"Verständigungsort": Mit Respekt das gemeinsame Gespräch suchen

Kaiserslautern (epd). Die beiden Publikumsstühle auf dem Podium bleiben nicht lange leer. Nacheinander nehmen Menschen aus der Stadtbürgerschaft darauf Platz, greifen sich das Mikrofon: Der ehemalige Kriegsdienstverweigerer, der sagt, „dass Krieg noch nie etwas Gutes gebracht hat“. Der Reservist, der deutlich macht, warum man nach seiner Meinung Russlands Machthaber Putin leider nur mit Waffen abschrecken könne. Eine ehemalige Lehrerin ist aufgebracht: Wie könne es sein, dass so viel Geld in die Rüstung fließe, fragt sie. Und sie merkt an: „Dass so viele Kinder in Armut leben müssen, ist ein Skandal.“

Rund 40 Menschen haben sich an diesem Abend im protestantischen Gemeindezentrum „Alte Eintracht“ im westpfälzischen Kaiserslautern eingefunden. Es soll zukünftig zu einem „Verständigungsort“ werden: So nennt sich das neue Gesprächsformat der bundesweiten Initiative „#Verständigungsorte“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für gesellschaftlichen Dialog und Demokratiebildung, an dem sich der protestantische Kirchenbezirk Kaiserslautern beteiligt.

Menschen mit konträren Meinungen zusammenbringen

Ziel sei es, Menschen mit konträren Meinungen in der zunehmend gespaltenen Gesellschaft zu einem friedlichen Austausch zusammenzubringen, erläutert der Kaiserslauterer evangelische Dekan Richard Hackländer. „Es geht nicht darum, recht zu haben, sondern anderen respektvoll zuzuhören und deren Meinungen zu überdenken.“ Gemeinsam mit Pfarrerin Claudia Kettering von der Evangelischen Arbeitsstelle Bildung und Gesellschaft hat Hackländer die Auftaktveranstaltung der Gesprächsreihe organisiert.

Es geht um Frieden: ein Thema, das die Menschen in der Region polarisiert. Ganz in der Nähe ist der US-Militärflughafen Ramstein, die wichtigste Drehscheibe für den weltweiten Truppen- und Materialtransport der Amerikaner. „Wir wären als erste das Ziel eines russischen Angriffs“, macht Klaus Wirtgen von der Friedensinitiative Westpfalz deutlich und spricht sich vehement für Abrüstung aus. Hauptmann Marco May, Jugendoffizier der Bundeswehr aus Mainz, hält dagegen: Nur durch militärische Stärke werde der Frieden in Europa zu wahren sein, sagt er.

EKD-Synodenpräses Heinrich: Reflexionsräume sind wichtig

Anna-Nicole Heinrich, Präses der Synode der EKD, nimmt auf dem Podium die Rolle der Anwältin der jungen Generation ein, man ist per Du - das schafft Nähe. Waffenstärke und Friedensgespräche seien wohl zugleich nötig, führt die Leiterin des Kirchenparlaments der evangelischen Kirche aus. Vor allem aber müssten junge Menschen bei der Frage der Wehrpflicht gehört werden. Mehrere „Verständigungsorte“ in ganz Deutschland hat Heinrich bereits besucht, bei einigen sei es emotional hoch hergegangen. „Es ist wichtig, dass die Kirche und andere zivilgesellschaftliche Gruppen solche Reflexionsräume für Gespräche anbieten“, sagt sie.

Vor allem ältere Friedensbewegte sind zum „Verständigungsort“ gekommen, an dem in Zukunft etwa über die Themen Armut oder umweltfreundliche Ernährung gesprochen werden soll. Zwar stelle sie sich den Argumenten von Befürwortern der Aufrüstung, sagt eine Frau. „Aber es fällt mir schwer“, räumt sie ein. Eine Handvoll junger Leute aus dem Kirchenchor der protestantischen Stiftskirchengemeinde hört den Ausführungen zu. „Supergut“ finde sie die Idee, dass Menschen offen und ehrlich miteinander sprächen, sagt eine Sängerin, „leider sind nur wenig Junge da.“

Niemand wird niedergeschrien, der Krach bleibt aus

Man hört einander freundlich zu bei der zweistündigen Veranstaltung, der Krach bleibt aus. Niemand wird niedergeschrien. Niemand verlässt den Saal, weil er die Meinung des anderen nicht mehr aushalten kann. Das Gesprächsformat ziele nicht darauf ab, schnelle Lösungen für Probleme zu entwickeln, betont EKD-Synodenpräses Heinrich.