ist sie ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin aktiv.

Darmstadt (epd). Wenn sich bei Manuela Stebel der Piepser meldet, geht es schnell. Nach dem Alarm durch die Rettungsleitstelle schnappt sie sich ihre lilafarbene Einsatzjacke mit dem großen Schriftzug „Notfallseelsorge“ auf dem Rücken und macht sich auf den Weg. Seit fünf Jahren begleitet sie ehrenamtlich Menschen in Ausnahmesituationen. Sie ist dabei, wenn Polizisten eine Todesnachricht überbringen, wenn es schwere Unfälle auf der Autobahn gibt oder die Angehörigen nach einem Suizid benachrichtigt werden. „Ich bin sehr froh, dass ich in diesem Moment einfach Stütze sein kann“, betont die Ehrenamtliche aus dem Westerwaldkreis.

Sie sei Ansprechpartnerin in der akuten Situation, beschreibt Stebel, die hauptberuflich den „Wünsche-Wagen“ des Arbeiter-Samariter-Bundes in Rheinland-Pfalz koordiniert, ihre Aufgabe. „Wir sind für den Moment da, für diesen Tag, für dieses Ereignis“, sagt sie und bezeichnet sich und ihre Kolleginnen und Kollegen als „helfende Hand und zuhörendes Ohr“.

Notfallseelsorge: Der Sohn stirbt bei einem Arbeitsunfall

Einer dieser Notfallseelsorger stand gemeinsam mit dem Chef ihres Sohnes vor rund elf Jahren vor Marika Welderts Tür. Ihr Sohn Jens hatte einen tödlichen Arbeitsunfall. Nach der ersten Starre funktionierte sie irgendwie, bot Kaffee an und fing an, von ihrem Kind zu erzählen, „viel zu erzählen“, erinnert sich Marika Weldert. Der Notfallseelsorger hörte zu und half ihr über die ersten Stunden. Dass er die Familie auch später begleitete, war nicht mehr Teil der an die Situation gebundenen Notfallseelsorge, sondern der Tatsache geschuldet, dass er auch katholischer Pastoralreferent war.

Seit zwei Jahren steht die 63-Jährige nun auf der anderen Seite der Tür. Sie ist mit dem Eintritt in die Altersteilzeit selbst eine von rund 550 Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorgern der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) geworden. Sie hatte gelesen, dass ein neuer Ausbildungskurs startet und lange überlegt, ob sie sich das zutrauen kann. Heute weiß Marika Weldert, dass sie es kann. Sie sei in der Lage, ihre eigene Situation von ihrer Rolle als Notfallseelsorgerin zu trennen und sich auf die Menschen zu konzentrieren, über die gerade eine Katastrophe hereinbricht, erzählt sie.

Seelsorge: Dasein und Zuhören hilft den Betroffenen in seelischer Not

Sie habe das Gefühl, den Menschen mit ihrem Dasein und dem Zuhören in der Notsituation etwas Gutes zu tun, schildert Weldert ihre Erfahrungen. Wenn sie wieder wegfährt, gebe ihr das ein gutes Gefühl. Wichtig seien anschließend allerdings auch die Gespräche mit dem sogenannten Hintergrund. Diese Kollegen fragen nach, wie es den Notfallseelsorgern nach dem Einsatz geht und ob sie selbst noch etwas aufarbeiten müssen.

Die Ausbildung in der Psychosozialen Akuthilfe für die Notfallseelsorge umfasst 120 Unterrichtseinheiten, aufgegliedert in vier Module. Zwischen den einzelnen Modulen sei jeweils etwas Abstand, damit sich das Gelernte setzen kann, erläutert Raimar Kremer, Leiter des Zentrums Seelsorge und Beratung der EKHN. Teil der Ausbildung sei auch die Seelsorge. Dabei gehe es unter anderem um Gesprächsführung und spirituelle Angebote wie Gebet und Aussegnung.

Notfallseelsorger müssen psychisch stabil sein

Vor dem Kurs gebe es für jeden Interessenten eine Art Eignungsgespräch. Wer in der Notfallseelsorge aktiv sein wolle, müsse psychisch stabil sein, Empathie und gleichzeitig die Fähigkeit mitbringen, auf Distanz zu gehen, und auch eine gute körperliche Verfassung haben. Mitunter sei man in unwegsamen Gelände unterwegs oder müsse eine Böschung hinaufklettern, wenn sich jemand auf Zuggleisen das Leben genommen habe und Fahrgäste oder Zugbegleiter Hilfe bräuchten, erläutert Kremer, der selbst viele Jahre Notfallseelsorger war.

Nach dem Kurs gebe es abermals ein Gespräch, gefolgt von einer Hospitanz bei Einsätzen. Vom Kursbeginn bis zum Einsatz ohne Unterstützung durch Kollegen vergingen rund zwei Jahre, sagt Kremer. Angesichts des emotional schwierigen Themas sei diese lange Ausbildung notwendig: „Wir wollen ja niemanden krank machen“, betont der Theologe.

Text: Renate Haller (epd)