Frauen im Neuen Testament: Was die Handschriften verraten

Digitaler Vergleich sämtlicher griechischer Handschriften zeigt, wie die Überlieferung das Bild von Frauen geprägt hat

Ein interdisziplinäres Team aus Theolog*innen und Informatiker*innen hat ein Werkzeug für den Vergleich sämtlicher griechischer Handschriften des Neuen Testaments entwickelt. Damit lassen sich Schlüsse zum Umgang mit Frauen in der Textüberlieferung ziehen.

Ms2444 Evangelien-Manuskript, griechisch

Frankfurt a.M. (epd). Das Bibelhaus-Erlebnismuseum in Frankfurt am Main zeigt in der Kabinettausstellung „Vergessene Frauen“ Ergebnisse eines Forschungsprojekts zu geschlechtsspezifischen Verzerrungen in neutestamentlichen Texten. Im Rahmen des DFG-Projektes „GenderVarianten digital“ hat ein interdisziplinäres Team von Theolog*innen und Informatiker*innen der Universität Rostock, der Hochschule Wismar und der Evangelischen Hochschule Hessen einen so genannten „TextVariant-Explorer“ entwickelt. Das Programm könne in 831.900 digitalisierten altgriechischen Versvarianten des Neuen Testaments nach Ähnlichkeiten, Unterschieden und Auslassungen suchen, erläuterte der Wismarer Informatik-Professor Frank Krüger anlässlich der Ausstellungseröffnung.

Die Analyse mit dem Explorer lasse klar die Tendenz erkennen, dass manche Frauennamen im Neuen Testament im Laufe der Textüberlieferung zu Männernamen verwandelt wurden, aber nicht umgekehrt, erklärte der Rostocker Neutestamentler Zacharias Frey-Shoukry. Ein Beispiel sei die von Paulus genannte Apostolin Junia (Römer 16,7), die noch im vergangenen Jahrhundert als Junias übersetzt worden war. Unter den aktuellen Übersetzungen nenne die Schlachter-Bibel in Kolosser 4,15 den Mann Nymphas, die Luther-Bibel nach der neuen Forschung die wohl ursprüngliche Frau Nympha.

Film erklärt Forschungs-Tool

Die Untersuchung der Überlieferungsgeschichte der neutestamentlichen Texte und ihrer Übersetzungen zeige, dass Geschlechterfragen schon immer Teil der Kultur waren, sagte die Rostocker Neutestamentlerin Soham Al-Suadi: „Wir müssen es aushalten, dass es verschiedene Varianten in der biblischen Überlieferung gibt.“

Die noch bis zum 27. Juni geöffnete Kabinettausstellung zeigt in einem Video die Funktionsweise des „TextVariant-Explorers“. Auch sind Exponate wie eine griechische Evangelien-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert sowie eine Ikone der in Griechenland lebendigen Junia-Tradition zu sehen. Verschiedene Ausgaben des griechischen Neuen Testaments lassen in ihrer unterschiedlichen Gestalt der Junia-Stelle im Römerbrief die Entwicklung der Forschung erkennen.