Fußball-WM: Anpfiff ohne Alkohol
Fußball und Alkohol gehören für viele Fans zusammen, gerade beim Public Viewing zur Weltmeisterschaft. Nicht so im Hamburger Lucafé: Beim Deutschland-Spiel am Sonntag bleiben alle nüchtern.
Zur Fußball-Weltmeisterschaft (WM) läuft Bier-Werbung nonstop, Public Viewing gibt's vor allem in Kneipen. Für viele Fans gehören Alkohol und Spiele zusammen. Dass es auch ganz anders geht, zeigt das Lucafé in Hamburg. Während der bundesweiten Aktionswoche Alkohol läuft hier am Sonntag das erste Deutschland-Spiel ohne Bier, Wein oder Hochprozentiges. „Beim 'Sober Public Viewing' wollen wir das Spiel gegen Curaçao ungetrübt erleben“, erklärt Therapeut Arndt Streckwall vom Lukas Suchthilfezentrum des Diakonischen Werks Hamburg-West/Südholstein.
Manuel Linse sowie Mira und Frank Dolscheid freuen sich schon. Die drei von der Selbsthilfe-Gruppe „Klar Schiff“, einem offiziellen Hamburger SV-Fanclub, sind auf jeden Fall dabei. Frank hat Wimpelketten besorgt, kümmert sich um den Beamer und die große Leinwand. Dazu gibt es Cola, Wasser, Softdrinks und Kaffee. Manuel kann es kaum erwarten. „Ich liebe Weltmeisterschaften und werde mir alle deutschen Spiele anschauen“, sagt der 41-Jährige, der sich dafür auch das Fantrikot anzieht. Vielleicht bringt es Glück. „Ich hoffe, dass es die deutsche Mannschaft ins Halbfinale schaffen wird“, sagt er.
Höhere Bier-Nachfrage zur WM
Deutsche Brauereien erwarten „wichtige Impulse“ von der WM. „Internationale Turniere sorgen für zusätzliche Konsumanlässe und beleben besonders in den Sommermonaten die Nachfrage nach Bier“, sagt Nina Göllinger, Sprecherin des Deutschen Brauer-Bundes. Da es bei dieser WM kaum große Fanfeste in Städten gibt, werde sich der Bierkonsum stärker auf Biergärten, Kneipen und das private Umfeld verlagern. Die Nachfrage hänge auch vom sportlichen Erfolg der deutschen Nationalmannschaft und vom sommerlichen Wetter ab, heißt es.
Immer noch gilt Alkohol in Deutschland als Genussmittel und wird als vermeintliches Kulturgut verklärt, beobachtet die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). „Dass Alkohol abhängig machen kann, wissen zwar die meisten, aber wie hoch die gesundheitlichen Risiken wirklich sind, wird häufig verdrängt“, sagt DHS-Geschäftsführerin Christina Rummel. Rund 44.000 Todesfälle in Deutschland ließen sich pro Jahr auf Alkoholkonsum zurückführen. „Alkoholbedingt gibt es mehr Erkrankungen, Gewalt, Suizide und Tote. Wollen wir das wirklich als ein 'Kulturgut' deklarieren?“, fragt Rummel.
Millionen sind abhängig
In Deutschland sind Schätzungen zufolge 1,7 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren von Alkoholmissbrauch betroffen, so die DSH. Weitere 2,16 Millionen Menschen sind alkoholabhängig. „Fachleute gehen davon aus, dass diese Zahlen die tatsächliche Verbreitung eher unterschätzen“, sagt Rummel. Zwar stagniere der Pro-Kopf-Alkoholkonsum seit Jahren, im internationalen Vergleich sei Deutschland aber immer noch ein „Hochkonsumland“.
Weit verbreitet sei der Irrglaube, dass Alkohol erst in großen Mengen schadet: „Aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse besagen: Es gibt keinen gesundheitlich unbedenklichen oder gar gesundheitsförderlichen Konsum“, erklärt Rummel. Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche Alkohol informiert die DHS noch bis zum 21. Juni über die Risiken.
Wie problematisch Alkohol für Körper und Psyche ist, weiß Aljosha Deen, Oberarzt an der Hamburger Asklepios Klinik Nord Ochsenzoll. „Bei Großereignissen wie einer WM steigt der Gruppendruck, mehr Alkohol zu trinken“, weiß der Suchtexperte. Und das über Wochen, nicht nur an einem Tag wie Silvester. Deen: „Dadurch können sich bestehende Konsummuster verstärken.“
Mit entsprechenden Folgen: „Kurzfristig sehen wir mehr alkoholbedingte Unfälle und Notfälle.“ Zudem gebe es Hinweise darauf, dass häusliche Gewalt im Umfeld solcher Ereignisse häufiger auftreten kann. „Langfristig erhöhen regelmäßige Trinkmuster das Risiko für Krebserkrankungen, Bluthochdruck sowie depressive und andere psychische Erkrankungen“, sagt der Oberarzt. Er fordert mehr rauschfreie Angebote für Fans: „Fußball sollten alle Menschen genießen können - ohne Alkohol als Eintrittskarte.“
Wandel in Fußballszene
Das spricht sich auch in der Fußballszene herum: Fanclubs mehrerer Vereine engagieren sich gegen Alkoholsucht. Als erster offiziell drogenfreier Fußballfanclub Deutschlands gründete sich 1996 „Weiss-braune Kaffeetrinker*innen“ (WBK) des Hamburger FC St. Pauli. 2019 folgte die Initiative „Nüchtern betrachtet - mehr vom Spiel“ für Fans des 1. FC Union Berlin, seit 2024 gibt es „Klar Schiff“ für HSV-Fans und im vergangenen Jahr gründete sich der cleane Fanclub „Schalke Null Bier“.
War es für Manuel Linse anfangs schwer, Fußball ohne Bier zu gucken, hat sich das längst komplett gedreht: „Bierduschen beim Tor finde ich heute eklig.“ Früher habe ihn das nicht gestört, wenn mit Bier herumgespritzt wurde. Auch die Eheleute Mira und Frank Dolscheid genießen ihr alkoholfreies Leben: „Wir sind immer die Ersten, die lachen und Spaß haben“, erzählt Mira und grinst. Nicht nur beim Fußball.