Schulseelsorge zwischen Krisen und Leistungsdruck

Pastor Arnim Hermsmeyer über die wachsende Bedeutung der Schulseelsorge

Immer mehr jüngere Lehrkräfte und Mitarbeitende aus Grundschulen interessieren sich für die Ausbildung zur Schulseelsorgeperson in der Landeskirche Hannovers. Pastor Arnim Hermsmeyer erklärt, warum Schulen gezielt nach Schulseelsorgenden fragen – und weshalb Zuhören oft wichtiger ist als schnelle Lösungen.

Hermsmeyer Schulseelsorge

Schule als Spiegel der Gesellschaft

Schule ist mehr als ein Ort zum Lernen. Sie ist ein Spiegel der Gesellschaft und zugleich ein Blick in die Zukunft, beschreibt Arnim Hermsmeyer. „In Schulen sehen wir oft schon heute, was die Gesellschaft in zehn oder fünfzehn Jahren beschäftigt“, sagt er. Als Schulpastor begleitet er Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Zudem ist er am Religionspädagogischen Institut (RPI) in Loccum tätig, wo er als systemischer Supervisor Religionslehrkräfte zu Schulseelsorger:innen ausbildet. Aus den Gesprächen mit den Kolleg*innen, aber auch aus der eigenen Arbeit an der Schule weiß er: „Ein großer Teil der Schülerinnen und Schüler ist belastet.“ Die Tendenz sei steigend.

Wenn Orientierung fehlt und Krisen den Alltag prägen

Die Themen in den Gesprächen sind vielfältig. Klassische Anlässe wie Tod und Trauer gehören weiterhin dazu. Gleichzeitig spielen Fragen der Orientierung und Persönlichkeitsentwicklung eine große Rolle. „Im schulischen Kontext geht es oft um das Thema Scheitern und Scham“, sagt Arnim Hermsmeyer. Dazu gehört ebenfalls die Frage nach dem Ziel, danach, was passieren könnte und was jemand bereit ist, dafür zu tun. Hinzu kommen immer wieder belastende Situationen in Familien oder im Freundeskreis.

Auch gesellschaftliche Krisen hinterlassen bei jungen Menschen Spuren. Die heutige Generation wachse mit Dauerkrisen auf: Finanzkrisen, Pandemie oder der Ukraine-Krieg, zählt Arnim Hermsmeyer auf. „Das prägt das Selbstbild und das seelische Wohlbefinden“, unterstreicht er. Die sozialen Medien sieht Arnim Hermsmeyer zwiespältig: Plattformen wie TikTok ermöglichten zwar Vernetzung, hätten aber auch klare Schattenseiten. „Der ständige Vergleich mit anderen und die durch den Algorithmus gesteuerte Nutzung können unglücklich machen und einen Suchtcharakter entwickeln.“

„Im schulischen Kontext geht es oft um das Thema Scheitern und Scham.“

Arnim Hermsmeyer RPI Loccum

Zuhören beginnt oft zwischen zwei Unterrichtsstunden

Gerade deshalb gewinnt Schulseelsorge an Bedeutung, unterstreicht der Schulpastor. Doch Schulseelsorge versteht sich nicht als Therapieangebot. „Schulseelsorgende sind keine Therapeutinnen oder Therapeuten“, betont er deutlich und fügt hinzu: „Aber die Sorge um die Seele liegt uns am Herzen.“ Oft beginne alles mit einem kurzen Kontakt auf dem Flur oder zwischen zwei Unterrichtsstunden. „Die Schüler*innen merken: Da steht mir ein Mensch gegenüber, der mich ernst nimmt“, berichtet er. Aus solchen Tür-und-Angel-Gesprächen entstehen manchmal längere Gespräche, manchmal reicht aber auch schon ein kleiner Moment der Aufmerksamkeit.

Diese niedrigschwellige Ansprechbarkeit sei ein zentraler Punkt der Schulseelsorge. Wichtig sei außerdem zu betonen: „Beauftragte Schulseelsorgende und Pfarrpersonen unterliegen dem Seelsorgegeheimnisgesetz“, sagt Arnim Hermsmeyer. Er sei nicht befugt, Inhalte aus Gesprächen mit Schüler*innen weiterzugeben – weder an Lehrkräfte noch an Eltern. „Diese Verschwiegenheit schafft Vertrauen“, so der Pastor.

Räume für Ruhe, Begegnung und Gefühle

Schulseelsorge versucht, Räume zu schaffen, in denen Menschen zur Ruhe kommen können. Manche Schulen bieten sogenannte „stille Pausen“ an. Das sind Rückzugsorte mitten im Schulalltag. Andere entwickeln kreative Projekte wie die „starke Pause“: Dort ziehen Schülerinnen und Schüler kleine ermutigende Botschaften aus einem Kaugummiautomaten, machen Traumreisen oder leihen sich symbolisch ein „Coach-Tier“ für den Tag aus. Gerade bei jüngeren Kindern gehe es viel um Begegnung, Rituale und darum, Gefühle überhaupt ausdrücken zu lernen. In weiterführenden Schulen werden beispielsweise Dankbarkeitswände gestaltet oder Abigottesdienste organisiert. Auch der Trauerkoffer zur Begleitung von Todesfällen ist ein wichtiger Beitrag der Schulseelsorge.

Schulseelsorge: „Auch ein Millimeter zählt“

Die Schulseelsorgenden in der Landeskirche Hannovers arbeiten systemisch, wertschätzend und ressourcenorientiert. „Meine Aufgabe ist es, anzudocken“, beschreibt Arnim Hermsmeyer seine Rolle. Sein Gegenüber entscheide selbst, was hilfreich für ihn ist. Denn nach systemischem Ansatz ist und bleibt die Person auch im Beratungskontext Expert*in für das eigene Leben. Statt schnelle Lösungen anzubieten, gehe es zunächst ums Zuhören und darum, Schmerz ernst zu nehmen. Floskeln wie „Das wird schon wieder“ oder „Die Zeit heilt alle Wunden“ seien weder hilfreich noch zielführend. Im Seelsorgegespräch gehe es auch darum, Möglichkeiten aufzuzeigen und erste Schritte anzudenken. Wenn die Schüler*innen neue Perspektiven entdecken, könnten sie Entscheidungen treffen und so Selbstwirksamkeit erleben.

„In einer Krise ist es manchmal schon ein großer Schritt, sich nur einen Millimeter zu bewegen“, sagt Arnim Hermsmeyer. „Und auch diesen Millimeter muss man würdigen.“ So wird Schulseelsorge zu einem Ort, an dem Menschen erleben: Ich werde gesehen. Ich darf mit meinen Fragen kommen. Und ich bin mit dem, was mich bewegt, nicht allein.

Immer mehr Menschen lassen sich für die Schulseelsorge ausbilden

In der Landeskirche Hannovers gibt es ein Ausbildungsprogramm für Schulseelsorgende mit systemischem Charakter. Mehr als 500 Menschen hat die Landeskirche inzwischen für die Schulseelsorge ausgebildet. Darunter sind Pastorinnen und Pastoren, mehrheitlich jedoch Lehrkräfte des Fachs Religion. Die Qualifizierung umfasst sieben Seminare und Supervisionen. „Die Kurse sind immer voll, oft sogar überbucht“, erzählt Arnim Hermsmeyer. Besonders auffällig: Immer mehr jüngere Lehrkräfte und Menschen aus Grundschulen interessieren sich dafür. Viele wollen ihren Blick erweitern und Kinder und Jugendliche nicht nur fachlich begleiten. Denn die Nachfrage nach Schulseelsorge – auch seitens der Schulen – sei hoch. „Die Schulen wünschen sich Seelsorger, weil sie eine Lücke füllen“, beschreibt der Schulpastor und ergänzt: „Das ist eine gute Entwicklung.“

Schulseelsorge ist für alle da

Schulseelsorge richtet sich dabei nicht nur an die Kinder und Jugendlichen der Schule. Auch Lehrkräfte, Mitarbeitende der Verwaltung oder Schulleitungen suchen das Gespräch. „Schulseelsorge ist für alle da“, sagt Arnim Hermsmeyer. Denn auch die Kolleg*innen bräuchten Räume für Reflexion, Austausch und Selbstfürsorge.

Text: Franziska Weiß