Predigt zum 4. Advent 2025 – „Ja und Amen“

Prälatin Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates der EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union in der St. Matthäus-Kirche Berlin

Liebe St. Matthäus-Gemeinde,

eine halbe Seite Paulus-Brief gehört in diese letzten Meter Advent. In Tage, an denen selbst briefmuffeligste Leute wieder schreiben, die Unterschrift unter einen Kartenvordruck setzen oder doch noch ein paar Zeilen per Hand: Dank fürs letzte Jahr, Wünsche für das neue. Tage, in denen andere sich richtig hinsetzen zum „Schreibebrief“, wie meine Großmutter es nannte. Man habe sich längst melden wollen, danke für Deinen Geburtstagsbrief von Februar, ich wollte Dich längst besuchen …

Paulus hat Briefe geschrieben an seine Gemeinden. Und besonders an die in Korinth – eine Gemeinde, die er gegründet hat. In unserer Adventspassage verschiebt er einen Besuch. Die Korinther reagieren offenbar unwirsch: Du hast es versprochen, Du hast gesagt, Du kommst mit Deinen Leuten, und dann auf einmal nicht. Auf nichts kann man sich verlassen, noch nicht einmal auf Dich.

Ja oder nein – was gilt?

Und was für eine Gemeinde ist das da in Korinth? Die vermutlich im Jahre 51/52 n. Chr. gegründete ekklesia tou theou („Gemeinde Gottes“) war ein bunter Haufen. Korinth, Hafen- und Handelsstadt, entwickelt sich ständig, Baustellen, Schiffe aus fremden Ländern, Wanderprediger aus aller Welt.

Die Gemeinde in Korinth war wohl ein Sorgenkind für Paulus, wackelig, verführbar durch charismatische andere Apostel, an den Rändern ausgefranst. Und Paulus versucht, sie zusammenzuhalten, sie dicht an sich dran zu halten, mit ihnen verbunden zu sein und zu bleiben. Sich als ihr Apostel zu beweisen. Zeile um Zeile.

Das ist offenbar nötig – in anderen Briefpassagen lässt sich herauslesen, dass Paulus sich nicht durchsetzen konnte. Seine Briefe sind großartig – aber seine Präsenz ist eher mickerig und seine Redekunst schwach. So geht es hin und her – er kommt, es kracht, und muss per Brief nachbereitet werden. Er kündigt Besuche an und kann die Termine nicht halten. Kern der Antwort von Paulus auf die Kritik darüber ist unsere Passage zum 4. Advent.

Paulus hat seine Gründe, Reiserouten verändern sich eben bei einem, der so viel unterwegs ist wie er. Und es gibt ja nicht nur die Gemeinde in Korinth.

Die Apostel sind ständig unterwegs, Winde sind ungünstig und Boote verspäten sich. Die Gemeinden wollen, dass er bleibt, und er kann sich nicht zerschneiden.

Erst hast Du ja gesagt, dann nein, murren die Korinther. Was denn nun? Sind wir nicht gut genug für Dich? Wie zuverlässig ist das, was du uns sagst? Licht aus oder Licht an?

Und Paulus holt aus. Er spricht nicht über sich. Er spricht über Christus. DER ist verlässlich.

„Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja;
darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.“

„Ja und Amen“ – stärker geht’s kaum. „Amen dazu“ sagt mancher, wenn er nichts mehr hinzuzufügen hat. Amen ist Brief und Siegel. Sachlich richtig. So sei es. So soll es sein.

Paulus buchstabiert das so: Gott sagt „ja“, der Mensch sagt „amen“ – durch Jesus Christus.

Wie ein kleiner Gottesdienst steckt es hier drin: Gottes Zusage – Ja! – und die Antwort von den Menschen: Amen!

Gott hat zuerst geredet, sich zuerst gezeigt, in der Schrift, in seinem Sohn, und der Mensch antwortet, stimmt zu, fällt ein, lobt Gott.

Wie stellt Paulus sich das vor?

Ich bin bei euch, egal, ob ihr es seht oder nicht, ob ihr es fühlt oder nicht, sagt Gott, und ihr Menschen sagt dazu betend und dankbar: Amen.

Und das könnt ihr deshalb, sagt Paulus, das könnt auch ihr, meine Freunde in Korinth, weil Christus gezeigt hat, wie Gott ist. Christus ist ganz und gar das Ja von Gott.

Und wer zu ihm gehört, ist ganz und gar das Ja von Christus.

Paulus reduziert radikal. Die Korinther stellen seine Glaubwürdigkeit infrage. Empfinden ihn als widersprüchlich und nicht verlässlich. Herbste Anfechtung, so kann man nicht mehr zusammenarbeiten. Das kann ja passieren – gerade die allergrößte Anstrengung führt zum Gegenteil. Es knallt.

Und Paulus knallt zurück: Er ist Apostel des verlässlichen Gottes. Und damit auch selbst verlässlich.

Ob es wirklich nur um verschobene Reisepläne geht? Zwischentöne sind nicht überliefert. Entscheidend ist: Versöhnung ist apostolische Dienstpflicht. Es muss und es wird für die Gemeinde weitergehen.

Paulus ist als Briefschreiber im Krisenmodus. Von ihm lässt sich lernen: Ohne Krise kein Glauben. Und in der Anspannung liegt nicht das Ende, sondern der Anfang.

Es kriselt, wo Menschen aufeinandertreffen. Und wo Menschen auf Gott treffen, erst recht. Und es kriselt auch da, wo Menschen und Gott einander abhandenkommen. Das gehört nicht weggeredet. Eher verwörtert. In Briefe gefasst. In Gespräche beim Punsch. Unterm Baum. Nicht aufhören damit.

21 Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt hat
22 und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.

Gott hat uns versiegelt. Ein nicht anzutastender Schutz für seine Geschöpfe. Siegel brechen darf nur der, für den der Brief ist. (Eigentlich seid Ihr ein Brief Christi – heißt es später im zweiten Korintherbrief. Das Bild fasziniert Paulus offenbar.)

Und gesalbt! Das wurden Kaiser, Könige, Propheten. Und Christusgläubige – in der Taufe, bis heute.

Gott sucht noch immer den Kontakt – in jeder noch so kleinen Geste der Barmherzigkeit, im ersten Lebensschrei eines Kindes.

Gott lässt sich auf die Welt ein, immer wieder – das haben wir mit Brief und Siegel. In alle Dünnhäutigkeit der Gegenwart.

Kein „Vielleicht“. Kein „Mal sehen“. Ein JA.

Ich phantasiere: in diesen Tagen geht es bei Vielen um Briefe und Besuche. Und dabei um Entscheidungen.

Bei welchen Eltern oder Schwiegerkindern gibt es das Mittagessen am zweiten Feiertag, wer besucht Oma im Pflegeheim, sind die Kinder am Heiligabend bei Papa oder bei Mama, wen laden wir Silvester ein und wen nicht, gibt’s Ente oder vegan wegen der Freundin vom Sohn …? Oder doch Schokoladenfondue – aber wir wollten doch nicht mehr so viel Süßes.

Und wie vermeiden wir all die Themen, bei denen wir sowieso nicht weiterkommen? Einmal kurz Ruhe. Wenigstens an Weihnachten.

Und ich muss gar nicht phantasieren, um zu wissen: Wie viele Menschen kämpfen sich durch in den Dornwäldern des Alltags, an den Kriegsfronten, auch den tatsächlichen, und wie viele sind gerade an Weihnachten so unendlich traurig, weil der geliebte Mensch nicht mehr da ist und so sehr fehlt.

Und ich muss auch nicht phantasieren, um zu wissen: Viele trauen der Kirche nicht mehr zu, der Ja-und-Amen-Ort zu sein.

Oder jedenfalls ein guter Ja-und-Amen-Ort zu sein, einer, dem man die eigenen Kinder anvertrauen möchte oder die eigene Seele oder das eigene Ja vor Gott.

Wie kommen wir in all dem heil in gerade dieses neue Jahr?

Gott spricht das Ja. Salbt und versiegelt. Setzt dem Menschen ins Herz den Geist. Und der Mensch antwortet mit amen.

So haben vielleicht die ersten Christengemeinden getauft. Gott macht fest. In Christus.

Gott salbt und versiegelt – zum König, Priester und zur Prophetin. Der Geist als Unterpfand – der macht, dass das für uns überhaupt geht.

Der Glaube – fest gemacht für immer.

Als bekäme das „Ja“ Farbe und Form, Griff und Henkel.

Mit einem Ja leuchtet im Adventsglanz noch einmal neu ein: Du bist Gottes geliebtes Kind. Und antwortest mit amen.

Einfach so. Durch allen Wahnsinn dieser Tage hindurch.

Probieren Sie bitte aus, wie sich das anfühlen könnte, gerade heute, drei Tage vor Heiligabend, hier an diesem großartigen Ort.

Licht an, Licht aus. Und es bleibt: das Ja.

An diesem Tag. Dem kürzesten des Jahres. Dem Wendepunkt, wenn es gerade nicht mehr dunkler werden kann, sondern wieder heller wird.

Wenn noch nicht Heiligabend ist, aber schon ganz viel Licht in Sicht.

Um uns herum in den Kunstwerken sehe ich lauter radikale existentielle Momente – in denen es Nein gibt oder Ja, oder beides gleichzeitig. Pulsschlag. Lebendigkeit.

Ich stelle mir vor: Sie stellen sich mitten hinein in diese pulsende Kunst und hören diesen Herzschlag des Lebens im Glauben an einen Gott.

Einen Gott, der mit jedem Deiner Herzschläge sagt: Ja. Und Ja.

Das heißt: Ich bin mit dir einverstanden.

Nicht: Du musst allen zeigen, wie lieb Du sie hast, und allen alles sein. Und noch ganz viel vorbereiten. Und es reicht sowieso nie.

Sondern Gott sagt: Ich bin Dir treu.

Und Sie sagen es zurück, mit Ihrem Amen: Ich bin auch mit Dir einverstanden, Gott, bin Dir treu, heute jedenfalls, ich probiere aus, wie sich das anfühlt, mit Dir einverstanden zu sein und so vielleicht auch mit mir selbst.

In allem Unvollkommenen komme ich durch diese Tage ins neue Jahr.

Und mit diesem Gott-Lächeln, dieser: Ich-bin-gesehen-Zustimmung im Herz gehen Sie dann zurück zur Gans oder dem Rezept für braune Kuchen oder in die leere Wohnung oder zum Bahnhof, weil ich jetzt doch die Kraft habe, in die Seniorenwohnung zu fahren, wo ich seit August nicht war.

Mit diesem Ja von Gott und diesem Amen von mir – das könnte ein Zugang sein in den Heiligen Abend.

Eine kleine Stärkung.

Auch wenn am Mittwoch die Buttersauce schwarz ist, das Wachs tropft und der Karamell Vaters Plomben zieht, wenn das große Kind doch nicht kommt und Mutter das Geschenk wieder umtauschen will, egal, wer nein zu mir sagt und wenn ich es nur selber bin –

heute gibt es einen liebevollen Ja-Blick auf mich.

So wie ich da bin.

Mit allem, was die nächsten Tage bringen und auch mit dem, was sie nicht bringen.

Heute sind wir Gottes Amen-Leute.

Durch ihn und mit dem Kind in der Nacht, die kommt.

Ja?

Bitte sprechen Sie mit mir: Amen.