Seelsorge für trauernde Eltern

Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs tief beeindruckt von der Arbeit des Seelsorgevereins „Verwaiste Eltern“

Wenn ein Kind stirbt, gerät für Eltern und Geschwister die Welt aus den Fugen. Nichts ist mehr, wie es war; es bleiben Trauer, Fragen und Leere. Bischöfin Kirsten Fehrs, die Ratsvorsitzende der EKD, hat sich hierzu mit Vorstandsmitgliedern des Vereins „VERWAISTE ELTERN UND GESCHWISTER IN HAMBURG e. V.“ ausgetauscht. In diesem Seelsorgeverein finden trauernde Eltern und Geschwister einen geschützten Raum.

Bischöfin Kirsten Fehrs, Ratsvorsitzende der EKD, hat den Seelsorgeverein 'Verwaiste Eltern e. V.' besucht

Zum Verein „Verwaiste Eltern und Geschwister Hamburg e.V.“ kommen Eltern, die ihr Kind auf unterschiedlichste Weise verloren haben: durch Tod in der Schwangerschaft oder eine Fehlgeburt, plötzlichen Kindstod, Krebs und andere Krankheiten, durch Unfälle, Drogen, Suizid und Gewaltverbrechen. Sie fühlen sich mit ihren Verlust- und Schuldgefühlen oft allein und bedürfen besonderer Aufmerksamkeit und Unterstützung. Die trauernden Geschwister haben häufig nicht nur den Bruder oder die Schwester verloren, sondern manchmal über Jahre hin die lebendige Anteilnahme der Eltern.

Nach dem Gespräch sagte Bischöfin Kirsten Fehrs: „Ich bin sehr, sehr beeindruckt von dieser Arbeit hier. Es hat mich sehr bewegt zu sehen, dass hier Menschen, die selbst ihre Kinder verloren haben, anderen Eltern zur Seite stehen.

Der Verein entstand 1990 aus Selbsthilfegruppen und ist in der evangelischen St. Andreas-Kirchengemeinde im Hamburger Stadtteil Harvestehude ansässig. Seit mehr als drei Jahrzehnten bietet er Trauerbegleitung für verwaiste Eltern, Großeltern, erwachsene Geschwister sowie trauernde Kinder und Jugendliche, die einen nahen Angehörigen verloren haben. In Trauergruppen finden Betroffene Mitgefühl, Gemeinschaft und gegenseitige Unterstützung. Auch werden Abschiedsfeiern für sogenannte Sternenkinder ausgerichtet, also Kinder, die während der Schwangerschaft oder bei der Geburt verstorben sind. Viermal im Jahr ist für nicht bestattungspflichtige Föten von unter 1000 Gramm, die in Hamburg still geboren wurden, eine Feuerbestattung möglich.

„Ich muss mein verstorbenes Kind nicht loslassen. Ich halte die Verbindung der Liebe und der Erinnerung, und das lässt mich weiterleben.“

Eine der Trauerbegleiterinnen, die selbst ein Kind verloren hat, berichtete bei dem Treffen mit Kirsten Fehrs, welche Haltung ihr letztlich geholfen habe: „Früher hat man gesagt: Du musst loslassen können. Ich muss aber mein Kind nicht loslassen, weil es gestorben ist, sondern ich halte die Verbindung – die Verbindung der Liebe, der Erinnerung – und das lässt mich weiterleben.“

Sie stieß 2011 zu dem Verein, nachdem ihr Sohn gestorben war. „Ich habe mich aufgehoben gefühlt, angenommen und ausgehalten“, sagt sie. Nach zwei oder drei Jahren merkte sie dann: „Ich möchte dem Verein etwas Gutes zurückgeben.“ Sie begann eine Trauerbegleiterausbildung und begleitet jetzt selbst Eltern, deren Kind oder Kinder verstorben sind.

Seelsorge als Sorge um die Seele

Hier sei zu sehen, „was Seelsorge heißt, nämlich wirklich Sorge um die Seele“, sagte Kirsten Fehrs nach der Begegnung mit den Trauerbegleiterinnen. „Sorge, dass diejenigen, die so einen tiefen Schmerz empfinden, diesen Schmerz auch ausdrücken können, ganz wie sie es wollen, ganz individuell. Hier ist alles erlaubt. Und hier muss keiner etwas müssen.“

Viele unangenehme Gefühle würden in der Gesellschaft tabuisiert, sagte Maja Stange, die bei dem Hamburger Verein für Koordination und Entwicklung sowie Trauerbegleitung verantwortlich ist. Auch Trauer sei ein Gefühl, das unterdrückt werde und für viele nicht auszuhalten sei. „Es kommen auch Gefühle auf, die Verunsicherung verursachen: Schuldgefühle, Scham, Überforderung oder Ohnmacht“, so Stange. In der Gruppe könnten Menschen erfahren, dass es anderen genauso geht, beschreibt sie ihre Beobachtung: „Ich werde so angenommen, und es ist nichts Schlimmes. Wenn das Gefühl da sein darf, kann es sich vielleicht auch für eine Weile lösen.“

Eine Erfahrung, die Trauernde als heilsam und entlastend empfinden können. So betonte die Ratsvorsitzende Kisten Fehrs, wie wichtig eine Arbeit sei, „die den tiefen Seelenschmerz so begleitet, dass die Menschen irgendwann auch wieder Freude empfinden und Hoffnung und Auferstehung.“

„Seelsorge ist die Muttersprache der Kirche“

Bischöfin Kirsten Fehrs
Bischöfin Kirsten Fehrs Ratsvorsitzende der EKD

In einer Videoaufzeichnung, die vom Glockenläuten der benachbarten St. Andreas-Kirche untermalt wurde, fasste Kirsten Fehrs zusammen: „Wir als evangelische Kirche sind froh, dass die verwaisten Eltern hier ihr Zuhause haben, neben der Kirche. Denn Seelsorge ist die Muttersprache der Kirche.“

Andrea Teupke