Gestärkt weitergehen - Predigt zu Oculi 2026

Prälatin Dr. Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union im Berliner Dom

Unsere Aufgabe ist es, vom rettenden Gott zu erzählen, sagt Prälatin Gidion in ihrer Predigt zum Sonntag Oculi im Berliner Dom. „Wir sind dazu da, dass immer wieder neu Ginsterorte entstehen“, betont sie im Blick auf die Ruhestätte von Elia unter einem Ginsterbusch, wo der Prophet neue Kraft schöpft. „Mit Brot und mit Wasser. Mit Brot und Liebe.“ Damit Menschen weiter erschöpft sein dürfen, gestärkt werden und weitergehen können.

 

Gesamttext der Predigt

Gott, schenk uns ein Herz für Dein Wort und ein Wort für unser Herz.

I

Elia, der große Gottesheld, hat geeifert für seinen Glauben und seinen Gott. Er hat alles erreicht: er ist Sieger geblieben am Berg Karmel. Er hat seinen Auftrag erfüllt, 150prozentig. Er müsste jetzt befördert werden, einen Orden bekommen, eine ruhegeldfähige Höhergruppierung nach P16, P für Propheten.

Aber Elia ist nur ein Häufchen Elend. Ein Mensch, der Schatten sucht unter dem dafür ungeeignetsten Gewächs, einem Ginster mit wenigen und kleinsten Blättern.

Elia hat seinen Auftrag erfüllt, nun erfüllt ihn unendliche Mattheit. Nun erfüllen ihn Zweifel. Angst. An seinen Händen klebt das Blut hunderter Priester. Er hat gekämpft und getötet und glaubte, er sei auf der richtigen Seite. Er wird gejagt und verfolgt.
Nun kann er nicht mal mehr ein Kopfkissen formen unterm Ginster. Elia fühlt sich nicht am Ziel. Nur leergepumpt.

II

Dann kommt der Engel.

Einmal. Zweimal.

Da steht wieder etwas zu essen, nochmal.
Engel sind, wie sie heißen.
Sie bringen Nachrichten.
Engel sind Auftrag, nicht Person.
Ist der Auftrag erfüllt, löst sich der Engel auf.
Sanft, wie verschwebendes Schweigen.

Beim zweiten Mal sagt der Engel:
Steh auf und iss.
Jetzt steh auf.
Er sagt übrigens nicht: Bleib liegen, ich mach das für Dich.

Er sagt: Steh auf, um dich zu stärken. Beweg Dich.
Du hast Dich eingerichtet. Nun geh.

Und unterm Ginster rappelt sich Elia auf.

III
Mein Gott ist der Ewige, das ist der Name von Elia. Das bedeutet der Name Elia.
Mein Gott ist die Ewige. Es bedeutet für Elia auch: meiner. Nicht deiner!
Elia zieht eine klare Grenze zwischen seinem Gott und denen auf der anderen Seite. Eine drastische Grenze. Eine tödliche. Auf der einen Seite der, der Recht hat, Elia.
Auf der anderen Seite, die, die Unrecht haben. Zwischen diesen Grenzen ist kein Zwischenraum. Keine Grauzone.
Mein Gott ist der Ewige, das ist Elias Name.
Wie reden Sie Ihren Gott an?

IV

Engel heißen, wie sie sind. Ein Engel ist eine Botschaft.
Elia bekommt die Botschaft: Leg dich hin.
Aber steh auch wieder auf.

Niemand hat Elia gesagt, was er nach dem Aufstehen zu tun und zu sagen und zu sein hat. Elia bekommt keinen neuen Auftrag im Sinn von: Tu Folgendes. Sein Auftrag ist, was auf ihn wartet: neu werden. Und Gott so neu begegnen.
In welchem Gewand auch immer er erscheint.
40 Tage braucht dieses Neuwerden und ragt so in die Fastenzeiten dieser Tage. 40 ist die biblische Zahl für alles, was ganz und gar neu werden muss und darf:
Eine Welt in Unordnung, ein Weg-suchendes Volk, ein suchender Gottessohn, ein Prophet, der alles richtig gemacht hat, und gleichzeitig alles verkehrt. Ein Prophet, der nur Schwarz und Weiß kennt, Mein und Dein, wir und die.
Ich höre den Engel durch die Zeit sprechen, bis ins Heute: Steh auf und iss! Ich höre ihn sagen: Es gibt Grauzonen. Es gibt Schwäche. Ambivalenz. Und Du muss nicht nur kämpfen. Du bist nicht nur der, der die Feinde besiegt.
 

Ich höre den Engel ins Heute in diesen Tagen besonders, wo manche sich hinlegen möchten: Nachrichten aus, nichts mehr hören und lesen, es ist genug. Da höre ich den Engel:
Vertrauen trägt. Ein Leben aus Vertrauen ist möglich, ratsam, Zukunft schaffend. Gerade wenn die Welt in Unordnung ist.
In Zeiten, in denen Sicherheit im Fokus steht und stehen muss. Gerade dann braucht es Vertrauen, Zutrauen, Stärkung. Das Gefühl, gehalten zu sein, in Beziehung zu sein – um nicht unterzugehen.

V

Unterm Ginster wird Elia wieder neu.  

Wo erleben Sie Ihre Ginsterorte?

Wenn ich träumen darf, kurz, den Kopf auf Elias Erschöpfungskissen, dann träume ich so: „Die Kirche“ dieser Tage ist nicht nur Synonym ist für Krise und Sinkflug, sondern für Communio und Verbundenheit. Wer erschöpft ist, geht gern in einen geistlichen Raum, ob Dom oder Kapelle. Senkt sich ab. Und merkt zugleich, wie etwas innen sich langsam wieder aufrichtet.
Wie der Empathiefähigkeitslevel langsam wieder steigt.

Dafür reicht manchmal eine heilsame Unterbrechung. Dafür reicht ein Morgen im Dom. Dafür reicht ein Lied, selbst gesungen, nicht über Spotify. Und das Brot des Lebens und der Kelch des Heils, Christus für Dich.  

Und Elia erlebt das: Es ist möglich, dass Menschen nach dem Ginsterschlaf aufwachen.
Und Kraft haben zum Aufstehen und Weitergehen.
Weil ihnen ihr Auftrag klarer geworden ist, und sie sich selbst.
Weil ihnen ein Wort wieder wichtig geworden ist, ein Ton,
ein Klang, ein Gefühl, eine Sehnsucht. Ein Vertrauen. Ein Zutrauen. Eine Gelingensgewissheit.

Woran merken Sie so etwas?
Ob Sie dem liebenden Gott begegnet sind, der neu macht: Siehe, ich mache alles neu! wie die Jahreslosung es an den Horizont malt?

So neu, dass man aufstehen kann.
Die Schultern entkrampft, den Rücken gerade.
Gerufen – nicht getrieben. Dankbar. Gesättigt. Hoffnungsvoll. Ginsterblätter im Haar.

VI

Elia hat angefangen als Kämpfer für seinen Gott. Ein schillernder Ausdruck in dieser Zeit. Auch in der Kirche gibt es viele Kämpferinnen und Kämpfer, im Internet, auf der Kanzel, auf der Straße, auch am Krankenbett, am Taufbecken, am Grab. Gottlob, möchte ich sagen. Kirche kommt gerade wieder in eine Zeit, sich verteidigen zu müssen, gegen „DDR 2.0-Vorstellungen“, wie es der sächsische Pfarrer Justus Geilhufe nennt und damit das sogenannte Regierungsprogramm einer dezidiert kirchenfeindlichen Partei meint. Und Kirche muss sich auch verteidigen gegen falsche Propheten in ihrem Namen. Und gegen ihr eigenes Verdunsten – auf den Dörfern, wo sie den einzigen Raum für Gemeinschaft bietet, seit die Kneipe zu ist. In der Stadt, wo so viel anderes ist, was lockt. Im Wettstreit der Deutungshoheit. Vielleicht muss Kirche sich auch verteidigen gegen ihr eigenes Zerreißen zwischen Institution und Bewegung. Zwischen dem, was lange war und vielen so lieb, und was auch eng war und manche klein gemacht hat und im Dunkel allein gelassen.
Und wenn die Angst vor der Wahl zwischen Himmel und Hölle nicht mehr zusammenhält, braucht es Neues, Heilsames, das trägt. Die Abwehr von Feinden ist es aber nicht. Misstrauensgemeinschaften sind es nicht.
Und ja, auch ich möchte die Kirche retten und ich kenne viele, die das auch wollen. Und ja, die Kirche hat schon so viel überstanden und am besten dann, wenn sie nicht beharrt, wenig verteidigt hat und gelassen blieb im Strudel der Veränderungen. Getragen von einem Gott, der in die Krippe geht, um mit den Menschen in Beziehung zu bleiben.

Unsere Aufgabe ist nicht, die Kirche zu retten. Unsere Aufgabe ist, vom rettenden Gott zu erzählen.

Wir sind dazu da, dass immer wieder neu Ginsterorte entstehen. Mit Brot und mit Wasser. Mit Brot und Liebe.
Mit sieben Wochen ohne Härte. Stattdessen: Sieben Wochen mit Leid, Mitleid. Empathie.
Damit Menschen weiter erschöpft sein dürfen, gestärkt werden und weitergehen können.

Elia hatte andere Vorstellungen von Gott. Sturm und Erbeben und Blitze und Gewitter, dass Gott es richtig krachen lässt. Aber krachen lassen es die Herrscher und die Mächtigen. Und das ist brandgefährlich heute und war es damals auch schon.

Elia erlebt nach 40 Tagen in der Wüste einen sanften Gott. Er selbst hat seine Kämpfe hinter sich gelassen. Und bricht mit neuer Sehnsucht nach Gott wieder auf.

Diese Sehnsucht ist kostbar.
Wir dürfen sie nicht preisgeben.
Sie ist Gottes Ginstergeschenk.

Der Engel sprach: Steh auf und iss, sonst ist der Weg zu weit für dich.

Und Elia stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.

Amen.