Darum ist Fasten so gut für Körper und Seele
Eine Woche (fast) ohne Essen: In der Passionszeit lädt die Frankfurter Pfarrerin Charlotte von Winterfeld regelmäßig zu gemeinsamen Fastentagen ein. Im Interview berichtet sie von Nebenwirkungen für die Seele – und davon, wie durch Verzicht mehr Klarheit, innere Ruhe und Gemeinschaft entstehen können.
Pfarrerin Charlotte von Winterfeld
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Fastengruppe anzuleiten?
Charlotte von Winterfeld: Wir haben gemerkt, dass die Kirche viele Angebote macht für Familien und für Kinder, aber wenig für Erwachsene. Und wir haben gemerkt, es gibt einen Bedarf, sich mit spirituellen Themen auseinanderzusetzen. Ich finde, eine Fastengruppe ist auch ein spirituelles Angebot!
Inwiefern?
von Winterfeld: Schon im Judentum wurde gefastet, auch Jesus hat gefastet, und dieses Wissen, dass Fasten helfen kann, sich auf Gott zu konzentrieren, Zeit zu gewinnen und mit sich selbst mehr in Kontakt zu treten, ist ganz alt und ganz ursprünglich im Menschen angelegt.
Was passiert bei Ihren Fastentagen?
von Winterfeld: Wir kommen zu mehreren Abendterminen zusammen. Bei einem Informationstermin zu Beginn wird erklärt, wie das mit dem Fasten geht und welche unterschiedlichen Formen möglich sind: Wasser- und Teefasten, Suppenfasten, Smoothiefasten ... Mein Kollege Michael Speh hat sehr viel Erfahrung mit dem Fasten und kann die gesundheitlichen Aspekte genau erklären.
Gleichzeitig dienen die Treffen auch dem persönlichen Austausch: Warum will ich fasten? Wie geht es mir damit? Wenn wir schon angefangen haben zu fasten, sprechen wir darüber, welche Probleme sich dabei eingestellt haben. Das ist immer ein reger Austausch in der Gruppe! Und natürlich gibt es auch immer inhaltliche Impulse, die mit der Passionszeit zu tun haben.
Von welchen Erfahrungen berichten die Teilnehmenden?
von Winterfeld: Sie nehmen ihre Umwelt plötzlich anders wahr, sie achten mehr auf sich und ihren Körper. Manche berichten, sie können sich besser konzentrieren. Sie werden auch empfänglicher für manche spirituelle Erfahrung: Sie fühlen sich freier, sie stoßen äußerlich und innerlich Ballast ab. Eine Teilnehmerin berichtete beispielsweise: „Ich habe meine Mutter bis zu ihrem Tod gepflegt und begleitet und möchte diese Erfahrung jetzt hinter mir lassen, und deshalb faste ich – ich möchte das abschließen durch das Fasten.“ Ich glaube, das ist ihr auch gelungen.
Birgt das Fasten auch Risiken?
von Winterfeld: Es ist für den Körper natürlich eine Herausforderung! Wir sagen deshalb am Anfang immer, dass man mit seinem Arzt, seiner Ärztin abklären soll, ob man körperlich dazu in der Lage ist, das durchzuziehen. Eine Frau beispielsweise hatte gesundheitliche Probleme und hat dann auf Anraten ihres Arztes während dieser Zeit nur auf Zucker verzichtet.
Und gibt es Nebenwirkungen für die Seele?
von Winterfeld: Ich glaube, man ist in dieser Zeit etwas schutzloser und sensibler. Wenn wichtige Entscheidungen anstehen, sollte man sie auch nicht unbedingt treffen, während man fastet, weil man dann anders empfindet und anders fühlt.
Kann nicht Fasten genau dafür gut sein, klarer zu sehen und seine Ziele besser zu erkennen?
von Winterfeld: Ja, aber die Regel bei intensiven Fasten- und überhaupt Meditationsübungen ist: Die Entscheidung trifft man hinterher. Man tritt danach noch mal einen Schritt zurück, um die Erfahrung, die man im Fasten gemacht hat, einzuordnen und zu bewerten.
Wie begleiten Sie die Fastenden seelsorgerisch?
von Winterfeld: Wir haben immer einen Gruppenaustausch. Dabei gehen wir natürlich auf das ein, was die Menschen sagen. Wenn irgendetwas hochkommt, das nicht so einfach zu bewältigen ist, stehen wir auch für Einzelgespräche zur Verfügung, oder man kann uns telefonisch kontaktieren. Das passiert aber nicht so oft. Ich glaube, das Gruppengeschehen ist oft schon ausreichend, um die Menschen zu begleiten.
Was für Rückmeldungen haben Sie bekommen?
von Winterfeld: Die Menschen fanden es wohltuend, dass wir bei den Treffen auch Meditations- und Körperübungen machen. Die meisten haben das Fasten als sehr positive Erfahrung für sich entdeckt - oder kannten es schon und haben es dann wiederentdeckt. Ich kann mich aber auch an eine junge Frau erinnern, die sagte: Ich merke, Nahrungsverzicht ist gar nichts für mich, ich möchte stattdessen mehr auf Medien verzichten. Es war wirklich gut, die unterschiedlichen Fastenarten nebeneinander zu haben – Essen oder nur Zucker oder nur Handy – und sich darüber auszutauschen.
Wie schwer fiel den Menschen das Fasten?
von Winterfeld: Es ist super unterschiedlich, wie der Körper reagiert: Manche haben das sehr gut vertragen, andere hatten in den ersten Tagen starke Kopfschmerzen oder Entzugserscheinungen vom Kaffeetrinken. Für manche war der dritte Tag am schwersten, für andere der fünfte Tag.
Ein Ehepaar zum Beispiel hatte das noch nie gemacht. Die beiden waren wirklich fasziniert, weil sie sich das vorher nicht vorstellen konnten, eine Woche ohne Essen auszukommen, und dass dann die Gedanken ans Essen tatsächlich auch weniger wurden. Die beiden sagten: Das machen wir auf jeden Fall wieder, das hat uns total befreit!
Hat man nicht ständig Hunger, wenn man nichts oder nur sehr wenig isst?
von Winterfeld: Nein. Man führt ja so stark ab, dass nichts mehr im Darm ist. Der Darm schläft dann in dieser Zeit quasi ein bisschen ein und ist nicht mehr so aktiv. Üblich ist, eine Fastensuppe zu kochen ohne Salz, von der man nur die Brühe isst. Ein typischer Fasten-Smoothie besteht aus Biospinat, etwas Avocado, Blaubeeren und zwei Datteln. Auch das kann der Darm gut vertragen. Manche sagen auch, ein Löffel Honig am Tag tut ihnen gut. Ich habe das selbst erlebt, wenn ich etwas zittrig auf den Beinen war – ganz wenig Nahrung kann dem Körper schon helfen, weiter durchzuhalten.
Man kann zum Beispiel auch Wasser ganz langsam „kauen“, so dass es gegen Hunger wirkt. Der menschliche Körper ist darauf ausgelegt, mal viel und mal wenig zu essen. Das haben schon unsere Vorfahren so gemacht.
„Wenn man etwas weglässt, ist da auf einmal viel mehr Zeit für anderes und andere.“
Sie bieten diese Fastentage bewusst in der Passionszeit an. Ist das Selbstkasteiung oder Selbstfürsorge?
von Winterfeld: Früher hat man vielleicht gefastet, um Gott gnädig zu stimmen. Aber das glauben wir heutzutage nicht mehr. Wenn man Essen - oder Fernsehen - weglässt, ist da auf einmal viel mehr Zeit für anderes und andere. Das ist ja das Prinzip der evangelischen Fastenaktion „Sieben Wochen Ohne“: Ich schaue, was am besten zu mir passt, und wo es vielleicht gut tut, das einmal wegzulassen. Ich finde es eine gute Maxime zu sagen, das suche ich mir selber aus.
Eine schöne Begründung für das Fasten habe ich auch bei den Musliminnen und Muslimen entdeckt. Die sagen, sie erinnern sich in dieser Zeit auch an Menschen, die nicht genug zu essen haben. Diese Form von Mitleiden finde ich auch einen schönen Aspekt.
In diesem Jahr fasten die Musliminnen und Muslime gleichzeitig mit uns ...
von Winterfeld: Wenn es dunkel wird und das Tageslicht verschwindet, fängt für sie das Fastenbrechen an. Eine Muslima hat mir einmal erzählt, wie sehr sie sich dann über zwei Datteln freut! Auch nach der Fastenwoche genießt man einen gedünsteten Apfel ganz anders. Wenn man dann ein Stück Schokolade isst, ist das wie eine Geschmacksexplosion auf der Zunge, weil man es nicht mehr gewohnt ist!
Interview: Andrea Teupke