Grußwort von OKR'in Katrin Hatzinger zum Empfang des Deutschlandradio Hörfunkrats im Haus der EKD Brüssel am 9. September 2026
Ein informeller Austausch mit Europapolitikern, Medienschaffenden und Politikbegleitern
Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Herr Blaurock, lieber Direktor Kniebs,
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, lieber Herr Schenk,
liebe Mitglieder des Deutschlandradio Hörfunkrats,
lieber Vertreter von Deutschlandradio, lieber Herr Intendant Raue,
ich freue mich, Sie heute Abend im Haus der EKD zum Empfang des Deutschlandradio Hörfunkrats begrüßen zu dürfen.
Gestern Abend konnten einige von uns in „einer Stunde history“ viel über unser Gastland Belgien und die Geschichte der deutschsprachigen Gemeinschaft erfahren, heute Nachmittag hatten wir Gelegenheit im Programmausschuss die Deutschlandradio Korrespondenten und ihren Blick auf die Europapolitik kennenzulernen. Heute Abend soll es im informellen Rahmen darum gehen, mit Ihnen als Europapolitiker, Medienschaffende und Politikbegleiter in den Austausch zu treten. Schön, dass Sie alle da sind!
Als Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sind wir seit mehr als 30 Jahren in Brüssel mit einer eigenen Vertretung präsent. Warum? Zunächst weil uns die EU-Gesetzgebung ganz unmittelbar in unserem Selbstverständnis, unserem grundgesetzlich garantierten Selbstbestimmungsrecht betrifft, z.B. im Bereich des Europäischen Antidiskriminierungs-, Datenschutz- oder Beihilferechts. Deshalb wurde das Büro 1990 quasi als Frühwarnsystem gegründet und seitdem liegt die Leitung in den Händen eines Juristen/ einer Juristin.
Als evangelische Kirche sind hier aber auch vertreten, weil uns als Christinnen und Christen Europa etwas angeht. Das europäische Motto der EU „in Vielfalt geeint“ entspricht dem ökumenischen Lernweg der Einheit in versöhnter Verschiedenheit und den Erfahrungen, die wir im Rahmen verschiedener ökumenischer Partnerschaften mit unseren Geschwisterkirchen leben. Die europäischen Werte von Demokratie, Menschenwürde und Rechtstaatlichkeit entsprechen unseren christlichen Überzeugungen. Die großen Herausforderungen unserer Zeit -von Migration, über Klimawandel, Digitalisierung bis hin zu Handel und Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Verteidigung- lassen sich nur gemeinsam bewältigen. Zum Erhalt und zur Vertiefung dieser Gemeinschaft leisten wir im Rahmen unseres Öffentlichkeitsauftrags -gemeinsam mit Partnern aus Politik und Zivilgesellschaft- unseren Beitrag.
Ich selbst bin nunmehr seit 23 Jahren in Brüssel zu Hause, und bin immer noch dankbar über das Privileg hier in der Hauptstadt Europas arbeiten und leben zu dürfen. Die vielen Gespräche, Begegnungen mit Menschen anderer Nationalität und die Zusammenarbeit mit einer Vielzahl interessanter Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen in meiner Rolle als Kirchenvertreterin empfinde ich immer noch als große Bereicherung und ständige Horizonterweiterung. Im Miteinander mit dem Europäischen Parlament und der EU-Kommission, aber auch den anderen Institutionen, die in Brüssel vertreten sind, erlebe ich eine große Offenheit und Niedrigschwelligkeit, die mir bei Begegnungen im deutschen Politikkontext öfters fehlt. Ich würde mich freuen, wenn Sie ein wenig von diesem „Brüsseler Geist“ heute Abend erleben und mit nach Hause nehmen würden, denn die europäische Idee braucht unser aller Unterstützung, v.a. vor Ort in den Mitgliedstaaten.
Genauso selbstverständlich wie das europäische und internationale Engagement, ist für die Kirchen ihr Eintreten für unabhängige und starke öffentlich-rechtliche Medien als tragende Säule unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Mit dem Evangelischen Pressedienst betreibt die EKD die älteste Nachrichtenagentur Deutschlands (1910 gegründet). Vielfaltsicherung ist daher ein zentraler Auftrag, dem sich gerade die Kirchen verpflichtet fühlen. Von daher kommt es nicht von ungefähr, dass sich in den öffentlich-rechtlichen Aufsichtsgremien traditionellerweise viele Kirchenvertreter engagieren: als Vertreterinnen und Vertreter einer gesellschaftlich relevanten Gruppe, aber auch aus dem eigenen Selbstverständnis als Vertreter des Gemeinwohls.
Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Kirchen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk: beide leisten einen wichtigen Beitrag zur Daseinsvorsorge, beide haben einen gesamt-gesellschaftlichen Auftrag und beide bringen mit ihren Angeboten eine Vielzahl ganz unterschiedlich geprägter und politisch orientierter Menschen zusammen. Beide stehen für grenzüberschreitende Zusammenarbeit und die Stärkung des europäischen Gedankens -….und beide stehen zunehmend unter Druck.
Reformdruck kommt nicht von ungefähr und nicht über Nacht. Von daher sind alle Seiten gut beraten, sich immer wieder selbstkritisch zu prüfen, wo Kritik und politischer Gegenwind berechtigt, und vielleicht sogar hausgemacht sind. Das gilt für die Kirchen wie für den öffentlich- rechtlichen Rundfunk gleichermaßen. Sie sind aber auch aufgerufen, zu widersprechen, einzuordnen und zu hinterfragen, wenn die Grundpfeiler unseres freiheitlich-demokratischen Verfassungsstaats und seiner Institutionen verächtlich gemacht werden, wenn die Menschenwürde relativiert und Grund -und Menschenrechte bestimmten Gruppen abgesprochen werden. Hier sind Kirchen, Zivilgesellschaft und öffentlich-rechtlicher Rundfunk allesamt gefordert, als Zielscheibe politischer Kampagnen aber auch herausgefordert.
Glaubwürdigkeit und Vertrauen können Institutionen dauerhaft nur durch Transparenz, Reformwillen und Offenheit für sachliche Kritik erlangen oder zurückgewinnen und dafür ist eine kompetente, wirkungsvolle und unabhängige Aufsicht unerlässlich. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht vor enormen Herausforderungen und er steht unter Legitimationsdruck. Dazu kommt die wachsende Meinungs-Macht der digitalen Plattformen und die Herkules-Aufgabe, Jüngere mit den eigenen Angeboten zu erreichen, ohne Qualität und Profil aufzugeben. Angesichts knapper werdender Ressourcen müssen zudem schwierige strategische Entscheidungen getroffen werden, es muss um den zukünftigen Weg der Sender im Linearen und im Digitalen – auch in den Gremien- gerungen und auch mal gestritten werden. Das Miteinander aus Sender und Gremien kann kein reines Senden und Empfangen sein. Widerspruch und Kritik sollten als echtes Interesse, als Impulse für Innovation und Qualitätssteigerung verstanden werden. Aufsicht muss ernst genommen und erst gemeint sein. Sonst stoßen andere Kräfte in das vermeintliche Vakuum.
Insofern bin für den konstruktiv-kritischen Austausch mit der Hausleitung in den letzten 2 ½ Jahren, nicht zu vergessen, die dritte Stelle im Gremienbüro, sehr dankbar, aber natürlich auch für das Engagement von Ihnen, liebe Hörfunkratsmitglieder: sei es im Vorsitz, liebe Annette Lessmöllmann, im Präsidium (hier nenne ich Frau Nellesen-Strauch, Herrn Fieber, Herrn Kleist und Frau Blarr), im Programmausschuss, lieber Franz-Riemer, im Ausschuss für Wirtschaft und Finanzen, lieber Knut Deutscher, oder im Ausschuss für Digitales und Innovation. Nicht vergessen möchte ich aber auch den Bereich der Angebotskontrolle und der Programmbeschwerden oder konstruktive Beiträge in der Debatte im Gremium, etwa zur anstehenden Programmreform.
Vor diesem Hintergrund freut es mich sehr, dass es uns gelungen ist mit dem Europaabgeordneten Oliver Schenk heute Abend einen ausgewiesenen Experten in der Medienpolitik für ein Grußwort zu gewinnen. Als Chef der Sächsischen Staatskanzlei und Staatsminister für Bundesangelegenheiten und Medien, hat er vor seinem Einzug ins Europäische Parlament 2024 die deutsche Medienpolitik maßgeblich mitgestaltet einen klaren Auftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und eine Stärkung der Aufsicht angemahnt und den entsprechenden Medienstaatsvertrag – nicht nur zu allgemeinen Freude- auf den Weg gebracht.
Bevor ich jetzt aber zunächst das Wort an den Deutschlandradio Intendanten Stefan Raue weitergebe, bleibt mir nur noch Ihnen allen einen schönen Abend voller ertragreicher Begegnungen und guter Gespräche zu wünschen. Meinen Mitarbeitern hier im Haus und dem Team vom Gremienbüro möchte ich für allen Einsatz ganz herzlich zu danken.