Evangelische Kirche erinnert an 75 Jahre Stuttgarter Schulderklärung

Bedford-Strohm: Erinnerung an Schuld gehört in DNA der Kirche

Es ist ein bis heute vieldiskutierter Text - und war doch ein wichtiger Schritt in Richtung Versöhnung: Vor 75 Jahren bekannten erstmals evangelische Christen eine Mitschuld am Unrecht in der Zeit des Nationalsozialismus.

Heinrich Bedbord-Strohm, Muhterem Aras und Frank Otfried July (v.l.n.r.)

 

Mit einem zentralen Gedenkgottesdienst in der in der Markus-Kirche in Stuttgart hat die Evangelische Kirche in Deutschland am Sonntag (18.10.2020) auf die Stuttgarter Schulderklaerung von vor 75 Jahren zurueckgeblickt. (v.l.n.r.) Der evangelische Landesbischof in Wuerttemberg, Frank Otfried July, Landtagspraesidentin Muhterem Aras, EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm,  im Hintergrund die damalige Schulderklaerung.) Am 18./19. Oktober 1945 verfassten fuehrende Vertreter der neu gegruendeten EKD eine Erklaerung zum Versagen der Kirche während der NS-Zeit. Sie gilt als Grundlage fuer einen Neuanfang der deutschen evangelischen Kirche in der internationalen Gemeinschaft. 

 

Stuttgart (epd). Mit einem zentralen Gedenkgottesdienst hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) auf die Stuttgarter Schulderklärung vor 75 Jahren zurückgeblickt. „Die Erinnerung an die Schuld, die Einsicht in die große Verantwortung, gehört seit 1945 in die DNA der Evangelischen Kirche“, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strom, am Sonntag in Stuttgart.

Nach der furchtbaren Zeit der Evangelischen Kirche im Nationalsozialismus habe es die Worte der Erklärung gebraucht, in der es heißt: „Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Sie seien mehr als ein liturgisches „mea culpa“. Sie seien Ausdruck der „existenziellen Dunkelheit“, die die Verfasser des Stuttgarter Schuldbekenntnisses angesichts der Abgründe der Jahre des Dritten Reichs stellvertretend für Viele vor nun 75 Jahren zum Ausdruck gebracht hätten.

Ein Neuanfang bedeute aber ganz bestimmt nicht, alles einfach hinter sich zu lassen und einen Schlussstrich zu ziehen, betonte Bedford-Strohm, der auch bayerischer Landesbischof ist. Bei seinem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz habe er gespürt: „75 Jahre sind angesichts dieser Vergangenheit, dieser Taten, gar nichts, ein Windhauch nur.“

Der evangelische Landesbischof in Württemberg, Frank Otfried July, betonte in seinem Eingangswort die Bedeutung des 1945 umstrittenen Dokumentes und räumte zugleich ein, dass es blinde Flecken habe: "Kein Wort zur Verfolgung und Vernichtung des Judentums in Europa, kein Wort zur Verfolgung der Sinti und Roma, kein Wort zu Kriegsgräueln, kein Wort zur Verfolgung anderer Minderheiten." Eine große Verbreitung der Stuttgarter Erklärung sei zunächst wohl gar nicht vorgesehen gewesen, und bis der Blick auf Schuld und Unrecht wirklich präsent war, habe es Jahrzehnte gebraucht.

Der geschäftsführende Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen, Ioan Sauca, der wegen der Corona-Pandemie nicht anreiste, sagte in einem vorgelesenen Grußwort, das Schuldbekenntnis öffnete die Tür zur Überwindung der Feindschaft und zur gemeinsamen Suche nach Frieden und Versöhnung. "Was damals hier in Stuttgart geschah, hat mit dazu beigetragen, dass heute zwischen Karlsruhe und Straßburg eine Brücke des Friedens Deutschland und Frankreich über den Rhein hinweg verbindet. Wir sind dankbar, dass in der Mitte Europas Frieden herrscht."

Am 18./19. Oktober 1945 verfassten führende Vertreter der neu gegründeten EKD eine Erklärung zum Versagen der Kirche während der NS-Zeit. In ihr heißt es auch: "Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker gebracht worden." Die Erklärung gilt als Grundlage für einen Neuanfang der deutschen evangelischen Kirche in der internationalen Gemeinschaft.

Die Autoren der Erklärung, Hans Christian Asmussen, Otto Dibelius und Martin Niemöller, hatten schon in der Bekennenden Kirche Leitungsämter bekleidet. Zu den Unterzeichnern gehörte auch der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann.