„Das Gesangbuch soll ein Begleiter im Alltag werden“
Lukas Bauer, EKD-Referent für das neue Evangelische Gesangbuch, über die Ergebnisse der Gemeinde-Erprobung und die nächsten Schritte
Fast 6.700 Rückmeldungen zum neuen Evangelischen Gesangbuch liegen aus den Gemeinden vor – und die Resonanz auf das neue Konzept fällt überwiegend positiv aus. Lukas Bauer, EKD-Referent für das neue Gesangbuch, erklärt im Interview, welche Erkenntnisse die Erprobungsphase gebracht hat, wo noch nachjustiert werden muss und wie es bis zur finalen Liedauswahl weitergeht.
Der Kirchenmusiker Lukas Bauer arbeitet seit 2025 als Bezirkskantor in Esslingen am Neckar (Württemberg).
Wie bewerten Sie das Ergebnis der Erprobungsphase - was sind Ihre Haupterkenntnisse?
Lukas Bauer: Wir haben fast 6.700 Rückmeldungen erhalten, darunter 2.800 vollständig ausgefüllte Fragebögen. Das ist eine große und aussagekräftige Datenbasis. Sie gibt nach Personen- und Altersgruppen differenzierte Antworten, die für unsere Weiterarbeit sehr hilfreich sind. Rund drei Viertel der Befragten bewerten die Neuerungen grundsätzlich positiv. Das freut uns natürlich sehr.
Der erste Praxistest für die Arbeit am neuen Gesangbuch ist also bestanden?
Bauer: Unsere Idee ist, ein Gesangbuch zu machen, das die Vielfalt der evangelischen Kirche abbildet. Verschiedene Frömmigkeitstraditionen, Singformen, Gattungen und Epochen. Diese Linie der Vielfalt wird positiv angenommen. Das gibt uns Rückenwind und die Freiheit, jetzt im Detail weiterzuarbeiten.
87 Prozent der Befragten geben an, dass sie im neuen Gesangbuch Impulse für ihr persönliches Glaubensleben finden. Hier deutet sich ein Perspektivwechsel an: über die Verwendung im Gottesdienst hinaus ist das Buch auch für andere Formate und Gruppen nutzbar. War das im Konzept schon so intendiert?
Bauer: Natürlich ist ein Gesangbuch erstmal ein Werkzeug für den Gottesdienst. Aber es sollte darüber hinaus gehen. Es gibt eine Tradition der protestantischen Gesangbücher als Hausbücher, als spirituelle Lebensbegleiter. Viele Pfarrpersonen berichten, dass das Gesangbuch ein wertvolles Mittel in der Seelsorge ist. Dieses Profil, ein relevanter Begleiter im Alltag zu sein, wollen wir stärken. Wir wollen Christ*innen in verschiedenen Lebenssituationen Anhaltspunkte und Hilfen für ihren Glauben im Alltag anbieten. So wird es neben den alphabetischen und systematischen Verzeichnissen auch die Möglichkeit geben, nach inhaltlich-emotionalen Gesichtspunkten – etwa zu Stichworten wie „Trauer“ oder „Einsamkeit“ - zu suchen. Das ist eine ganzheitliche Idee, die auch hinter dem neuen Gesangbuch steckt.
Eine grundsätzliche Neuerung im neuen Gesangbuch betrifft das Zusammenspiel von Texten und Liedern. Was ändert sich da?
Bauer: Es wird keinen klassischen Textteil mehr geben so wie bisher. Die Idee ist, beides – Lieder und Texte – miteinander in Berührung zu bringen. Man findet die Texte dort, wo sie inhaltlich passen – also ein Abendgebet dort, wo auch die Abendlieder stehen. Das bisherige Gesangbuch ist so aufgebaut, dass jede Rubrik mit einem Mottolied beginnt. Die übrigen Lieder folgen dann chronologisch, nach ihrer Entstehungszeit. Diese Reihenfolge ist rein formal, aus organisatorischen Gesichtspunkten gewählt. Im neuen Gesangbuch werden in einzelnen Rubriken Texten und Liedern frei kombiniert. Auf diesem Weg ergibt sich, dass sich Inhalte gegenseitig ergänzen oder herausfordern, eine Dynamik oder einen roten Faden ergeben. Der Aufbau ist also nicht mehr organisatorisch, sondern inhaltlich begründet. Die Psalmen haben wir in die Mitte des Buches gerückt, wobei es zu vielen Psalmtexten Kehrverse gibt, mit deren Hilfe Sprechen und Singen kombiniert werden kann. Und auch die Psalmlieder finden sich direkt beim jeweils passenden Text. Das Konzept der inhaltlichen Kombination von Texten und Liedern zieht sich konsequent durch die Gestaltung des Gesangbuchs.
Besonders groß ist die Zustimmung bei den 14- bis 49-Jährigen. Was sagt Ihnen das nicht nur über die Zukunftsfähigkeit des Gesangbuchs, sondern der Sing- und Gottesdienstkultur überhaupt?
Bauer: Wir brauchen ein Gesangbuch, das ca. 40 Jahre trägt – das war immer unsere Zielsetzung. Wenn die Altersgruppe, die in dieser Zeit Verantwortung übernehmen und das kirchliche Leben gestalten wird, die Konzeption so gut bewertet, stützt das unser Konzept eines Generationenbuches. Dass die Jugend singt und sich für Gottesdienst und Kirchenmusik interessiert, ist für mich keine neue Erkenntnis. Die Art der musikalischen Bindung an die Kirche ist aber vielfältiger geworden. Sie passiert nicht mehr nur in Sonntagsgottesdienst oder Kantorei, sondern auch in Projektchören, Bands, Jugend- und Kinderchören. Diese Vielfältigkeit wird durch das neue Gesangbuch gestärkt. Es kann aber nur ein Impuls sein, der die Richtung aufzeigt. Ich sehe es als Arbeitsauftrag, dranzubleiben an jüngeren Generationen und sie weiter einzubinden. Dieser Auftrag gilt für die ganze Kirche.
„Wir brauchen ein Gesangbuch, das ca. 40 Jahre trägt.“
Das Ergebnis der Erprobungsphase vermittelt sicher einen guten Einblick, wie die Zielgruppen in den Gemeinden ticken. Gibt es da Überraschungen, Dinge, die Sie bisher nicht auf dem Schirm hatten?
Bauer: Es gibt für mich mehrere unerwartete und interessante Aspekte. Zum Beispiel, dass die kritischste Zielgruppe Pfarrpersonen im Ruhestand sind. Menschen, die intensiv mit dem aktuellen EG gearbeitet haben, teilweise noch sehr aktiv sind und viel in ihren Gemeinden bewirken. Die sehen Veränderungen eher kritisch. Wir müssen sie vielleicht mehr als bisher im Blick behalten und mitnehmen. Bei der Frage der passenden Tonhöhen sind die hauptberuflichen Kirchenmusiker*innen besonders kritisch. Die Nebenamtlichen sehen das teilweise ganz anders. Da gibt es enorme Unterschiede. Ein weiterer interessanter Befund ist die unterschiedliche Prägung von Landeskirchen. Die verschiedenen Glaubenstraditionen, geschichtlichen Erfahrungen - etwa durch die deutsche Teilung - oder kirchlichen Sozialisationen nehmen wir in den Ergebnissen deutlich wahr. Im Norden und Westen ist eine große Offenheit für Neuerungen da, gleichzeitig vielleicht eine weniger enge Bindung an die evangelische Identität. Diese Identität ist in Ostdeutschland einfach bedeutend wichtiger. Diese Aspekte werden wir bei der Weiterentwicklung des Gesangbuchs berücksichtigen.
Kritik im Detail gibt es durchaus – bei den Tonhöhen, aber auch bei Liedauswahl, Eingriffen in Melodien und Texte, Papierqualität und Lesbarkeit. Wie gehen sie damit um?
Bauer: Ich nehme die Kritik erstmal wahr als Rückmeldungen einer vielfältigen Zielgruppe. Nach dem Motto: „Wenn das Gesangbuch genau für uns gemacht worden wäre, dann hätten wir das und das gerne anders gehabt.“ Jetzt gilt es, diese Rückmeldungen sorgfältig einzuordnen und abzuwägen. Denn es ist nicht so, dass jede Kritik eindeutig wäre, sie widerspricht sich zum Teil. Gitarristen wollen Tonarten mit Kreuzvorzeichen, Bläser bevorzugen B-Tonarten. Manchen ist noch zu viel Altes enthalten, für andere zu viel Neues. Die einen wollen mehr kirchlich-geprägte Sprache, die anderen genau das Gegenteil. Das heißt, es wäre zu einfach zu sagen: Wir hören die Kritik an und machen das, was uns die Kritik sagt. Ich bin froh, dass uns die Evangelische Arbeitsstelle MIDI wissenschaftlich begleitet und uns hilft, das Ganze einzuordnen. Die Kritikpunkte werden in den Fachausschüssen beraten und kommen dann in die Gesangbuchkommission, die dann darüber beschließt. In dem 70-köpfigen Gremium sitzen Professoren neben Studierenden und Engagierten aus der Kinderkirche. Die große Vielfalt geht von der Erprobungsphase also weiter in die Einarbeitung der Ergebnisse.
Wie geht es dann weiter – was sind die nächsten Schritte auf dem Weg zum neuen Gesangbuch?
Bauer: Zu den Daten aus den Erprobungsgemeinden kommen jetzt noch Rückmeldungen aus den Landeskirchen. Das sind sowohl Ergebnisse von Fachtagungen als auch Stellungnahmen von Synoden und Kirchenämtern. Und auch die Mitglieder der Gesangbuchkommission können noch einmal Rückmeldungen abgeben. Bei einer Tagung der Kommission im Oktober werden wir dann über alles sprechen und darüber beschließen, wie die Erprobungsergebnisse eingearbeitet werden. Ein detaillierter Abschlussbericht, der alle Schritte dokumentiert, wird veröffentlicht. Alles soll sehr transparent sein. Im März wird auf EKD-Ebene die finale Liederliste beschlossen.
Ist die Arbeit der Gesangbuchkommission damit beendet?
Bauer: Nein, sie arbeitet weiter. Denn nach der Auswahl muss ja jedes Lied weiter redaktionell bearbeitet werden: Welche Strophen, welche Textfassung, welche Melodie wird verwendet und in welcher Tonhöhe? Gibt es einen mehrstimmigen Satz dazu? Die Arbeit bleibt intensiv bis zur Drucklegung.
Rund 600 Lieder werden im neuen Gesangbuch stehen. Eine weitaus größere Anzahl wird online verfügbar sein. Bestünde da nicht die Chance, das Gesangbuch künftig zu einem Work-in-Progress zu machen, das kontinuierlich durch neues Material ergänzt und modifiziert werden könnte, ohne immer neu drucken zu müssen?
Bauer: Der Gedanke ist richtig und nachvollziehbar. Die Hürden allein durch das Urheberrecht sind allerdings relativ hoch. Aber technisch wäre es natürlich möglich, und wir machen uns Gedanken, wie wir die Sammlung kuratieren und von Zeit zu Zeit durch neue Lieder ergänzen und anpassen können. Ein weiterer Vorteil des digitalen Gesangbuchs ist übrigens, dass die Inhalte der Regionalteile für alle zugänglich sind. Wenn sich ein gutes Lied eines Regionalteils durchsetzt, dann hat ganz Deutschland sofort darauf Zugriff. Das ist ein großer Gewinn.
Interview: Jörg Echtler