Schöpfungsspiritualität
Gott in der Natur begegnen
Im Wald zur Ruhe kommen, den Himmel betrachten, Wind und Wasser spüren: Viele Menschen erleben in der Natur etwas, das über sie selbst hinausweist. Solche Momente von Verbundenheit oder auch Transzendenz können tief berühren. Christliche Schöpfungsspiritualität verbindet diese Erfahrungen mit dem Glauben an Gott und der Verantwortung für unsere Mitwelt.
Auch die Bibel erzählt vom Staunen angesichts der Größe und Schönheit der Schöpfung: Die Psalmen loben und danken Gott für sein Werk und Jesus verweist in seinen Gleichnissen immer wieder auf die Natur.
Was ist Schöpfungsspiritualität?
Christen und Christinnen nehmen die Natur als Gottes Schöpfung wahr; Naturerfahrung ist für sie ein Weg, Gott in seiner Schöpfung zu begegnen. Aus dem Staunen über die Größe und Schönheit der Natur folgt aus christlicher Sicht unmittelbar der Wunsch, sie zu bewahren. Diese Verantwortung lässt sich mit dem Schöpfungsauftrag der Bibel begründen, wie es eine Aussage ausdrückt, die auf Martin Luther zurückgehen soll: „Deus vult servatam naturam, non extinctam.“ – „Gott will eine bewahrte, nicht eine ausgelöschte Natur.“
Naturspiritualiät und Schöpfungsspiritualität – was ist der Unterschied?
Die Stille der Wüste, die Weite der Meere, die Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt: Immer wieder haben Menschen in der Natur spirituelle Erfahrungen gesucht und gefunden, sind auf einsame Gipfel gestiegen oder haben sich in die Wildnis zurückgezogen. Solche Erfahrungen sind überkonfessionell und religionsübergreifend. Frühchristliche Mönche haben das ebenso praktiziert wie mitelalterliche Mystiker oder Pilger. Auch heute machen viele Menschen in der Natur tiefe Erfahrungen von Verbundenheit oder auch Transzendenz. Beim Wandern, im Wald oder am Strand spüren sie einen inneren Frieden, den sie im Alltag nicht erleben. Wenn Menschen die Natur als etwas Heiliges und Sinnstiftendes erleben, spricht man von Naturspiritualität.
Aus Sicht einer christlichen Spiritualität lässt sich in der Begegnung mit der Natur Gottes Gegenwart und Wirken erfahren – die Natur wird als Werk und als Ausdruck Gottes gedeutet. „Die ganze Natur ist ein Buch, darin Gott sich selbst beschreibt“: Dieser Satz, der häufig Martin Luther zugeschrieben wird, bringt die Haltung einer solchen Schöpfungsspiritualität auf den Punkt.
Franz von Assisi – mit der Schöpfung verbunden
Das wahrscheinlich bekannteste Zeugnis einer tief empfundenen Schöpfungsspiritualität ist der „Sonnengesang“ von Franz von Assisi. Dieser Hymnus, der er an seinem Lebensende – vermutlich Ende 1224 oder Anfang 1225 – verfasste, gilt als ältestes Zeugnis italienischer Literatur und wird bis heute immer wieder gebetet, vertont oder nachgedichtet. Wenn Franz darin „Bruder Sonne“ und Schwester Mond“ besingt und ihnen dankt, verehrt er nicht die Natur selbst, sondern drückt seine geschwisterliche Verbundenheit mit allem Geschaffenen aus. Er erkennt Naturphänomene wie Wasser, Feuer, Erde und sogar den Tod als Mitgeschöpfe, mit denen und für die er Gott lobt und preist. Im deutschsprachigen Raum sehr populär ist das daran angelehnte Lied „Laudato si’“ („Sei gepriesen“), dessen Kehrvers dem Sonnengesang entnommen ist.
Durch sein einfaches Leben und sein geschwisterliches Verhältnis zur Schöpfung inspiriert Franziskus von Assisi bis heute viele Menschen. Der Befreiungstheologe Leonardo Boff bezeichnete Franziskus als „beispielhaft für einen ökologischen Menschen“. Zu Ehren des heiligen Franziskus wählte Papst Franziskus – als erster Papst überhaupt – Franziskus als seinen päpstlichen Namen. Später verfasste er die Enzyklika „Laudato si’“, die sich nicht nur im Titel auf den Sonnengesang Franziskus bezieht; inhaltlich steht darin der Themenbereich Umwelt- und Klimaschutz im Mittelpunkt, was vielfach als Wendemarke in der Kirchengeschichte bezeichnet wurde.
Weitere schöpfungstheologische Ansätze
Auch nach und vor Franz von Assisi haben Christinnen und Christen über das Verhältnis von Gott, Mensch und Natur nachgedacht und geschrieben. Augustinus und Hildegard von Bingen sind vielleicht die bekanntesten Namen aus dem Mittelalter. In der Neuzeit hat der französische Jesuit und Philosoph Teilhard de Chardin als einer der ersten versucht, Schöpfung nicht statisch, sondern evolutionär zu denken. Sein Entwurf einer Synthese aus naturwissenschaftlicher Evolutionstheorie und christlicher Heilsgeschichte stieß bis in die 1970er Jahre auf Resonanz. Später war es auch evangelischen Theolog*innen wie beispielsweise Jürgen Moltmann oder Dorothee Sölle ein Anliegen, die Schöpfung stärker in den Blick zu nehmen.
Franziskus vs. Matthew Fox
Eine radikale – und umstrittene – Form von Schöpfungsspiritualität entwickelte der US-amerikanische Theologe Matthew Fox. Er war katholischer Priester, verlor 1988 die Lehrberechtigung und trat 1993 der Episkopalkirche bei. In seinen Büchern und Vorträgen tritt er für alternative Gottesdienstformen ein, die er kosmische Messe nennt. Darin verbindet er kirchliche Liturgie mit elektronischer Musik sowie asiatischen und indigenen religiösen Elementen. Viel Aufsehen erregte seine öffentliche Aktion am Pfingstwochenende 2005: Damals schlug er 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg an und rief zu einer neuen Reformation auf. Im Gegensatz zu Franziskus von Assisi, dem er „Dualismus“ vorwirft, sieht Fox Gott nicht als Schöpfer der Welt, sondern als lebendige, spirituelle Essenz in allem. Zugespitzt gesagt: Für Fox ist die Schöpfung ist nicht nur von Gott geschaffen und geschenkt, sondern Gott selbst in materieller Form.
Wie lässt sich Schöpfungsspiritualität heute theologisch verstehen?
Eine neue Publikation der EKD beleuchtet die Bedeutung von Naturerfahrung, christlicher Spiritualität und Schöpfungsverantwortung und gibt Impulse für Kirche und persönliche Glaubenspraxis.
Die Klima- und Umweltkrise fordert nicht nur Politik, Wirtschaft und Wissenschaft heraus. Auch die Kirchen sind gefragt: Welche Kraft kann der Glaube für eine gerechte sozial-ökologische Transformation entfalten? Das dreisprachige EKD-Impulspapier (Englisch, Kiswahili, Deutsch) verbindet biblische und theologische Überlegungen mit afrikanischen, orthodoxen und protestantischen Perspektiven aus Deutschland. Es lädt zur Entdeckung unterschiedlicher Schöpfungsspiritualitäten ein. Darin verbunden sind Lob und Klage, Hoffnung und Umkehr, Genügsamkeit und Fürsorge sowie Einsatz für Klimagerechtigkeit in der einen Schöpfung.
Evangelische Kirche in Deutschland, 2026
eISBN (PDF) 978-3-87843-059-9
Häufige Fragen zur Schöpfungsspiritualität:
Was ist Schöpfungsspiritualität?
Schöpfungsspiritualität ist eine christliche Form der Spiritualität, die die Welt als Schöpfung Gottes wahrnimmt. Sie verbindet Staunen über die Natur, Gebet und Dankbarkeit mit Verantwortung für Menschen, Tiere und Umwelt.
Was bedeutet Naturspiritualität?
Naturspiritualität bezeichnet spirituelle Erfahrungen in und mit der Natur. Dazu können Verbundenheit, Staunen, Stille oder das Gefühl gehören, Teil eines größeren Ganzen zu sein.
Was hat Franz von Assisi mit Schöpfungsspiritualität zu tun?
Franz von Assisi gilt als eine wichtige Gestalt christlicher Schöpfungsspiritualität. In seinem Sonnengesang beschreibt er Sonne, Mond, Wasser, Feuer und Erde als Mitgeschöpfe und verbindet Naturverbundenheit mit dem Lob Gottes.
Ist Naturspiritualität christlich?
Naturspiritualität kann christlich sein, ist aber nicht automatisch christlich. Christliche Naturspiritualität deutet die Natur als Schöpfung Gottes und unterscheidet damit zwischen Gott und seiner Schöpfung.
Wie kann man Schöpfungsspiritualität praktizieren?
Zum Beispiel durch Gebet und Meditation in der Natur, Pilgern, bewusste Wahrnehmungsübungen, Schöpfungsgottesdienste oder Zeiten der Stille. Auch ein achtsamer und verantwortungsvoller Umgang mit der Mitwelt gehört dazu.