Du zählst! Nicht dein Alter
EAfA Vorsitzende Martina Jakubek über Altersdiskriminierung in der Kirche und wie Gemeinden dieser entgegentreten
Anlässlich des Internationalen Tages der älteren Generationen startet am 1. Oktober die Initiative „DU zählst! Nicht dein Alter“. Warum diese Kampagne so wichtig ist, wie Altersdiskriminierung in der Kirche aussieht und was Gemeinden in ihrer Kommunikation verbessern können, erklärt die Vorsitzende der EAfA (Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Altenarbeit) Martina Jakubek.
Ageismus betrifft alle Generationen
Altersdiskriminierung ist kein Randthema, auch nicht in der Kirche, erläutert Martina Jakubek. Für sie steht fest: Ageismus betrifft alle Generationen und „ist ein Affront an das eigene selbst“, unterstreicht sie. Erklärend fügt sie hinzu: „Damit bekämpfe ich meine eigene Zukunft“. Dabei gehe es im Kern um eine Frage der Haltung: Welche Bilder vom Altern tragen wir in uns und wie prägen sie unser Handeln in Gemeinden?
Die besondere Rolle älterer Menschen
Martina Jakubek richtet den Blick bewusst auf die Rolle älterer Menschen. Ältere Menschen werden oft als langsam, hilfsbedürftig und gebrechlich abgestempelt. „Im Helfen sind wir stark, da können wir zeigen, wie gut wir als Christen sind“, erläutert sie die Hintergründe. Doch das sei gar nicht nötig. Vielmehr sei die ältere Generation eine Generation, die Erfahrungen bündelt, Entwicklungen einordnet und wichtige Perspektiven einbringt. „Ältere Menschen halten uns etwas vor Augen: dass das Leben endlich und gerade deshalb wertvoll ist“. Würde sei dabei kein Zustand, der an Leistungsfähigkeit gebunden ist. „Sie vergeht nicht“, betont Martina Jakubek.
In einer Gesellschaft, die Menschen stark nach ihrer Produktivität bewertet, werde oft übersehen, dass sich Leistung im Alter verändert. An die Stelle von Tempo tritt Erfahrung und Geduld. Martina Jakubek versteht Weisheit als die Fähigkeit, auf ein gelebtes Leben zurückzuschauen, die eigenen Gaben zu erkennen und sie neu einzusetzen.
Zwischen Angst und Annahme des Älterwerdens
Das Thema Altern ist für viele mit Ambivalenzen verbunden. Besonders in der Lebensmitte wird spürbar: Ich werde älter. Dieser Prozess verlangt Auseinandersetzung und oft auch ein Loslassen. „Veränderung tut weh“, sagt Martina Jakubek. Nicht selten wird das Alter deshalb vor allem mit Verlusten verknüpft. Menschen blicken auf das, was sie einmal konnten und nun nicht mehr können.
Hinzu kommen gesellschaftliche Bilder, die „jung“ mit Aktivität und Zukunft, „alt“ dagegen mit Einschränkung verbinden. Dahinter stehen häufig Unsicherheit und Angst vor dem eigenen Älterwerden, vermutet Martina Jakubek. Wie Menschen damit umgehen, präge auch ihren Blick auf andere Generationen.
Räume für Begegnung schaffen
Für Kirchengemeinden ergibt sich daraus eine klare Aufgabe: Sie können Orte sein, an denen diese Bilder hinterfragt und neue Erfahrungen ermöglicht werden. Martina Jakubek plädiert dafür, Begegnungsräume zu schaffen, die Generationen verbinden. Offene Gemeindehäuser, gemeinsame Projekte oder Formate wie gemeinsames Kochen bringen Menschen unkompliziert zusammen.
Wichtig ist dabei, sich vom Denken in starren Altersgruppen zu lösen. „Menschen durchlaufen diese Kategorien nicht geradlinig“, fasst Martina Jakubek zusammen. Statt Angebote strikt nach Alter zu trennen, sollten Gemeinden stärker auf gemeinsame Interessen und Lebenssituationen schauen. Wenn Gemeindehäuser auch unter der Woche nicht nur für feste Gruppen geöffnet sind, entstehen oft ganz neue Ideen und Menschen fühlen sich eingeladen, diese einzubringen.
Sprache und Bilder bewusst verändern
Ein zentraler Hebel im Umgang mit Ageismus ist die Kommunikation. Formulierungen wie „noch fit für das Alter“ oder „noch gut aussehen“ transportieren unterschwellig abwertende Botschaften und verfestigen stereotype Altersbilder.
Ähnliches gilt für die Bildsprache: Häufig wird Alter mit Gebrechlichkeit dargestellt, etwa durch Gehstöcke oder detailreiche Aufnahmen alter Hände. „Wir sollten den Menschen zeigen, nicht die vermeintliche Schwäche“, fordert Martina Jakubek. Lebendige, vielfältige Darstellungen können dazu beitragen, das Bild vom Alter grundlegend zu verändern.
Zwischen Jugendfokus und Realität
Kritisch sieht Jakubek die starke Fokussierung vieler Gemeinden auf junge Zielgruppen. Natürlich brauche es Angebote für Kinder und Jugendliche. Doch die Annahme, dass „jung“ automatisch für Zukunftsfähigkeit steht, greife zu kurz. „Lebensalter sagt nichts über Kompetenz oder Vernetzung aus“, unterstreicht sie.
Zugleich verändert der demografische Wandel die Realität in den Gemeinden. Veranstaltungen für junge Leute werden nicht mehr so gut besucht sein wie vor Jahrzehnten. Ältere Menschen bilden heute oft das Rückgrat der Gemeinden, organisatorisch, sozial und strukturell. Sie tragen Verantwortung, bewahren Wissen und ermöglichen Kontinuität.
Miteinander statt Nebeneinander der Generationen
Gerade darin liegt auch eine Chance: Ältere können Vorbilder sein, Orientierung geben und Beziehungen tragen. Umgekehrt profitieren sie vom Austausch mit Jüngeren. „Alle Generationen sind wichtig“, sagt Martina Jakubek ganz deutlich.
Das bedeutet auch, Rollen neu zu denken: Warum sollten nicht ältere Menschen junge im Besuchsdienst besuchen – und umgekehrt? Warum nicht gezielt Räume schaffen, in denen unterschiedliche Generationen einander begegnen und voneinander lernen? Altersdiskriminierung betrifft schließlich nicht nur Ältere, sondern auch Jüngere, denen oft vorschnell Kompetenzen abgesprochen werden.
Eine Frage der Haltung
Für Martina Jakubek beginnt Veränderung bei einer grundlegenden Haltung: Jeder Mensch hat Würde, unabhängig vom Alter. Es gehe darum, die Gaben und Kompetenzen von Menschen wahrzunehmen.
Auch im Ehrenamt sollten nicht Hierarchien oder „Dienstjahre“ entscheiden, sondern Fähigkeiten und Engagement. Altersgrenzen entstehen oft aus Bequemlichkeit oder Unsicherheit. Stattdessen gilt es, genauer hinzuschauen: Wer bringt was mit? Wo kann sich jemand einbringen?
Kirche als Vorbild
Um Ageismus sichtbar zu machen, braucht es gezielte Impulse, etwa Kampagnen, Bildungsarbeit und klare Signale in Gemeinden. Für Martina Jakubek ist die Kirche hier in einer besonderen Rolle: Sie kann vorangehen und ein anderes Menschenbild sichtbar machen.
Denn am Ende steht ein Perspektivwechsel: Alter ist kein Defizit, sondern Teil eines vielfältigen Lebens. Eine Dimension, die das Miteinander bereichert, in der Kirche und darüber hinaus.