Paul Gerhardt: „Seine Lieder trugen mich durch die Depression“
Mehr als 200 Strophen von Paul Gerhardt kennt Tom Stricker auswendig. Der 52-Jährige tritt bundesweit als Rezitator bei kirchenmusikalischen Veranstaltungen und Gemeindeabenden auf. Angefangen hat alles in einer Lebenskrise: Als Stricker unter Depressionen und Schlafstörungen litt, fand er in den fast 400 Jahre alten Liedern des evangelischen Pfarrers Trost und Halt. Im Interview erzählt er, wie ihm das Auswendiglernen half und warum Gerhardts Worte für ihn bis heute eine besondere Kraft besitzen.
Der Rezitator Tom Stricker vor einem Porträt des Liederdichters Paul Gerhardt (Ölgemälde des Malers Wassili Jeremejew, 2000).
Herr Stricker, Sie sagen, die Texte von Paul Gerhardt hätten Ihnen durch eine Depression hindurch geholfen. Wie muss man sich das vorstellen?
Tom Stricker: Ich war in einer Lebenssituation, in der ich viel gegrübelt habe und nicht schlafen konnte. Ich brauchte etwas, auf das ich meine Gedanken konzentrieren konnte, etwas, das mich so sehr beschäftigt, dass ich darüber meine Sorgen für eine Weile vergessen konnte. Das habe ich zunächst in der Schönheit der Sprache gefunden: in den Formulierungen, den Versen, dem Rhythmus, der Poesie der Texte von Paul Gerhardt. Das allein hat mich schon ästhetisch angezogen und abgelenkt. Aber das Wesentliche war die Tiefe der Texte, die tief empfundene Spiritualität, die darin steckt. Ich habe gespürt, dass Paul Gerhardt mit seinen Worten genau meine Gefühlslagen getroffen und aufgegriffen hat.
Wie genau hat die Meditation über Paul Gerhardts Gedichte dazu beigetragen, dass Sie Ihre Depression überwinden konnten?
Bei mir spielte die Methode des Gedankenstopps eine wichtige Rolle. Wenn ich merkte, dass ich wieder ins Grübeln geriet, habe ich mir bewusst gesagt: Stopp, ich will damit aufhören. Aber einfach nur aufzuhören reicht nicht. Man braucht etwas anderes, worauf man sich konzentrieren kann. Und da kam die Gedichtmeditation ins Spiel.
Dabei muss man zwei Dinge unterscheiden: Gegen die Schlafstörungen half mir vor allem das Auswendiglernen. Es beschäftigte und ermüdete mich so sehr, dass ich zur Ruhe kam. Andere zählen Schäfchen – das Prinzip ist ähnlich.
Bei der Depression war es dagegen der Inhalt der Gedichte, der mir half. Es ging nicht einfach um Ablenkung, sondern darum, worauf ich meinen Blick richtete. Und da ist es eben nicht egal, womit ich mich beschäftige. In Paul Gerhardts Texten fand ich Trost. Etwas, das mich aus dem, was mich krank macht und herunterzieht, wieder aufrichtet. Etwas, das mich tröstet, das sozusagen meine Seele in den Arm nimmt.
Und das konnte Ihnen die Bibellektüre nicht vermitteln?
Ich würde nicht sagen, dass die Bibel mir das nicht vermitteln konnte. Aber die Lektüre einer Bibelübersetzung konnte mir nicht in derselben Weise diese Nähe, diesen Trost, diesen Schwung und diese Lebendigkeit vermitteln. Ein Lied, ein poetischer Text in meiner Muttersprache, konnte das.
Paul Gerhardt hat auch explizit biblische Inhalte in Poesie verwandelt. Fünf der 21 Lieder, die ich verinnerlicht habe, sind ausdrücklich Psalmendichtungen. Die Psalmen waren ursprünglich ja selbst Lieder, nur ist uns ihre Musik nicht überliefert. Gerhardt hat die hebräische Poesie gewissermaßen in deutsche Poesie übertragen, er hat das Poetische eingefangen. Nicht wortwörtlich, aber im Geist des Textes. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Seine Dichtung hat mir etwas erschlossen, das ich allein durch das Lesen der Psalmen so nicht erfahren hatte.
Welcher Text von Paul Gerhardt ist Ihnen besonders wichtig?
Die dritte Strophe von „Ich steh an deiner Krippen hier“ bringt Paul Gerhardt für mich auf den Punkt:
Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.
Diese Verse sind unfassbar persönlich, liebevoll, barmherzig und zugleich theologisch tiefgründig. Vor allem steckt darin eine große Zartheit. „Da ich noch nicht geboren war, da bist du mir geboren“ – das geht zeitlich eigentlich gar nicht. Es ist logisch nicht erfassbar und doch von einer tiefen Wahrheit. Man könnte einen ganzen Gottesdienst darüber gestalten, eine Predigt halten, einen theologischen Aufsatz schreiben. Vielleicht sogar versuchen, daran die ganze Botschaft des Neuen Testaments zu entfalten. Das ist für mich hohe, zeitlose Kunst.
Was würden Sie jemandem raten, der durch eine schwierige Lebensphase geht und mit Paul Gerhardts Liedern Trost finden möchte? Was sind die ersten Schritte?
Ich habe mir damals die Gedichte gesucht, die mich angesprochen haben, in denen ich Trost gespürt habe. Darunter waren „Ich steh an deiner Krippen hier“ und „O Haupt voll Blut und Wunden“. Ich kannte zunächst nur einzelne Strophen oder Verszeilen und habe dann angefangen, sie aus dem Gesangbuch auswendig zu lernen.
Daraus ist eine eigene Dynamik entstanden. Durch das ständige Wiederholen wollte ich immer mehr lernen. Das ist natürlich ganz individuell. Jeder sollte sich die Texte suchen, die ihn persönlich ansprechen. Es müssen auch nicht unbedingt Lieder von Paul Gerhardt sein.
Wenn mich jemand nach einem konkreten Einstieg fragt, würde ich „Befiehl du deine Wege“ empfehlen. Das Lied ist sehr bekannt, viele kennen einzelne Zeilen daraus. Es hat zwölf Strophen, ist wunderschön, inhaltsstark und sehr tröstlich. Ich würde sagen: Fang mit der ersten Strophe an und lerne sie auswendig. Ich gehe davon aus, dass man die wohltuende Wirkung dann auch bald spürt und Lust auf mehr bekommt. Man kann und will da nicht stehenbleiben.
Sie können inzwischen mehr als 20 Lieder und rund 200 Strophen auswendig. Was verändert sich im Verhältnis zu einem Text, wenn man ihn so tief verinnerlicht?
Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Die Texte werden nicht weniger interessant, sondern immer tiefsinniger und vielschichtiger. Selbst nach 500 oder 1.000 Wiederholungen kann es passieren, dass mir plötzlich klar wird, wie eine bestimmte Zeile betont werden muss oder wie die Strophen inhaltlich zusammenhängen.
Ich bin an die Texte nicht in erster Linie intellektuell herangegangen. Ich habe mir sogar bewusst wenig Hintergrundwissen angeeignet. Ich wollte sie zunächst selbst entdecken.
Bei einem Lied mit 15 Strophen ist mir beispielsweise irgendwann aufgefallen, dass es in fünf Gruppen von jeweils drei Strophen aufgebaut ist. Und die achte Strophe bildet genau die Mitte, die Wendestrophe. Das ist barocke Kompositionskunst, fast schon Geometrie. Aber ich habe das nicht irgendwo nachgelesen, sondern durch die vielen Wiederholungen selbst erkannt. Das ist eine sehr persönliche und inspirierende Erfahrung.
Bei Ihren Auftritten in Kirchengemeinden berichten Sie davon, dass selbst Experten oft Mühe haben, Gerhardts Deutsch aus dem 17. Jahrhundert vollends zu entschlüsseln. Wo genau wird es schwierig?
Da gibt es zwei Ebenen. Zum einen haben sich Wortbedeutungen verändert. Wenn Gerhardt beispielsweise von „Gottes Rat“ spricht, würden wir heute eher „Gottes Plan“ sagen. Schwieriger wird es bei grammatischen Konstruktionen und poetischen Formulierungen. In „Ich steh an deiner Krippen hier“ gibt es eine Strophe, die beginnt: „Wer ist der Meister, der allhier nach Würden aus kann streichen ...“
Allein über diesen Satz haben wir mit einer Expertin der Paul-Gerhardt-Gesellschaft mindestens 20 Minuten herumgeknobelt. Was bedeutet „nach Würden“? Was heißt „ausstreichen“? Wir sind zu der Deutung gekommen, dass es ungefähr heißen könnte: Wer ist in der Lage, das angemessen zu erfassen oder darzustellen? Bei einem Prosatext wäre das wahrscheinlich einfacher. Aber Poesie macht die Sprache manchmal noch schwerer zugänglich.
Ich halte mich grundsätzlich an die ältesten und zuverlässigsten überlieferten Texte. Nur ganz selten greife ich sprachlich ein. In einem Gedicht heißt es am Schluss beispielsweise, jemand könne „nicht ganz zugrunde gehen“. Für uns klingt das, als könne man zumindest teilweise zugrunde gehen. Gemeint war damals aber: auf gar keinen Fall. Deshalb sage ich beim Vortrag „niemals zugrunde gehen“. Ich kann ja nicht die Zuhörer nach 15 Strophen ausgerechnet in der letzten Zeile mit einem Fragezeichen zurücklassen.
Paul Gerhardts Lieder sind fast 400 Jahre alt. Warum sprechen Themen wie Freude, Angst, Trost oder Vergänglichkeit aus Ihrer Sicht Menschen heute noch an?
Weil das Menschheitsthemen sind, die sich nicht ändern. Da gibt es keinen technologischen Fortschritt. Der Mensch ist der Mensch und bleibt der Mensch. Die entscheidende Frage ist, ob jemand es schafft, darüber so zu sprechen, dass seine Worte zeitlos werden. Paul Gerhardt ist das gelungen.
Er hat selbst furchtbar schwere Zeiten erlebt. Vier seiner fünf Kinder musste er begraben, seine Frau verlor er nach 13 Ehejahren. Er hat diese Erfahrungen nicht einfach beklagt, sondern sie ehrlich aufgegriffen und sprachlich zum Ausdruck gebracht. Heute würden wir sagen: mit einem extrem hohen Maß an Authentizität.
Seine Texte können deshalb gerade dann wichtig werden, wenn im eigenen Leben Dinge zusammenbrechen. Das gilt nicht nur für unsere gegenwärtige, unsichere Zeit, sondern für jede persönliche Krise.
Ein eindrucksvolles Beispiel ist Dietrich Bonhoeffer. In einem Brief aus dem Gefängnis Berlin-Tegel schrieb er im November 1943 an seinen Freund Eberhard Bethge, Paul Gerhardt habe sich „in ungeahnter Weise bewährt“. Das finde ich bemerkenswert. Bonhoeffer war ein hochgebildeter Theologe, der wusste, in welcher existenziellen Bedrohung er sich befand. Und gerade dort wurde ihm Gerhardts Dichtung zu einem Halt.
Ob solche Worte wirklich tragen, merkt man erst, wenn man selbst in einer Krise steckt. Ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen. Und ich habe darin Zuflucht, Trost und Hoffnung gefunden und finde sie immer wieder.
Zur Person:
Tom Stricker (52) ist Mitglied der Paul-Gerhardt-Gesellschaft in Berlin und tritt als Rezitator bei kirchenmusikalischen Veranstaltungen und Gemeindeabenden auf. Er studierte Philosophie, Geschichte und Politikwissenschaften und arbeitete 25 Jahre im familieneigenen Maschinen- und Anlagenbauunternehmen. Mit 50 Jahren wagte er einen beruflichen Neuanfang und begann 2024 ein Theologiestudium an der Theologischen Hochschule Reutlingen der Evangelisch-Methodistischen Kirche in Deutschland. Seinen Masterabschluss strebt er für 2029 an. Neben dem Studium übernimmt er Predigtdienste in verschiedenen Kirchengemeinden. www.tomstricker.de
Interview: Andrea Hackenberg