Urlaubsseelsorge – ein besonderer Job
Pfarrerin Ksenija Auksutat arbeitet gern dort, wo andere Ferien machen
Auch Berggottesdienste werden im Rahmen der Urlaubsseelsorge gefeiert (Archivbild).
Der Urlaub ist für die meisten Deutschen ein wichtiger Teil ihres Lebens, für manche sogar die wichtigste Zeit im Jahr. Und die Urlaubsseelsorge deshalb ein Feld, auf dem sich die Kirche selbstverständlich engagiert. Dort zu arbeiten ist eine besondere Aufgabe, ein Amt auf Zeit, das für manche einen solchen Reiz hat, dass sie es immer wieder übernehmen.
So geht es auch Ksenija Auksutat. Die hessische Pfarrerin war fünf Jahre im österreichischen Ramsau im Einsatz, jeweils zwei bis vier Wochen lang. Das Besondere an dem Job? Man arbeite und mache gleichzeitig Urlaub vom eigenen Alltag - und begegnet der Klientel damit auf Augenhöhe. „Man muss Lust haben, mit Menschen zu kommunizieren“, so die Pfarrerin. Ein großes Plus: Man habe mehr Zeit als im „normalen“ Gemeindedienst und deshalb auch „Freiraum, um Sachen auszuprobieren“.
Neben der Präsenz an wichtigen deutschen Urlaubsorten, an Stränden und auf Campingplätzen in der ganzen Republik, beauftragt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) jedes Jahr auch etwa 120 Pfarrerinnen und Pfarrer mit deutschsprachigen Gottesdiensten und seelsorgerlichen Angeboten in derzeit acht europäischen Ländern: Griechenland, Italien, die Niederlande, Dänemark, Schweden, Polen und Rumänien. Das größte Engagement besteht im Nachbarland Österreich. Dort ist die evangelische Kirche an über 20 Ferienorten in acht Bundesländern anzutreffen.
Wie welches Angebot der Seelsorge ankomme, hänge sehr stark vom jeweiligen Standort ab, sagt Auksutat. Am Strand oder auf dem Campingplatz sei die Seelsorge nicht selten in ein Ferienprogramm eingebunden. das erleichtere den Zugang zu den Gästen. In Ramsau sei die Kirche der Dreh- und Angelpunkt. Als Ort der Geschichte, an dem man von den Menschen, die dort leben, erfahren könne, ziehe das Gotteshaus auch viele Touristen an, so Auksutat. „Wer auf der Suche ist, sucht auch in der Kirche.“ Die samstäglichen Andachten sind das Rückgrat der Urlausseelsorge in dem Alpenort. Da die meisten Urlauber dort in Hotels nächtigen, sei die Uhrzeit entscheidend – „eine halbe Stunde vor dem Abendessen“.
Einladung zum persönlichen Gespräch
Zu den Gottesdiensten zum Sonnenaufgang auf dem Dachstein mit Frühstück und Gondelfahrt – dem „Highlight“ des Programms – kämen jeweils bis zu 30 Personen. Ebenfalls ein Highlight, zumindest für die Fans der Fernsehserie „Die Bergretter“, seien auch die Besuche der Drehorte, die von der Gemeinde regelmäßig angeboten würden und mit bis zu 350 Teilnehmenden ein großes Ereignis im Ortstourismus seien. „Wir wurden eingeladen, diese Gruppen zu begleiten und vom Bürgermeister zu Beginn vorgestellt.“ Ein Pilgerweg zwischen katholischer und evangelischer Kirche sei dagegen gar nicht angenommen worden. „Den haben wir vier Mal angeboten und dann wieder sein lassen“, berichtet Auksutat. Was gut laufe und was nicht, erfahre man letztlich nur durchs Ausprobieren.
Mit allen Angeboten der Seelsorge verbunden sei letztlich die Einladung zu intensiverem Kontakt, einem persönlichen Gespräch. Diese Gelegenheit werde im Urlaub sogar besser genutzt als im Alltag einer Ortsgemeinde, weiß die Pfarrerin. Auksutat vergleicht das Setting dieser Gespräche mit dem katholischen Beichtstuhl: „Ich treffe jemanden, den ich nicht kenne und dem ich zuhause nicht mehr begegnen werde.“ Dies könne Offenheit fördern. „Die Anonymität ist für viele wichtig.“ Vergleichbares habe sie auch im Darmstädter Kirchenladen erlebt, den sie in den 2000er Jahren mit aufbaute.
„Etwas von sich zeigen und von anderen lernen – das ist der große Gewinn dabei.“
Was stets gut ankommt, ist Musik. Einmal hatte Auksutat eine Gruppe aus der Posaunenarbeit in Ramsau zu Gast. „Hier können sich Urlauber auch selbst verwirklichen.“ Wie etwa jener studierte Organist, der zunächst nur nach einer Übemöglichkeit suchte und dann die Gottesdienste mitgestaltete. Um den Kontakt zu den Menschen schnell herzustellen, hat Auksutat einige Methoden erprobt. Etwa ein Quiz oder eine gemeinsame Erkundung des Kirchenraumes. Wichtig, um das Eis zu brechen, sei auf jeden Fall die persönliche Begrüßung. „Dass man den Leuten ,Guten Tag‘ sagt, das macht sehr viel aus.“
Diesen Sommer ist Ksenija Auksutat im italienischen Brixen und am Gardasee im Einsatz. Sie wird ihren Dienst auch als Studienzeit nutzen, um die Gemeinwesenarbeit im Rahmen des „otto per mille“ – Steuerzahler geben 0,8 Prozent für eine ausgewählte soziale Organisation – kennenzulernen. Die Arbeit mit den Tourist:innen hat dort eine lange Tradition. Es gibt viele persönliche Verbindungen und Stammgäste, die immer wieder kommen. Es gibt eine offene Kirche an zwei Nachmittagen pro Woche, auch Taufen und Hochzeiten. Viel zu tun für die Pfarrerin, die sich wieder darauf freut, den Menschen intensiv zu begegnen: „Etwas von sich zeigen und von anderen lernen – das ist der große Gewinn dabei.“
Jörg Echtler