Chefdiplomat der Protestanten

Philipp Melanchthon war als Gelehrter und Lehrer eine Schlüsselfigur der Reformation

Der Reformator Philipp Melanchthon empfand das Lehrersein als Qual – obwohl er bei seinen Studenten äußerst beliebt war. Der hochbegabte Gelehrte setzte sich nicht nur für Wissensvermittlung ein, ihm lag auch die Vermittlung zwischen Kirche und Reformation am Herzen.

Philipp Melachthon, Portrait von Lucas Cranach d.Ä.
Philipp Melanchton, Portrait von Lucas Cranach d. Ä. aus dem Jahr 1543.

Im Sommer 1518 kam Philipp Melanchthon in Wittenberg an, „völlig verdreckt nach mehrtägigem Ritt“, wird berichtet. Der hochbegabte 21-Jährige sollte an der damals noch jungen Universität – dem geistigen Zentrum der Reformation – griechische Literatur lehren. Zugleich begann damit vor bald einem halben Jahrtausend eine Geschichte mit revolutionären Folgen: Die Zusammenarbeit des großen Humanisten Melanchthon mit Martin Luther veränderte das Christentum im Abendland grundlegend.

„Eine kleine, magere, unachtbare Person, vermeintest, er wär' ein Knab nicht über 18 Jahr“, beschrieb ein Student seinen Lieblingslehrer. „Philipp ist zarter als ich. Ich bin gröber und stumpfer“, schrieb Luther über seinen Freund und Kollegen, der außerdem einen leichten Sprachfehler gehabt haben soll. Doch schadete das nicht seiner Autorität. Als Melanchthon etwa 1545 als Vorstand der Wittenberger Professoren einen Studentenkrawall auflöste, wagte keiner der Studenten, seinem „Magister Philippsen“ Widerstand zu leisten.

Friedlich, klug, einflussreich
 

Historikern gilt Melanchthon als Chefdiplomat der Protestanten, fiel ihm doch nach Luthers Tod 1546 die Führung der jungen evangelischen Bewegung zu. Die Reformen wollte er auf friedlichem Wege durchsetzen, die Einheit der Kirche erhalten und damit drohende Religionskriege abwenden. Die Kirchenspaltung verwand er nie. Dies brachte ihm die Kritik ein, er sei den Katholiken in Verhandlungen zu weit entgegengekommen.

Als Philipp Schwarzerdt wurde Melanchthon am 16. Februar 1497 in der damaligen kurpfälzischen Stadt Bretten bei Karlsruhe geboren. Er genoss eine der besten Ausbildungen seiner Zeit. Der Sohn eines Heidelberger Waffenschmieds und einer Schultheißentochter aus Bretten galt als Wunderkind. Bereits mit 14 Jahren war er Experte für Altgriechisch, mit 17 legte er in Tübingen sein Magisterexamen ab. Später änderte er seinen Namen auf Anregung eines Förderers in Melanchthon, griechisch für „schwarze Erde“.

Unter anderem schrieb er die erste evangelische Dogmatik. Auf sein „Augsburger Bekenntnis“ von 1530 – eine kurze Zusammenfassung des evangelischen Glaubens – werden bis heute weltweit evangelische Pfarrer ordiniert.

„Unter allen Sterblichen sind die Lehrer die Geplagtesten“

Melanchthon erhielt noch zu Lebzeiten den Ehrentitel „Praeceptor Germaniae“ (Lehrer Deutschlands) – war er doch einer der Wegbereiter der einst vielbewunderten humanistischen Bildungstradition der Deutschen. Dabei kannte Melanchthon die Praxis des Lehrens aus eigener – teils leidvoller – Anschauung. „In keinem Berufe gibt es so viele Widerwärtigkeiten wie im Beruf des Lehrers, und unter allen Sterblichen sind die Lehrer die Geplagtesten“, klagte der Pädagoge. „Kein Mülleresel hat jemals so viel Leid erlebt, als wer Knaben zu lehren hat“, schrieb er in einem Trostbüchlein für Lehrer.

Melanchthons Beliebtheit erklärte sich nicht zuletzt aus seiner umfassenden Fürsorge für die Studenten. Die Freigiebigkeit und Hilfsbereitschaft von Melanchthon und seiner Ehefrau Katharina ging oft bis an die Grenzen ihrer finanziellen Belastbarkeit. In ihrem großen Haushalt beherbergten sie neben Kindern und Personal zahlreiche Hausschüler und Gäste. Wer Melanchthon etwas Gutes tun wolle, solle ihm kein Geld schenken, denn „er verschenk's wieder“, seufzte seine Schwiegertochter.

Im Tod von „der Wut der Theologen“ befreit

Melanchthon war kein ordinierter Pfarrer und damit eher die Ausnahme unter den großen Theologen der Kirchengeschichte. Er verstand sich ganz als Lehrer und Vermittler des antiken und christlichen Erbes. Zudem dachte er immer über Konfessionsgrenzen hinweg. Das machte ihn zum Vorläufer der modernen Ökumene, brachte ihm aber in den eigenen Reihen nicht nur Freunde ein.

Nach seinem Tod fand man bei ihm einen Zettel mit Gründen, warum man den Tod nicht zu fürchten brauche. Dort stand, man werde von der Sünde erlöst und von „der Wut der Theologen“ befreit. Am 19. April 1560 starb der Universalgelehrte in Wittenberg und wurde wie Luther in der Schlosskirche beigesetzt.

Stephan Cezanne (epd)

(Foto: Wikimedia Commons/Lucas Cranach the Elder CC BY-SA 3.0)