Predigt zur Einweihung der Versöhnungskapelle in Berlin

Wolfgang Huber

"Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung." So stand es schon in der Altarbibel, die Kaiserin Auguste Victoria am 28. August 1894 für die Versöhnungskirche gestiftet hat. Was lag näher, als dass auch der damalige Generalsuperintendent Faber die Einweihung des neuen Kirchengebäudes unter dieses Wort stellte? So wurde die Versöhnungskirche zu einem steingewordenen Zeichen für das Wort von der Versöhnung. Sie musste zu einem Zeichen gegen den Geist der Zeit werden. Sie erlebte zwei Kriege und zwei Diktaturen; und sie erlebte zwei Zerstörungen. Aber das Wort von der Versöhnung blieb gültig.

Dieses Wort blieb gültig, als die Kirche in den schrecklichen Bombenangriffen des 22. und 23. November 1943 in einer ersten Zerstörung schwer getroffen wurde. Es blieb in Kraft, als das Kirchengebäude seit dem 13. August 1961 das Schicksal Deutschlands auf so unvergleichliche Weise widerspiegelte. Das Gemeindezentrum Bernauer 111 wurde die Antwort darauf, dass die Versöhnungskirche eingemauert war. Die Versöhnungszusage Gottes blieb auch in Kraft, als die im Todesstreifen gelegene Kirche am 22. Januar 1985 gesprengt wurde - als sich jene zweite Zerstörung vollzog, die ein "Epitaph" für die Versöhnungskirche so beschrieb: "Auf Befehl und Vertrag / eines Morgens stürzt / auf Befehl und Vertrag / eine Kirche aus unserem / Gedächtnis auf Befehl / und Vertrag ist Vertrag."

Nein, die Kirche, die den Namen der Versöhnung trug, und das Wort von der Versöhnung stürzten nicht aus unserem Gedächtnis. Über Bitten und Verstehen hinaus gewannen wir vor elf Jahren wieder Zugang zu dem, was der Todesstreifen hieß. Über Bitten und Verstehen hinaus wurde vor zehn Jahren wieder vereinigt, was auseinandergerissen worden war. So wie die Versöhnungskirche in den Jahrzehnten der Mauer zum Spiegel für das Schicksal Deutschlands geworden war, so kann nun auch die auf ihrem Grundriss neu errichtete Versöhnungskapelle zu einem Spiegel unseres Dankes werden. Dankbar sind wir an diesem Ort für das Geschenkt der Freiheit und Einheit, dankbar für Versöhnung.

Unter den Kirchengebäuden, die wir nach 1990 neu errichten konnten, ist die Versöhnungskapelle in einer ganz besonderen, ja einmaligen Weise ein Zeichen unseres Dankes an Gott, der Trennungen überwindet und Versöhnung stiftet. Am zehnten Tag der Maueröffnung, am 9. November 1999, haben wir das Richtfest für diesen Bau gefeiert. Und heute, ein Jahr später, weihen wir sie ein. Das ist ein Zeichen gegen die Resignation; ein Hoffnungszeichen ist es auch in der Art, in der dieser Bau verwirklicht wurde. Ein Hoffnungszeichen ist es im Blick auf die vielfältige und ungewöhnliche Unterstützung, die wir dabei erfahren haben.

"Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung." Dieses Bekenntnis bekräftigen wir an diesem 9. November sehr eindringlich. Wo stünden wir heute, wenn wir in unseren Sünden und den Sünden unserer Väter gefangen blieben? Wo stünden wir heute, wenn das Wort von der Versöhnung nicht unter uns aufgerichtet wäre? Mit Blindheit ist geschlagen, wer nicht einmal an diesem Ort Augen für das Wunder der Versöhnung bekommt. Von Taubheit ist befallen, wer sich nicht einmal hier für diese Botschaft öffnen kann. Gott hat uns einen neuen Anfang geschenkt. Die Versöhnungskapelle ist ein Symbol für diesen neuen Anfang.

Aber wir bleiben nicht bei dem Wort stehen, das der Versöhnungskirche schon vor über hundert Jahren mit auf den Weg gegeben wurde: "Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung." Wir bleiben dabei nicht stehen; wir hören auch auf das, was der Apostel Paulus seiner Gemeinde weiter zu sagen hat: "So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott."

Botschafter an Christi Statt, Botschafter der Versöhnung mit Gott: Das klingt nach einem hohen Anspruch. Man könnte vor ihm schier bange werden. Doch dies ist nicht die Zeit, ihm auszuweichen. In einer Zeit, in der die Gottvergessenheit sich um uns her immer tiefer festsetzt, dürfen wir den Menschen die Botschaft von Gottes Nähe nicht verweigern. In einer Zeit, in der ein verbreiteter Gewohnheitsatheismus bei vielen in Gleichgültigkeit umschlägt, können wir das Wort von der Versöhnung nicht für uns behalten. In einer Zeit, in der Menschen sich nicht nur gegen die Versöhnung mit Gott sperren, sondern auch miteinander unversöhnlich umgehen, bekommt die Rolle als Botschafter an Christi Statt klare Kontur.

In Wahrheit handelt es sich ja gar nicht um einen zusätzlichen Anspruch. Das Wort von der Versöhnung wartet einfach darauf, dass wir ihm mit unserem Leben entsprechen. Wo Licht ist, kann es nicht verborgen bleiben. Wo Versöhnung ist, können wir sie nicht verstecken. Wo das Wort von der Versöhnung wirkt, gibt es nicht Menschen erster und zweiter Klasse. Wo wir an Christi Statt reden, also an der Stelle des Juden Jesus aus Nazareth, hat Antisemitismus keine Chance. Wo wir es mit dem Gott Jesu halten, der nicht nur ein Gott des eigenen Volkes, sondern auch ein Gott der Fremden ist, da sagen wir allen Formen von Fremdenfeindlichkeit ab.

Wir können nicht davon absehen: Der 9. November, dieser Schicksalstag der Deutschen, ist eben nicht nur der Tag der Maueröffnung im Jahr 1989, sondern auch der Tag der Schändung jüdischer Synagogen und der Plünderung jüdischer Kaufhäuser im Jahr 1938. Der 9. November, dieser Schicksalstag der Deutschen, ist nicht nur der Tag, an dem 1919 in Berlin die Republik ausgerufen wurde, sondern auch der Tag, an dem 1923 in München der völkische Ungeist des Hitlerismus proklamiert wurde.

An diese Einweihung schließt sich nachher in der Oranienburger Straße die Gedenkstunde für die Opfer der Reichspogromnacht an. Diese Opfer stehen uns auch jetzt vor Augen. Aber wir beklagen nicht nur Opfer der Vergangenheit. Wir beklagen ebenso, dass der Ungeist von Antisemitismus und Intoleranz noch immer, ja heute erneut unter uns lebendig ist. Damit können und wollen wir uns nicht abfinden, weder im Osten noch im Westen Deutschlands. Für alle Teile unseres Landes muss der 9. November zu einem Zeichen für Toleranz und Mitmenschlichkeit werden.

Hier fangen wir damit an - hier in dieser Versöhnungskapelle, einem deutlichen und mutigen Zeichen für das, wofür wir zu danken haben: das überraschende Geschenk der Versöhnung, das nicht nur in unseren Herzen, sondern auch in unserem politischen Leben Gestalt angenommen hat. Hier fangen wir an. Wo uns das Wort von der Versöhnung mit Gott erreicht, machen wir uns auf, Botschafter dieser Versöhnung zu sein und für die Versöhnung unter den Menschen zu wirken. Dazu gebe Gott seinen Segen - am heutigen Tag und weit über diesen Tag hinaus.

Amen