Predigt zu Hebräer 13,12–14 am Judika

Bischof Frank Kopania, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD im Berliner Dom

– Es gilt das gesprochene Wort –

„Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, außerhalb des Tores gelitten. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
(Hebräer 13,12–14)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen.

Liebe Gemeinde,
der Sonntag Judika gehört zu den ernsten, ja sperrigen Sonntagen der Passionszeit. Sein Name stammt aus dem Gebet des 43. Psalms: Judika me, Deus – „Schaffe mir Recht, Gott“. Es ist kein frommer Jubelruf, sondern der Ruf eines Menschen, der erlebt, dass menschliche Ordnungen versagen können. Recht wird gebeugt. Macht schützt sich selbst. Wahrheit gerät unter Druck.

Judika ist deshalb kein innerkirchlicher Besinnungstag, sondern ein Sonntag von öffentlicher Tragweite. Er stellt die Frage, wer letztlich Recht spricht: Institutionen? Mehrheiten? Mächtige? Oder Gott selbst?

Der Hebräerbrief gibt eine ebenso klare wie verstörende Antwort:

Gottes Recht wird sichtbar nicht im Zentrum der Macht, sondern im Leiden dessen, der ausgeschlossen wird.

Zudem: Der „Jesus außerhalb des Tores“, von dem der Hebräerbrief berichtet, ist eine theologische Zumutung.

„Außerhalb des Tores“ – das ist im biblischen Denken der Ort der Unreinheit, der Gefährdung, der sozialen Distanz. Dort, wo man nicht hingehört. Dort, wo man nicht gesehen werden will.

Und genau dort leidet Jesus.
Nicht im religiösen Zentrum.
Nicht geschützt durch Institutionen.
Nicht legitimiert durch Mehrheiten.

Der Hebräerbrief deutet dieses Geschehen nicht als tragischen Zufall, sondern als Heilsereignis: „damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut“.

Heiligung geschieht hier nicht durch Absonderung, sondern durch Solidarität. Gott heiligt nicht, indem er sich von der Welt fernhält, sondern indem er sich ihr aussetzt - bis zur äußersten Konsequenz.

Das ist eine Christologie, die jede religiöse Verklärung von Macht radikal infrage stellt.

Wir hören diesen Text an einem Ort von großer geschichtlicher und symbolischer Dichte. Der Berliner Dom steht im Herzen der Hauptstadt. Er ist Ort kirchlicher Präsenz, öffentlicher Aufmerksamkeit, kultureller Erinnerung. Und dennoch ist der Berliner Dom kein neutraler Raum. Er ist Kirche und somit ein Ort, an dem sich Zeit und Ewigkeit berühren.
Vor drei Wochen haben wir hier die Wiedereröffnung der Hohenzollerngruft in einem Gottesdienst gefeiert.

Die Hohenzollerngruft ist ein Raum des Gedächtnisses. Sie bewahrt die sterblichen Überreste von Frauen und Männern, deren Leben eng mit der Geschichte Preußens und Deutschlands verbunden ist – mit all ihren Höhen, Brüchen und Ambivalenzen. Als evangelische Kirche stehen wir bewusst in dieser Geschichte, ohne sie zu verklären, aber auch ohne sie zu verdrängen. Die Hohenzollerngruft ist eingebettet in den liturgischen, geistlichen und seelsorglichen Zusammenhang dieses Hauses.

So erinnert uns der Sonntag Judika besonders daran, dass kirchliche Erinnerungskultur niemals Selbstzweck ist. Sie dient nicht der Glorifizierung der Vergangenheit, sondern der Wahrheit. Und Wahrheit – das wissen wir als Kirche – ist immer vor Gott verantwortet. In diesem Sinne ist auch die Gruft gerade in dieser Kirche kein Museum des Ruhms, sondern ein Ort der Besinnung: auf menschliche Macht und ihre Grenzen, auf Verantwortung und Schuld, auf Gelingen und Scheitern.

Deshalb trifft uns der Satz des Hebräerbriefes hier im Berliner Dom mit besonderer Schärfe:
„So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager.“

Dieser Ruf richtet sich nicht zuerst an „die Welt da draußen“. Er richtet sich an die Kirche selbst. Denn christlicher Glaube ist kein geschützter Innenraum, er ist Bewegung, er ist Weg und er ist Nachfolge.

Der Hebräerbrief ruft nicht zur Zerstörung von Ordnung auf. Er verachtet Institutionen nicht. Aber er warnt davor, Ordnung mit Wahrheit zu verwechseln.

Kirche lebt notwendig in Strukturen, aber sie darf sich nicht in ihnen einrichten.

Für eine Kirche wie die Evangelische Kirche in Deutschland, die Teil der Zivilgesellschaft ist, die Verantwortung übernimmt und gehört wird, ist das eine ständige geistliche Prüfung:

Wo sichern wir uns selbst, statt Zeugnis abzulegen?
Wo reden wir vorsichtig, wo Klarheit gefordert wäre?
Wo wird Ausgewogenheit zur Verlegenheit?

Judika ist kein Anklagesonntag – aber ein Gewissenssonntag.

„Hinausgehen“ meint keinen Aktionismus. Es meint geistliche Standortbestimmung.
Hinausgehen heißt: Nähe zuzulassen zu denen, die an den Rand gedrängt sind, wahrzunehmen, wo Menschenwürde verletzt wird und auch bereit zu sein, Ansehen zu verlieren.

Als Kirche in internationaler Verantwortung erleben wir diese Spannung täglich. Wir bewegen uns zwischen Dialog und Deutlichkeit, zwischen Diplomatie und prophetischem Zeugnis. Judika gibt keine einfachen Rezepte – aber eine klare Orientierung: Christus steht draußen.

Der Hebräerbrief spricht bewusst von „Schmach“. Christlicher Glaube ist nicht identisch mit gesellschaftlicher Zustimmung.

Es gibt Zeiten – und wir erleben sie –, in denen Kirche Widerspruch erfährt, wenn sie für Menschenrechte eintritt, wenn sie Gewalt beim Namen nennt oder wenn sie der Instrumentalisierung von Religion widerspricht.

„Seine Schmach tragen“ bedeutet nicht moralische Überhöhung. Es bedeutet, Widerspruch auszuhalten, wenn Wahrheit nicht bequem ist.

Kirche wird dort glaubwürdig, wo sie nicht zuerst fragt: Was kostet uns das, sondern: Was schulden wir dem Menschen – vor Gott?

Christliche Loyalität gilt dem Gemeinwohl. Christliche Kritik gilt dort, wo dieses Gemeinwohl gefährdet wird.

Diese Spannung ist anspruchsvoll. Sie verlangt geistliche Unterscheidung. Sie verlangt Demut. Und sie verlangt die Bereitschaft, sich selbst korrigieren zu lassen.

Judika ruft nicht zur Konfrontation um der Konfrontation willen. Aber Judika warnt vor einer Loyalität, die das Evangelium domestiziert, einer Loyalität, die das Evangelium ins Private verdrängen möchte, damit es öffentlich nicht zu laut und nicht zu unbequem wird.

In ökumenischer Verbundenheit wissen wir: Für viele Christinnen und Christen weltweit ist das, was wir hier bedenken, gelebte Realität.

„Außerhalb des Tores“ bedeutet für sie gesellschaftliche Marginalisierung, politische Repression, Verlust von Sicherheit und Bedrohung von Freiheit und Leben.

Begegnungen mit unseren weltweiten Partnerkirchen auf allen Kontinenten machen deutlich: Glaubensfreiheit ist mitnichten eine Selbstverständlichkeit. Diese Erfahrungen verpflichten uns zur Solidarität – nicht aus Überlegenheit, sondern aus gemeinsamer Hoffnung.

Judika hilft, politische Versuchungen zu erkennen, nämlich:

Die Sakralisierung der Macht – wenn Gott für nationale oder ideologische Zwecke instrumentalisiert wird.
Die Resignation – wenn Komplexität zur Ausrede für Schweigen wird.
Die moralische Selbstüberhöhung – wenn Kirche vergisst, dass sie selbst der Vergebung bedarf.

Wer Christus außerhalb des Tores folgt, steht nicht über anderen - sondern neben ihnen.

„Denn wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Dieser Satz ist keine Weltflucht, sondern geistliche Freiheit. Er schützt vor Nationalismus ebenso wie vor ideologischer Erstarrung.

Wir wissen als Christen, dass kein Staat heilig ist, dass keine Ordnung endgültig ist und dass keine Institution identisch ist mit dem Reich Gottes.

Diese Einsicht in unsere geistliche Freiheit ermöglicht und fordert gleichsam aus christlicher Überzeugung öffentliches, politisches Engagement - kritisch, loyal, verantwortlich.

Mit dieser Freiheit verbindet der Hebräerbrief eine zentrale Hoffnung: „Die zukünftige suchen wir.“

Diese Hoffnung ist keine Vertröstung. Sie ist Maßstab, Verheißung und Korrektiv zugleich. Sie hält uns wach. Sie bewahrt vor Zynismus. Sie nährt Geduld.
Die Stadt Gottes ist das Bild einer Ordnung, in der niemand ausgeschlossen ist, in der Recht und Gerechtigkeit zusammenfallen, in der Tränen abgewischt werden.

Diese Vision verändert den Blick auf die Gegenwart.

Der Sonntag Judika formt keine Helden, sondern Zeugen. Zeugen für einen Gott, der sich nicht schützt, sondern der sich hingibt. Zeugen für eine Wahrheit, die tragfähig ist.

Liebe Gemeinde,
Christus ist außerhalb des Tores.
Nicht, weil er dort hingehört –
sondern weil er dort sein will.
Bei den Verwundeten.
Bei den Zweifelnden.
Bei denen, deren Stimme kaum gehört wird.

Dorthin ruft er uns.
Nicht als Machthaber.
Nicht als Richter.
Sondern als Hoffende und Hoffnungsgebende!
Möge Gott uns die Freiheit schenken, ihm dorthin zu folgen –
mit klarem Verstand,
mit offenem Herzen
und mit einem Glauben, der trägt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

Cover Predigt Frank Kopania Judika 2026

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