Sehnsucht nach Gespräch
Tagung in Loccum beleuchtet Chancen kirchlicher Seelsorge in Zeiten gesellschaftlicher Verunsicherung
Das Bedürfnis nach Austausch wächst – und eröffnet der kirchlichen Seelsorge neue Chancen, ihre Stimme hörbarer zu machen. Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum diskutierten rund 70 Fachleute und Aktive aus Kirche, Diakonie und Wissenschaft über den aktuellen Stand und die Zukunft dieses zentralen Arbeitsfeldes. Im Rahmen der Kampagne „Seele stärken“ der Landeskirche Hannovers wurde deutlich: Trotz hoher gesellschaftlicher Relevanz und großer Zustimmung steht die Seelsorge vor strukturellen Herausforderungen – und zugleich vor neuen Chancen, Menschen auch jenseits kirchlicher Milieus zu erreichen.
Die Seelsorge ist eine Kernkompetenz der Kirche. Doch wie kann diese Kompetenz gestärkt werden? Darum ging es nicht nur auf dem Podium der Akademie Loccum. Auch das Publikum diskutierte rege mit.
Seelsorge hat eine besondere Stärke: ihren ruhigen, zugewandten Zugang zu Menschen. Gerade in den vergangenen Jahren sei deutlich geworden, wie groß das Bedürfnis nach Gespräch und Begleitung ist, so Oberlandeskirchenrätin Nicola Wendebourg, Leiterin des Personaldezernats der hannoverschen Landeskirche, zum Auftakt der Tagung. Viele Menschen suchten Räume, in denen sie gehört werden und ihre Sorgen teilen können. In Zeiten des Populismus erhalte die Sehnsucht nach Gespräch weiter Nahrung. Der „einsame, frustrierte Mensch“ rücke dabei als Zielperson eines einfühlenden Seelsorge-Gesprächs in den Blick, so Wendebourg.
Verlusterfahrungen seien zentrale Gefühle der Gegenwart, beschrieb Claas Cordemann. Der Theologe, Supervisor und Coach leitet auch die Fortbildung in den ersten Amtsjahren (FEA) der Landeskirche Hannovers. Mit seiner Einordnung knüpft er an die Thesen des Soziologen Andreas Reckwitz an. Phänomene des Verschwindens erlebten Menschen im persönlichen Bereich wie im gesellschaftlichen Rahmen, materiell wie ideell. Verlusterfahrungen widersprächen der Fortschrittsverheißung einer Moderne, die selbst ihre Glaubwürdigkeit verloren habe. Den Menschen in der Spätmoderne fehle eine positive Zukunftserwartung und eine gemeinsame Identität. Populisten hätten dann leichtes Spiel: Als „Verlustunternehmer“ bewirtschafteten sie die „sich aufschaukelnden Affekte einer Verlusteskalation“ inzwischen erfolgreich.
Seelsorgeangebote der Kirche erhalten hohe Zustimmungswerte
Angesichts dieser vielfältigen Verlusterfahrungen müsste die Gesellschaft für Seelsorge eigentlich besonders empfänglich sein, sagte Cordemann. Er verwies auf die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU), in der Seelsorgeangebote hohe Zustimmungswerte einfuhren. Ängste wollten gehört und im seelsorgerlichen Gespräch professionell aufgefangen werden. Neben der persönlichen könne die Seelsorge in der gegenwärtigen Situation auch eine politische Dimension erhalten, indem sie die gesellschaftlichen Defizite deutlich mache.
„Seelsorgende müssen ihre Überzeugungen, ihren Glauben und Gottvertrauen auch ausstrahlen.“
Der christliche Glaube stelle ein Sinnpotential zur Verfügung, das nutzbar gemacht werden könne. Als Beispiele nannte Cordemann Rechtfertigungslehre oder Schöpfungsglaube, aber auch den Psalter als Textquelle, in der sich die unterschiedlichsten Lebens- und Glaubenserfahrungen spiegelten.
Seelsorgende müssten ihre Überzeugungen, ihren Glauben und Gottvertrauen auch ausstrahlen, betonte Cordemann. Durch Sozialraumprojekte und Angebote wie die #Verständigungsorte könne man Menschen außerhalb der eigenen Blase erreichen. Wichtig sei in diesem Zusammenhang auch, die Kooperationen mit diakonischen Einrichtungen zu stärken.
Sozialforscherin Nina Böcker sieht die Kirchen als wichtigen Teil einer Caring City. Ein am Gemeinwohl orientiertes Netzwerk von Sorgebeziehungen im Nahbereich der Menschen könne den Verlusterfahrungen wieder eine positive Zukunftsvision entgegensetzen. Beispiele wie das Paul-Gerhardt-Haus in Lüneburg oder die kirchliche Wohlfahrtspflege in einem neuen Stadtquartier von Osnabrück zeigten, dass sich Kirche hier bereits punktuell engagiere. Auch das Konzept „Sorgende Gemeinde werden“ stoße in Richtung einer Sozialraum-Orientierung der kirchlichen Arbeit.
„Es braucht eine qualifizierte Ausbildung in Seelsorge für alle Mitarbeitenden in Verkündigungsberufen. “
Der soziale Nahbereich ist für die Kirchen also kein neues Spielfeld. Seelsorge könne von den anderen Akteuren lernen, Kooperationen und Kollaborationen bedeuteten keinen Imageverlust, unterstrich Holger Nollmann, Referent für Kirche im Sozialraum.
Der Wunsch nach mehr Seelsorge-Ausbildung kam während der Tagung mehrfach zum Ausdruck. Seelsorge müsse als „Markenkern der Kirche“ schon im Theologiestudium eine größere Rolle spielen, forderte etwa Heike Merzyn, Beauftragte für Gottesdienstberatung am Michaeliskloster Hildesheim. Es gehe um die Vermittlung einer „seelsorgerlichen Haltung“.
Peer-to-peer-Seelsorge als Kurs
Für seelsorgerliche Begegnungen, besonders außerhalb des kirchlichen Kernmilieus, brauche es „eine qualifizierte pastoralpsychologische Ausbildung in Seelsorge für alle Mitarbeitenden in kirchlichen Verkündigungsberufen“, sagte Merzyn. Andere sahen solche neuen Ausbildungsmodule aber auch kritisch und stellten die Frage nach ihrer Finanzierbarkeit.
Viel Seelsorge geschieht „zwischen Tür und Angel“ − bei Kasualien, im Konfiunterricht, bei Jugendgruppen oder auf Freizeiten. Wie bei der Telefon- oder Krankenhausseelsorge spielen auch hier Ehrenamtliche eine besonders große Rolle. Die Landeskirche Hannovers hat einen Kurs zur Peer-to-peer-Seelsorge in der Jugendarbeit entwickelt, der EKD weit Pioniercharakter hat. „Junge Menschen begleiten junge Menschen − das ist die Grundidee“, sagte die zuständige Beauftragte, Diakonin Sonja Winterhoff. Sie könnten so zu Rollenvorbildern werden. Die Jugendlichen würden auf Gesprächssituationen vorbereitet, es gebe Anleitungen zu Rollenspielen und ähnliches. Das Material für Grund- und Aufbaukurs ist für alle Interessierten verfügbar, der Ansatz sei auch auf andere Zielgruppen zu übertragen, betonte Winterhoff.
Wie erfolgreich und geschätzt einzelne Seelsorgebereiche sind, zeigte Kirchenforscherin Miriam Zimmer mit einem Blick auf empirische Erhebungen. So stimmten 78 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass die Seelsorge im Krankenhaus zur Genesung der Patient*innen beitrage, unter den Ärzt*innen waren es sogar 81 Prozent. Den Seelsorgenden würden dabei andere Kompetenzen zugesprochen als den übrigen Mitarbeitenden. Das „mehr an Zeit und die durchgehende Erreichbarkeit“ werde geschätzt, dass die Seelsorgenden auch dann für die Menschen da seien, „wenn das Heilen aufhört“.
Viele Nicht-Mitglieder nutzen das Angebot
Die Hilfe der Telefonseelsorge sei besonders wirksam bei Einsamkeit, Trauer oder in familiären Krisen. Die vorwiegend ehrenamtlich Mitarbeitenden würden als besonders qualifiziert und engagiert wahrgenommen und von den psychosozialen Diensten in der Zusammenarbeit geschätzt. Auch für die Militärseelsorge gebe es hohe Anerkennung in der Truppe, obwohl die meisten Soldatinnen und Soldaten keine Kirchenmitglieder sind.
Ähnliches konnte Miriam Zimmer von den Aktivitäten auf neuen Seelsorgefeldern berichten. Diese Angebote − im sozialen Nahbereich der Menschen oder auch in der expandierenden Online-Seelsorge − würden von vielen Nicht-Mitgliedern genutzt. Moderne Seelsorge orientiere sich an den Bedürfnissen der Menschen. Sie arbeite hoch professionell, aber nicht zwingend hauptberuflich, kooperiere mit anderen Professionen und profitiere davon.
„Seelsorge soll zum Treibstoff für kirchliches Handeln werden. “
Seelsorge müsse sie als „gemeinsame Aufgabe aller Getauften“ verstanden werden, sagte Angela Grimm, Direktorin des Zentrums für Seelsorge und Beratung der Landeskirche Hannovers. Die Verzahnung der verschiedenen Akteure, von Gemeinden und Diakonie müsse künftig weiter ausgebaut werden.
Die große Vielfalt auf dem Gebiet war bei der Tagung zu erleben und auch der Wille, sich weiter zu vernetzen, Formate weiter zu entwickeln. Seelsorge möge künftig „der Treibstoff werden für kirchliches Handeln“, wünschte sich Nicola Wendebourg zum Abschluss. „Ein stabilisierender Faktor in einer verunsicherten Gesellschaft“, ergänzte Grimm.
Jörg Echtler