Predigt zur Eröffnung des Kirchlichen Archivzentrums in der St. Thomas-Kirche zu Berlin (5. Mose 6, 20 - 23)

Wolfgang Huber

In den Regeln für das Zusammenleben des Volkes Israel, die sich im 5. Buch Mose finden, ist auch die folgende Regel enthalten: "Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der Herr, unser Gott, geboten hat?, so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharaos in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand; und der Herr tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte. Und der Herr hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den Herrn, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe ein Leben lang, so wie es heute ist. Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem Herrn, unserm Gott, wie er uns geboten hat."
(5. Mose 6. 20-23) )

I.

Das Volk Israel war und ist eine Erzählgemeinschaft. Die Vergewisserung seines Glaubens vollzog und vollzieht sich durch Erzählen. Auf die Frage nach dem Grund des Glaubens wird eine Geschichte erzählt. "Wenn dich dein Sohn morgen fragen wird, dann erzähle vom Auszug aus Ägypten!" Wenn nach den Geboten Gottes gefragt wird, ist eine Befreiungsgeschichte die Antwort. Denn diese Gebote sind Wegweiser der Freiheit. Deshalb erzählt der Vater dem fragenden Sohn, wie das war, als das Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit wurde. Der Abstand einer wachsenden Zahl von Generationen wird überbrückt. Die vergangene Befreiung wird zum Grund gegenwärtiger Freiheit. So gewinnen auch die Gebote Gottes ihren Sitz im Leben. So wird der Glaube weitergegeben von einer Generation zur andern.

Auch die christliche Kirche ist eine Erzählgemeinschaft. Das hat sie von ihrer älteren Schwester, dem Volk Israel, übernommen. Sie ist eine Gemeinschaft des Erinnerns und Erzählens. Sie stellt die Jesusgeschichte hinein in die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel. Und sie erinnert sich an die Wirkungen des Christusgeschehens in der Geschichte der Kirche. Sie hält diese Erinnerung lebendig; denn darin liegt eine Ermutigung zum Glauben.

Mit Abel lässt der Hebräerbrief die Wolke der Zeugen beginnen, die er über Henoch und Noah, über Abraham, Isaak und Jakob, über Josef, Mose und Rahab hinführt zu Gideon, Barak, Simson, Jeftah, David, Samuel und den Propheten, zu Genannten und Ungenannten, um zu schließen: "Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens." (Hebräer 12,1-2)

Für eine Gemeinschaft des Erinnerns und Erzählens ist Geschichtsvergessenheit unmöglich. Eine Kirche, der es an Sinn für Geschichte fehlt, verleugnet ihr Wesen. Sie vergisst, dass sie eine Erzähl- und Erinnerungsgemeinschaft ist. Wer die Geschichte der Kirche im Bewusstsein hält, erinnert freilich nicht nur an Gelungenes und Beispielhaftes, an Zeugen des Glaubens oder an Taten der Liebe. Zur Erinnerung an die Geschichte der Kirche gehört nicht nur die Wolke der Zeugen und der Verweis auf Erfahrungen der Befreiung. Es gehört dazu auch die Erinnerung an mangelnden Glaubensmut und fehlende Liebe, an Reformunfähigkeit und Kirchenspaltung, an Ärger und Zwietracht. In kirchlichen Archiven findet sich nicht nur die "Wolke der Zeugen" versammelt; auch die Vergebungsbedürftigkeit der Kirche ist handgreiflich dokumentiert.

Wo immer Dokumente über den Weg der Kirche aufbewahrt werden, sind nicht nur Leistungen, sondern auch Fehlleistungen festgehalten; nicht nur Taten, sondern auch Untaten treten in den Blick. Als geschichtliche Größe gehört auch die Kirche zur noch nicht erlösten Welt, wie die Barmer Theologische Erklärung weitsichtig sagte. Auch die Kirche braucht die Botschaft von der Rechtfertigung durch göttliche Gnade. Auch sie kann ihren Weg nur gehen, weil sie immer wieder mit dem Anfang anfangen kann. Auch sie kann vor Gott nur bestehen, weil sie durch Gottes Gnade mehr ist, als sie selbst aus sich macht. Die Kirche ist nicht nur die Trägerin, sondern auch die Adressatin der Botschaft von der Rechtfertigung.

II.

Jede große Institution, die etwas auf sich hält, verfügt über ein Archiv. Für alle derartigen Archive gelten mehr oder minder die gleichen Regeln. Das Chaos hinterlassener Dokumente in eine Ordnung zu überführen, ist die geheimnisvolle Aufgabe von Archiven. Besondere Faszination lösen sie aus, wenn dieser Übergang vom Chaos zur Ordnung noch nicht gelungen ist. In Stefan Heyms König-David-Report findet sich ein eindrückliche Schilderung des befremdlichen Zaubers, der sich mit chaotischen Archiv-Zuständen verbindet.

Im königlichen Archiv, das in einem Stall lagert, den man für die Pferde des Königs Salomo erbaut hatte, wird nach den Ablagen Serajas gesucht, der dem König David als Schreiber gedient hatte. Der eine, Elihoreph, meint, sie befänden sich in der dritten Boxe der ersten Reihe, zur linken Seite des Stalls; der andere, Ahija, vermutet sie in der sechzehnten Boxe der dritten Reihe, zur rechten Seite des Stalls, worauf die beiden in einen Streit verfallen. Etaph, der Ich-Erzähler, fragt: "Gibt es denn keine Liste der Bücher und Ablagen in den Archiven?" Dann heißt es bei Stefan Heym:

"Beide -also Elihoreph und Ahija - hielten eine solche Liste für höchst wünschenswert; und Ahija sagte, er habe vernommen, dass eine angefertigt werden solle, sobald die Archive ihren festen Platz im Obergeschoss des großen Tempels gefunden hätten, welchen der weiseste der Könge, Salomo, errichten ließ; Elihoreph aber erklärte, der Mensch denke, während Gott lenke, und warte nur, bis der neue Schub Pferde für den König einträfe aus Ägypten und hier in die Ställe käme; worauf die zwei wieder in Streit verfielen.

Ich jedoch schlug vor, die Suche nach den Ablagen des Seraja, des Schreibers König Davids, zu beginnen; und Elihoreph und Ahija machten sich auf und folgten mir, wobei Elihoreph die erste Reihe der Boxen wählte, zur linken Seite des Stalls, und Ahija die dritte Reihe, zur rechten Seite, und ich die zweite Reihe, welche in der Mitte war. Und wir wühlten in den Tontäfelchen und den ledernen Schriftrollen; und es geschah, dass sich eine Staubsäule erhob gleich der Wolkensäule, die vor den Kindern Israels herzog auf dem langen Marsch aus Ägypten und durch die Wildnis. Während aber die Kinder Israels nach mancherlei Hin und Her in das Land kamen, welches der Herr ihnen verheißen, gelang es weder Elihoreph und Ahija noch mir, die Ablagen des Seraja zu finden. Und da uns die Knie zitterten und die Arme schmerzten, und wir mit Schweiß und mit Staub und mit Spinnweben bedeckt waren, stellten wir die Suche ein, und Elihoreph hustete fürchterlich und sprach: ‚Gott tue mir dies und jenes, wenn ich je wieder ein Tontäfelchen in diesen Archiven berühre'; und Ahija ergänzte andächtig: ‚Amen.'"

Natürlich ist die Zeit der Tontäfelchen längst vorbei. Manche fragen, ob man Archive noch braucht in einer Zeit von Computer und Internet. Reichen virtuelle Archive nicht aus? Vom Vorteil, dass sie auf große Gebäude nicht angewiesen sind, ganz zu schweigen! Unbesorgt könnte man die Ställe für ägyptische Pferde wichtiger nehmen als Archivneubauten. Vor dem Staub der Tontäfelchen und Aktenberge bräuchte sich niemand mehr zu fürchten.

Doch Virtualität verträgt sich nicht mit Verbindlichkeit. Auch in den Zeiten von Computer und Internet brauchen wir noch immer ‚wirkliche' Unterschriften; wir brauchen Dokumente, die diesen Namen verdienen. Keine Ernennung zum Kirchenbeamten wird mit email übersandt!

Auch Erinnerung braucht ein materielles Substrat, die Dokumente der Vergangenheit eingeschlossen. Der Computer kann Entscheidendes dazu beitragen, das Chaos zu bändigen; so raubt er dem Archiv die besondere Anziehungskraft, die nur dem Tohuwabohu eignet. Aber dass er Archive überflüssig macht, wird ihm nicht gelingen. Auch kirchliche Archive werden weiterhin gebraucht, wie wir am heutigen Tag sehen. Dass die Kraft auch dazu reicht, sie zu errichten, nehmen wir dankbar wahr. Aber es muss vereinte und vereinigte Kraft sein. Dass die Evangelische Kirche in Deutschland, die Evangelische Kirche der Union und die Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg sich zu diesem Kirchlichen Archivzentrum zusammengetan haben, ist ein Zeichen der Hoffnung. Was dabei zustande kam, ist auf seine Weise ein Beitrag dazu, dass die Kirche als eine Gemeinschaft des Erzählens und Erinnerns Zukunft hat. Es geht um mehr als nur um ein Archiv, wie es jede große Institution hat, die etwas auf sich hält.

III.

Noch einem anderen literarischen Beispiel wende ich mich zu. "Natürlich, eine alte Handschrift" - damit fängt Umberto Ecos Roman "Der Name der Rose" an. Ein Buch aus dem Jahr 1842 präsentierte sich als die getreue Wiedergabe einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert, die angeblich im Archiv des Klosters Melk gefunden worden war. Der kostbare Fund, den der Autor schon kurz, nachdem er ihm in die Hände gefallen war, schon wieder einbüßt, ist der Anstoß zu Nachforschungen ebenso wie zu fantasievoller Kombinatorik. Vor dem Auge der Leserin und des Lesers entsteht ein mittelalterliches Kloster und in dessen Mitte ein Skriptorium, eine Bibliothek, ein geheimnisvolles Labyrinth.

Das Labyrinth ist so vielfältig miteinander vernetzt, "dass jeder Raum sich unmittelbar mit jedem anderen verbinden kann", wie Eco in der "Nachschrift zum ‚Namen der Rose'" sagt. Wenn eine Bibliothek oder ein Archiv zum Labyrinth wird, dann wird dadurch die Erkenntnis zutage gefördert, "dass es unmöglich ist, nur eine Geschichte zu haben."

Archive verhindern gerade die vereinfachende Reduktion der Geschichte auf eine Geschichte. Sie sind Anwälte der Widersprüchlichkeit des Geschehenen. Das gilt erst recht dann, wenn es für die vermeintlich eine Geschichte mehr als nur ein Archiv gibt. Wir haben inzwischen eigene Erfahrungen damit gesammelt, was passiert, wenn jemand für die ganze Geschichte nur ein Archiv gelten lässt. Wer das Labyrinth nicht ernstnimmt, kennt nur eine einzige Deutung all dessen, was sich von dieser Geschichte erhalten hat. Archive, umfassend genutzt, können gerade darin ein Unterpfand der Gerechtigkeit sein, dass sie der Auflösung der Geschichte in nur eine Deutung widerstehen. Oder eben mit Umberto Ecos Worten: Sie zeigen, "dass es unmöglich ist, nur eine Geschichte zu haben." Sie enthalten den Stoff zum Erinnern und Erzählen; sie hemmen das im voraus fertige Urteil.

IV.

Ein letztes Mal Literatur - diesmal Erich Kästner: "Die Krankheit des schlechten Gedächtnisses - sagt er - (ist) leider zu verbreitet. Es handelt sich um eine Modekrankheit, und man sollte die ‚eingebildeten' Kranken unserer Tage und ihr Erinnerungsvermögen nicht verzärteln. Was war, darf im Interesse dessen, was werden soll, nicht einfach in die Schubkästen des Unterbewussten verbuddelt werden."

Im Mai 1946 schrieb Kästner das, ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Um der Zukunft willen ist Erinnerung nötig. Um der Zukunft willen darf Geschichtsvergessenheit nicht das letzte Wort haben. Nun ist es schon zum geflügelten Wort geworden, dass die Geschichtsvergessenheit hierzulande inzwischen von einer Geschichtsversessenheit überlagert sei. Jubiläumsdaten werden ritualisiert, auch in der Kirche. Die Erinnerung an die schrecklichsten Geschehnisse der deutschen Geschichte wird allzuoft in das Korsett der politischen Korrektheit hineingepresst.

Erinnerung, die Zukunft erschließt, wird dadurch kaum freigesetzt. Sie lässt sich nicht ausschließlich mit den Jubiläumsdaten der großen Persönlichkeiten oder der schrecklichen Geschehnisse verbinden. Erinnerung, die Zukunft erschließt, hat es auch mit der alltäglichen Zivilcourage der kleinen Leute, mit dem Mut des Dorfpfarrers, mit der ermutigenden Gestalt aus der eigenen Familiengeschichte oder mit dem namenlosen Opfer zu tun. Der unwiderstehliche Reiz von Archiven besteht darin, dass sie auch das aufbewahren, was dem jeweiligen Zeitgeist als unbedeutend erscheint. Das ist ihre besondere Art von Unparteilichkeit. Genau dadurch dienen sie auf ihre Weise der Erinnerung, um die es auch der Kirche - wie schon dem Volk Israel - zu tun ist.

Wie fängt die Erzählung des Vaters an, wenn sein Sohn ihn morgen fragen sollte? "Wir waren Knechte des Pharaos in Ägypten, und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand." Wer in dieser Tradition steht, braucht Archive, in denen nicht nur der Pharaonen gedacht wird, sondern auch der Knechte.

Amen