Unsere Verantwortung für den Sonntag

I. Was bedroht den Sonntag?

 Im September 1985 haben sich die Deutsche Bischofskonferenz und der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland mit dem Gemeinsamen Wort "Der Sonntag muß geschätzt bleiben" an die Öffentlichkeit gewandt. Damals galt die Sorge vor allem den Bestrebungen, das geltende Arbeitsrecht zu verändern und das bisherige Verbot der Sonn- und Feiertagsarbeit durch Ausnahmeregelungen noch mehr zu lockern.

Was uns heute in zunehmendem Maße nachdenklich stimmt, ist die Tatsache, daß die Bedeutung des Sonntags, sein religiöser Sinn als Tag des Herrn und sein kultureller Wert für unser Volk vielen immer weniger bewußt ist. Wir beobachten mit Sorge eine schleichende Aushöhlung des Sonntags, die zudem durch technische, wirtschaftliche und soziale Entwicklungen gefördert wird. Wir können ihr nur wirksam begegnen, wenn die Christen, wenn alle Menschen guten Willens, wenn die gesellschaftlich relevanten Gruppen, wenn alle, die in der Politik Verantwortung tragen, sich der Werte bewußt bleiben, die hier auf dem Spiele stehen, und wenn sie entschlossen sind, entsprechend zu handeln.

I. Was bedroht den Sonntag?

Noch vor einigen Jahrzehnten war es weithin selbstverständlich, daß die Menschen in Stadt und Land den Sonntag heiligten. Sie gingen in die Kirche; die Arbeit in Geschäften und Fabriken, in Schulen und Verwaltungen ruhte ebenso wie auf den Feldern. Es wäre als ein Ärgernis empfunden worden, gegen das Verbot der Sonntagsarbeit zu verstoßen. Auch heute hat der Sonntag, der inzwischen auch bei den meisten nicht-christlichen Völkern in aller Welt eine Sonderstellung einnimmt, seinen Charakter als Tag der Gottesverehrung, der Versammlung und Feier der Gemeinde, der Muße und Erholung noch weitgehend bewahren können. Aber es ist unübersehbar, daß das Verständnis für den religiösen und kulturellen Sinn des Sonntags abnimmt. Verschiedene äußere Entwicklungen und ein tiefgreifender Wandel der Einstellungen haben dazu geführt, daß das Bewußtsein für den Tag des Herrn und den damit verbundenen Grundgedanken zurückgedrängt wurde. Auf diesem Hintergrund wuchs auch die Neigung, aus wirtschaftlichen Interessen das Verbot der Sonntagsarbeit aufzulockern. Bedroht wird der Sonntag insbesondere durch folgendes:

  1. Es bestehen Bestrebungen von Unternehmen und Firmen, Ausnahmegenehmigungen vom Verbot der Sonntagsarbeit zu erreichen. Die Gründe für diese Bemühungen sind vor allem darin zu suchen, daß hochtechnisierte Produktionsanlagen sehr teuer sind und deshalb eine Ausweitung der Nutzungszeiten zur Senkung der Betriebskosten angestrebt wird. Neben verstärkter Schichtarbeit soll die Einbeziehung der bisher arbeitsfreien Tage, auch der Sonn- und Feiertage, diesem Ziel dienen. Mit der kontinuierlichen Nutzung der kapitalintensiven Maschinen will man auch die zusätzlichen Arbeitskosten, die sich aus tariflich vereinbarten Arbeitszeitverkürzungen ergeben, auffangen. Gleichzeitig soll eine Ausdehnung der Arbeitswoche auf sechs bzw. sieben Tage größere Spielräume für flexible Arbeitszeitregelungen ermöglichen, die ihrerseits kostenentlastend wirken können und auch von einem beträchtlichen Teil der Arbeitnehmer als vorteilhaft angesehen werden. Vorteile versprechen sich vor allem die größeren Betriebe, während Handwerk und mittelständische Betriebe bei einer Ausdehnung der Arbeitswoche eher Wettbewerbsnachteile gegenüber den Großen befürchten.
         
  2. Viele Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, weisen nicht nur auf die in anderen Industrieländern erheblich niedrigeren Arbeitskosten hin, sondern auch auf die Tatsache, daß in manchen dieser Länder kaum oder gar keine Arbeitszeitbeschränkungen bestehen, insbesondere kein Verbot von Sonn- und Feiertagsarbeit. Die Wettbewerbsnachteile, die sich aus dieser Situation ergeben, können, so wird geltend gemacht, den Bestand von Arbeitsplätzen in der Bundesrepublik Deutschland gefährden. In manchen Produktionszweigen seien in den vergangenen Jahren bereits viele Arbeitsplätze verlorengegangen. In einer rasch wachsenden Wirtschaft könne der Verlust von Arbeitsplätzen eher wettgemacht werden als in einer Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit, in der neue Arbeitsplätze nicht in genügender Zahl geschaffen werden.
         
  3. Dort, wo der kontinuierliche Produktionsprozeß aus technischen Gründen notwendig ist, gab es bisher Ausnahmeregelungen. Einen Hochofen zur Eisen- und Stahlerzeugung z. B. kann man nicht beliebig ab- und wieder anschalten. Heute mehren sich die Anträge von Unternehmen auf eine Ausnahmegenehmigung unter Berufung auf technische Gründe. Die Herstellung von Mikro-Chips zum Beispiel sei, so sagt man, nur möglich, wenn die chemischen und physikalischen Prozesse, die bei ihrer Produktion ablaufen, nicht unterbrochen werden. Zugleich weist man darauf hin, daß nur ein ganz geringer Teil der Belegschaft und nur auf freiwilliger Grundlage zur Arbeit an Sonn- und Feiertagen eingesetzt würde.     
  4. In einigen Industriezweigen wurden in den fünfziger und sechziger Jahren Ausnahmegenehmigungen für Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten an Sonn- und Feiertagen erteilt. Die fortschreitende Technisierung hat in der Folgezeit dazu geführt, daß die Zahl der Mitarbeiter mit Reparatur- und Instandhaltungsarbeiten erheblich zugenommen hat. Das bedeutet, daß in diesen Betrieben an Wochenenden wesentlich mehr Arbeitskräfte mit Arbeiten, für die die Ausnahmeregelungen gelten, beschäftigt sind als früher.
         
  5. Die Diskussion um die Sonntagsarbeit erstreckt sich derzeit hauptsächlich auf die Industrie. Wir dürfen jedoch die Augen nicht davor verschließen, daß in den zurückliegenden Jahren die Sonn- und Feiertagsarbeit am stärksten im Dienstleistungsbereich zugenommen hat. Dies gilt für die Beschäftigten bei den verschiedenen Verkehrsuntemehmen, in der Gastronomie und im Bereich der Touristik. Der zunehmende Wohlstand in breiten Bevölkerungskreisen, die Verkürzung der Wochenarbeitszeit, das lange freie Wochenende und die veränderte Bedeutung der Arbeit in der Gesellschaft haben das Freizeitverhalten vieler Menschen verändert. Es ist neben dem Lebensbereich "Arbeit" ein immer größerer Lebensbereich "Freizeit" entstanden, in dem Menschen nicht nur Erholung und Entspannung suchen, sondern zugleich neue Entfaltungsmöglichkeiten, neue Aktivitäten und soziale Kontakte sowie neue Sinnerfahrung. Hausarbeit, Einkauf, Erledigungen und das Ordnen persönlicher Dinge werden von einer zunehmenden Zahl der Erwerbstätigen ebenfalls in dieser Zeit besorgt. Damit steigt die Nachfrage nach Dienstleistungen. Dies hat zugleich zur Folge, daß immer mehr Menschen auch an Sonn- und Feiertagen beschäftigt sind und der Sonntag für sie zum Arbeitstag im Dienste der Freizeit- und Konsumgesellschaft wird. Es liegt auf der Hand, daß diese Entwicklungen den Sonntag gefährden.
  6. Zu einer Gefährdung des Sonntags kann auch die starke Vermehrung von Verkaufsmessen, Sportveranstaltungen, Ausstellungen, Märkten und Volksfesten werden. Oft sind die Gemeinden an ihrer Abhaltung interessiert, um den Menschen, wie man sagt, etwas zu bieten, den Geschäften zusätzliche Verkaufsmöglichkeiten einzuräumen und Gäste anzulocken. Früher waren derartige Veranstaltungen wirklich nur Ausnahmen und meist ein örtliches Ereignis mit starkem sozialen Erholungswert. Heute dienen sie mehr und mehr rein kommerziellen Zwecken.
  7. Die Bereitschaft der erwerbstätigen Bevölkerung, am Samstag und auch am Sonntag zu einem höheren Entgelt zu arbeiten und einen Freizeitausgleich unter der Woche zu suchen, nimmt zu. Viele schätzen das höhere Einkommen und die Einkaufsmöglichkeiten, die sie am freien Werktag haben. Manche Alleinlebende und solche, die mit ihrer Familie oder ihrem Partner Schwierigkeiten haben, empfinden den Sonntag ebenso als Last wie diejenigen, die das Treiben des Alltags und die Abwechslung vermissen.
         
  8. Im kirchlichen Raum gibt es ähnliche Entwicklungen. Neben Feiern und Bildungsveranstaltungen sind zunehmend Freizeitangebote kirchlicher Vereine und Gruppen getreten. Dies macht in den kirchlichen Einrichtungen zusätzliche Dienstleistungen der Mitarbeiter erforderlich, auch an Sonn- und Feiertagen. Es hat sich gezeigt, daß Veranstaltungen am Samstagabend nicht selten zu Lasten des Sonntags gehen.
         
  9. Auch im ländlichen Raum und in der Landwirtschaft sind Veränderungen eingetreten. Gewiß waren auch früher Ausnahmeregelungen notwendig, um in schlechten Jahren die Ernte einzubringen. Heute aber werden Arbeiten nicht selten ohne jede Notlage an Sonntagen durchgeführt, die genauso gut an Werktagen erledigt werden könnten. Dazu hat die schwierige Lage, in der sich die Landwirtschaft heute befindet, sicherlich mit beigetragen. Noch sind es wenige, die sich in dieser Weise über den Sonntag hinwegsetzen. Aber es sind Zeichen dafür, daß bei der ländlichen Bevölkerung der Sinn für den Sonntag zu schwinden droht. Hierzu trägt auch besonders der Nebenerwerbsbetrieb bei, der immer häufiger wird.
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