Wiederaufbau einer Kreuzritterburg
Warum die syrisch-orthodoxe Kirche den Wiederaufbau des Krak des Chevaliers unterstützt
Krieg und Erdbeben haben dem Krak des Chevaliers in den letzten Jahren massiv zugesetzt. Doch jetzt könnte ausgerechnet diese alte Kreuzritterburg zum Vorbild für den Wiederaufbau Syriens werden. Lokale, nationale und internationale Akteure ziehen alle an einem Strang, um die Zukunft dieses Weltkulturerbes zu sichern. Mit dabei: die syrisch-orthodoxe Kirche.
Syriens Zukunft auf dem gemeinsamen Erbe aufbauen
Weltweit ist der Krak des Chevaliers bekannt als ein einmaliges Zeugnis mittelalterlicher Architektur aus der Zeit der Kreuzzüge. Nirgendwo lässt sich die militärische Ingenieurskunst der Kreuzritter besser darstellen.
In der Geschichte der einheimischen Christen gilt diese Zeit allerdings keineswegs als Glanzzeit des Christentums. Ganz im Gegenteil. Für die byzantinischen und orientalischen Kirchen vor Ort waren die Kreuzritter aus dem römisch-katholischen Abendland eher Unterdrücker als Befreier. In deren Augen waren sie theologisch nämlich auf dem Holzweg.
Umso interessanter ist das Engagement der syrisch-orthodoxen Kirche jetzt beim Wiederaufbau des Krak des Chevaliers, das als Projekt innerhalb der St Ephrem’s Patriarchal Development Committee (EPDC) läuft. EPDC ist gewissermaßen das syrisch-orthodoxe Brot für die Welt. Wie beim deutschen Pendant gehen die Ressourcen dieses Hilfswerks vor allem in Nothilfe und Gesundheitsarbeit. Und davon kann es in Syrien nach vielen Jahren von Krieg, Vertreibung und Gewalt nicht genug geben.
„Der Krak des Chevaliers ist eines der wichtigsten Monumente im syrischen Kulturerbe.“
Für die syrisch-orthodoxe Kirche ist der Wiederaufbau des Krak des Chevaliers aber ein wichtiges Prestigeprojekt. Damit will sie zeigen, dass sie Teil von Syriens Geschichte, Gegenwart und Zukunft ist. „Der Krak des Chevaliers ist eines der wichtigsten Monumente im syrischen Kulturerbe“, sagt Hisham Saad, der Direktor dieser kirchlichen NGO. „Der Krak gehört zu Syrien, so wie wir auch zu Syrien gehören. Das wollen wir mit unserem Engagement deutlich machen.“ Als Kirche wolle man zeigen, dass man sich nicht nur um die Gegenwart sorge, sondern auch um die Vergangenheit und die Zukunft.
Bei letzterem will die syrisch-orthodoxe Kirche auf alle Fälle eine Rolle spielen. Denn nur wenn sie und die Christen insgesamt in Syrien als integraler Teil der syrischen Gesellschaft wahrgenommen werden, gibt es eine Chance, dass es auch noch in ein paar Generationen genügend Christen gibt, um von einer lebendigen christlichen Präsenz in Syrien sprechen zu können. Deswegen ist es wichtig, sich in Projekten zu engagieren, die nicht nur internationales Prestige haben, sondern wo verschiedene Akteure an einem Strang ziehen müssen, damit es gelingt. Der Wiederaufbau des Krak des Chevaliers ist ein solches Projekt. Hier arbeitet die syrisch-orthodoxe Kirche mit der staatlichen Antikenbehörde, dem ungarischen Entwicklungswerk Hungary Helps Agency HHA und mit ALIPH zusammen, einer internationalen NGO mit Sitz in Genf, die sich weltweit für den Erhalt von Kulturgütern einsetzt.
Seit 2006 gehört der Krak des Chevaliers zum UNESCO-Kulturerbe. Kein Monument im Nahen Osten wird mehr mit der Zeit der Kreuzzüge verbunden als diese 30 Kilometer westlich von Homs gelegene Burg. Dabei macht die Zeitspanne, in welcher sie christlichen Herren gehörte, nur einen Bruchteil ihrer fast tausendjährigen Geschichte aus. Von 1142 bis 1271 gehörte sie dem Johanniterorden. In dieser Zeit entstanden der Rittersaal und die Kapelle, die das Monument später weltberühmt machten. Die fein gehauenen Spitzbogenfenster und das großartige Gewölbe gelten als eines der schönsten Zeugnisse europäischer Gotik auf syrischem Boden. Man könnte auch sagen: Hier hatte in steinernen Mauern der hegemoniale Anspruch des Abendlandes als Sinngeber für die ganze Welt einen unerschütterlichen Ausdruck gefunden.
Wer sich der Burg aus einem anderen Blickwinkel nähert, erkennt in ihr sehr viel mehr. Gebaut wurde sie im Jahr 1031 vom Emir von Homs. Von einem fast 800 Meter hohen Ausläufer des Alawitengebirges Dschebel Khalil wollte er die Handelsroute von Damaskus zum Mittelmeer sichern, die hier durch die sogenannte Senke von Homs führte. Diese Route nutzten Händler aus Damaskus, deren Kamele Damaszener Brokat, Gewürze, Datteln und andere Luxusgüter in den Hafen von Tartus brachten, von wo aus sie venezianische oder genuesische Kaufleute auf ihren Schiffen nach Europa brachten. Auf ihrem Rückweg hatten sie Wein, Salz und feinen Leinentuch dabei. Der Krak des Chevaliers sicherte somit eine wichtige Verbindung zwischen Orient und Okzident.
Heute könnte die Burg wieder zu einem solchen Bindeglied werden – und zu einem Symbol für den Wiederaufbau von Syrien. Denn nur mit ausländischer Unterstützung, sei sie bilateral oder international, wird das Land es schaffen, wieder auf die Beine zu kommen. Und nur, wenn unterschiedlichen Kräfte vor Ort zusammenarbeiten. Denn weder die syrische Antikenbehörde und schon gar nicht die syrisch-orthodoxe Kirche könnte allein den Krak des Chevaliers restaurieren. Die Schäden sind zu groß, die der Krieg und das schwere Erdbeben im Frühjahr 2023 hinterlassen haben.
2013 wurde die Burg im Kampf um al-Husn von der syrischen Luftwaffe bombardiert. Damit sollten die Rebellen, die sich dort verschanzt hatten, zur Aufgabe gezwungen werden. Das gelang zwar, doch durch die Wucht der Detonationen war von den gotischen Fensterbögen nicht mehr viel übriggeblieben. Auch die Kapelle und die Galerie mit ihrem eindrucksvollen Gewölbe waren schwer getroffen. An manchen Stellen waren ganze Mauerteile herausgerissen worden. Die internationale Kulturwelt war entsetzt. Und die UNESCO setzte den Krak des Chevaliers auf die Liste der bedrohten Kulturgüter.
Genau von dieser Liste soll sie nun so schnell wie möglich wieder runter. Nicht nur, weil es eine Schande ist, wenn ein solch kolossales Monument, das über tausend Jahre allen Fährnissen getrotzt hat, so brutal beschädigt wird. Sondern auch die Touristen aus aller Welt sollen irgendwann wieder ins Land kommen und erleben, was für ein einmaliges Kulturerbe Syrien hat.
Katja Dorothea Buck ist Fachjournalisten für Religion und Politik mit Schwerpunkt Nahost.