„Zuhören ohne Zweck“ – Seelsorge und biografisches Erzählen im Alter

Was bewegt Menschen im hohen Alter? Welche Erinnerungen werden wichtig und was bedeutet es sich der Endlichkeit des Lebens bewusst zu werden? In der Altenseelsorge geht es nicht darum, Lebensgeschichten systematisch aufzuarbeiten. Vielmehr entsteht im Gespräch ein Raum, in dem Erinnerungen erzählt werden dürfen, offen, ohne Ziel und ohne Bewertung. Christian Wiener ist Pfarrer, Supervisor und Referent in der Altenseelsorge. Er erklärt, warum gerade dieses zweckfreie Zuhören für viele alte Menschen so wertvoll ist und welche Rolle dabei das biografische Erzählen spielt.

Christian Wiener

Christian Wiener ist Pfarrer, Seelsorger und Supervisor beim Zentrum Seelsorge der EKHN.

Seelsorge heißt: Ein offenes Ohr für die Menschen haben

„Wenn ich mir Geschichten anhöre, bin ich außenstehend – für mich ist alles neu“, sagt Christian Wiener. Diese Rolle sei es, die es ihm als Seelsorger oft leichter mache zuzuhören. Für Angehörige sei dies oft schwieriger. Denn insbesondere Menschen mit Demenz erzählen Erlebtes häufig immer wieder. Für Christian Wiener ist das kein Problem: „Ich höre die Geschichten gerne.“

Im Erzählen werde ein Erlebnis jedes Mal neu konstruiert. Ob sich alles genau so zugetragen habe, sei dabei zweitrangig. „Es ist nicht meine Aufgabe, nach der Wahrheit zu forschen“, betont er. Entscheidend sei vielmehr der Moment und die Frage: Was tut dem Menschen jetzt gut? Seelsorge bedeutet für Wiener vor allem eines: wertfreies, ehrliches Zuhören. 

Biografisches Erzählen statt Biografiearbeit

In der Seelsorge spricht Christian Wiener ganz bewusst vom „biografischen Erzählen“. Anders als bei der klassischen Biografiearbeit folgen diese Gespräche keinem festen Ziel. Menschen erzählen, was sie möchten und das so, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Bohrende Nachfragen gibt es in der Seelsorge nicht, höchstens respektvoll und aus freundlichem Interesse.

„Seelsorge hat keinen Zweck“, unterstreicht Christian Wiener. Genau darin liege der Unterschied zur Biografiearbeit, wie sie etwa in der Pflege oder in der Psychotherapie eingesetzt wird. Dort werden gezielt Methoden genutzt, um Lebensgeschichten zu erfassen oder aufzuarbeiten. In Einrichtungen geschieht das häufig mithilfe von Biografie-Bögen, in denen Vorlieben, Abneigungen oder prägende Erfahrungen festgehalten werden. 

„Biografiearbeit hilft, die Begleitung von Menschen zu verbessern“, erklärt Christian Wiener. Das biografische Erzählen in der Seelsorge hingegen bleibe offen. Es diene keinem therapeutischen oder dokumentarischen Ziel, sondern allein dem Gespräch selbst.

Grenzen wahren in der Seelsorge

Gerade weil Seelsorge zweckfrei ist, kommt dem respektvollen Umgang mit Grenzen eine besondere Bedeutung zu. „Wenn jemand sagt, darüber möchte ich nicht sprechen, dann akzeptiere ich das“, sagt der erfahrene Seelsorger. Ein Thema müsse nicht vertieft werden, es dürfe auch stehen bleiben.

An dieser Stelle sieht er die klare Grenze: „Seelsorge ist keine Therapie“, betont Christian Wiener. Es gehe nicht darum, etwas aufzuarbeiten oder zu lösen, sondern darum, für den Menschen da zu sein und zuzuhören. Dennoch zeigt sich häufig, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit Perspektiven für die Zukunft öffnet.

Seelsorge nimmt die Themen auf, die angesprochen werden. Das kann, muss aber nicht unbedingt eine Krise sein. „Es gibt Menschen, die erzählen zum Beispiel von ihrer Hochzeit und das sehr fröhlich“, berichtet der Pfarrer.

Geschichten, die bleiben

Die Menschen, die Christian Wiener begleitet, blicken teilweise auf ein sehr langes Leben zurück. „Wir sprechen hier von Hochaltrigkeit, ab etwa 80 Jahren“, konkretisiert er. Neben den fröhlichen Geschichten gibt es immer wieder auch tragische Geschichten oder Erlebnisse, von denen die Menschen in dieser Altersgruppe berichten. Krieg und Flucht, sind Themen, die diese Generation erlebt hat. „Manches kommt wieder hoch“, erklärt Christian Wiener.

Auch nach vielen Jahren als Pfarrer und Seelsorger gehen ihm die Geschichten teilweise nahe, die Menschen ihm anvertrauen. Halt findet Wiener in seinem Glauben: „Ich bin vom Glauben getragen“, sagt er. Er sehe in den seelsorgerischen Gesprächen eine weitere Dimension.

Ehrenamt in der Seelsorge

Neben seiner eigenen Arbeit bildet Wiener auch Ehrenamtliche aus, die Besuchsdienste in Gemeinden oder Einrichtungen übernehmen. Dabei legt er großen Wert auf die Motivation der Teilnehmenden. „Nicht jeder ist für dieses Ehrenamt geeignet“, sagt er.

Entscheidend sei die Fähigkeit zuzuhören und die Bereitschaft zu reflektieren. „Wir müssen die Grenzen der Bewohner spüren“, erklärt Christian Wiener. Ebenso wichtig sei die Frage: Was löst das Gehörte in mir selbst aus? Auch die eigene Lebensgeschichte spiele dabei eine Rolle. „Ich muss wissen, warum ich in bestimmten Situationen so reagiere“, sagt er.

Einsamkeit im Alter

Nicht jeder, der in einem Seniorenheim lebt, hat Angehörige oder Freunde, die regelmäßig auf einen Besuch vorbeikommen. Gerade in hohem Alter haben viele Menschen ihr soziales Umfeld bereits überlebt. „Manche Menschen haben niemanden mehr, mit dem sie Reden können“, berichtet Christian Wiener. Zudem hat die Seelsorge einen ganz entscheidenden Faktor: Zeit. Bei ihm ticke keine Uhr, er muss sich nicht beeilen und im Akkord arbeiten. Er habe die Möglichkeit sich so lange Zeit für die Menschen zu nehmen, wie diese benötigen. 

Seelsorge ohne falsche Erwartungen

Viele Menschen verbinden mit dem Begriff Seelsorge noch immer bestimmte Vorstellungen, etwa, dass es um Missionierung oder religiöse Belehrung gehe. Christian Wiener widerspricht dem deutlich: „Wir wollen niemanden bekehren.“

Seelsorge sei ein offenes Angebot. Wer möchte, kann darüber auch den Glauben oder das Gebet einbeziehen. „Manche wünschen sich das, andere nicht“, sagt Christian Wiener. Beides habe seinen Platz  und werde gleichermaßen respektiert. Gerade diese Offenheit macht für ihn den Kern der Seelsorge aus: da sein, zuhören, Raum geben ohne Ziel, aber mit voller Aufmerksamkeit für den Menschen im Hier und Jetzt.

Text: Franziska Weiß