Ökumene im 21. Jahrhundert

Bedingungen – theologische Grundlegungen – Perspektiven

Vorwort

»Ökumene im 21. Jahrhundert« – mit diesem Text wird der Blick auf die Ökumene in Deutschland und weltweit gerichtet. Dies geschieht deutlich aus evangelischer Perspektive. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) [1] und ihre Gliedkirchen werden als Akteure sichtbar – häufig im Zusammenwirken mit Werken und Verbänden, mit Initiativen, Gruppen und ökumenischen Organisationen – und vor allem im Miteinander und Gegenüber zu anderen Kirchen, Konfessionen und Religionen weltweit. Das Themenjahr »Reformation und die Eine Welt« bietet einen guten Bezugsrahmen für diesen Text.

Im Rückblick werden die Chancen und Wirkungen ökumenischer Begegnung und Zusammenarbeit seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erkennbar. Oft führten dabei Konflikte und Auseinandersetzungen zu Klärungen und neuen Impulsen. Dies im Blick zu behalten ist wichtig, wenn gegenwärtig nach den Rahmenbedingungen für ökumenische Arbeit gefragt wird. Denn so werden auch die krisenhaften Entwicklungen in Partnerschaften und ökumenischen Beziehungen nicht übersehen. Der Text plädiert dafür, die notwendigen Gespräche und Auseinandersetzungen aktiv anzugehen.

Alle, die heute ökumenische Beziehungen gestalten, sehen sich mit großen Veränderungen konfrontiert. Die ökumenische Landkarte in Deutschland hat sich ebenso wie die »Landkarte des Christentums« weltweit verändert. Dies hat Auswirkungen auf mögliche Partner der evangelischen Kirchen in Deutschland (und Europa) und auf die in Beziehungen anstehenden Themen. Weltweit ist das Erscheinungsbild des Christentums heute, anders als vor 100 Jahren, zunehmend von den Kirchen »des Südens« geprägt. Stärker als je zuvor tritt auch die Herausforderung zutage, den Dialog und die Kooperation mit anderen Religionen zu suchen oder zu verstärken, um gemeinsam Wege zu Gerechtigkeit und Frieden zu finden.

Die Globalisierung erweist sich in diesem Zusammenhang als ein spannungsreiches Phänomen. Einerseits trägt sie weltweit zu Vereinheitlichung von Lebensformen bei, andererseits ruft sie Gegenreaktionen hervor, die partikulare Identitäten stärken. Der Text beantwortet diese Herausforderung theologisch durch den Hinweis auf Partikularität und Universalität des Heilshandelns Gottes im biblischen Zeugnis und empfiehlt der Gemeinschaft der Kirchen, die partikularen Identitäten nicht aufzulösen oder zu unterdrücken, sondern in versöhnter Verschiedenheit, ja sogar in Gemeinschaft zur Geltung kommen zu lassen. In einem solchen Modell der Gemeinschaft bleiben sich die einzelnen Christinnen und Christen, die Gemeinden und die Kirchen ihrer Eigenart bewusst und wissen zugleich darum, dass sie auf die Begegnung und den Dialog mit ökumenischen Partnern vor Ort und weltweit angewiesen sind, weil sie allein für sich nie das gesamte Christentum repräsentieren können.

Ökumene ist deshalb »no optional extra«, wie Bischof Desmond Tutu gesagt hat, d. h. nichts, worauf die Kirchen gegebenenfalls auch verzichten könnten, sondern ein wesentlicher Bestandteil des je eigenen Kircheseins. Alle kirchlichen Arbeitsfelder sind daraufhin zu prüfen, inwiefern sie die ökumenische Dimension mit reflektieren und gestalten. Dies gilt für die Aus- und Fortbildung kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ebenso wie für Seelsorge, Verkündigung und den weiten Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung. Der große Zusammenhang von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ist und bleibt eine wichtige Aufgabe und ein Referenzrahmen jeder ökumenischen Arbeit.

Hannover, im Oktober 2015

Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm
Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland

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