Fußball-WM 2026: Schwester Nicole zwischen Begeisterung und Kritik

Wenn Ordensschwester Prof. Dr. Nicole Grochowina über Fußball spricht, ist ihre Begeisterung sofort spürbar. Die Theologin, Historikerin, St.-Pauli-Fan und Mitglied im Rat der EKD freut sich auf die Fußball-WM 2026 in Mexiko, Kanada und den USA – und blickt zugleich kritisch auf das Turnier. Zwischen Fußballliebe, politischen Fragen und persönlicher Gewissensentscheidung sucht die Ordensschwester der evangelischen Communität Christusbruderschaft Selbitz ihren eigenen Weg: die Freude am Spiel nicht verlieren, aber Menschenwürde, Menschenrechte und Verantwortung nicht ausblenden.

Zu sehen ist die Ordensschwester Nicole Grochowina. Sie trägt ihre hellgraue Ordenskleidung mit weißer Haube. Sie lehnt an einer Steinernen Säule in einem Treppenhaus

Fußball-Fan und Ordensschwester Prof. Dr. Nicole Grochowina

„An meiner Bürotür wird der Spielplan hängen“, kündigt Ordensschwester Prof. Dr. Nicole Grochowina an. Denn Fußball sei für sie weit mehr als nur ein Sport. Er schaffe Gemeinschaft, wecke Emotionen und ermögliche Begegnungen über Ländergrenzen hinweg.

Gerade Weltmeisterschaften hätten dabei ihren ganz eigenen Zauber. „Eine WM hat, wie auch der DFB-Pokal, ihre eigenen Gesetze“, sagt Schwester Nicole. Ihr Herz schlage dabei nicht nur für die deutsche Mannschaft. Sie fiebere auch mit Underdogs mit, etwa mit Curaçao oder Kap Verde. Schon die Teilnahme an einem Weltturnier sei für viele, gerade kleinere Nationen, ein großer Erfolg. Das erinnere sie daran, worum es eigentlich gehe: dabei sein, gemeinsam eine gute Zeit haben und das Spiel genießen. Als glühender St.-Pauli-Fan wird sie außerdem alle Spiele verfolgen, in denen auch Spieler ihres Herzensvereins auf dem Rasen stehen.

Fußball-WM 2026: Warum die Freude am Spiel getrübt ist

Doch die bevorstehende Weltmeisterschaft in den USA trübt ihre Vorfreude auch. Zu groß sind die politischen und gesellschaftlichen Fragen, die das Turnier begleiten. Die Einreisebeschränkungen für Menschen aus zahlreichen Ländern, ICE-Beamte, die sich vor den Stadien positionieren könnten, die Debatten um Meinungsfreiheit und die enge Zusammenarbeit zwischen FIFA-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump empfinde sie als unerträglich. „Ich kann die Trump-Games nicht unterstützen“, macht sie deutlich.

Doch Schwester Nicole sieht nicht nur die schwierige Situation rund um den Wettbewerb. „Ich sehe die kritischen Punkte, aber ich sehe auch das Wundersame und Tolle am Fußball“, sagt sie. Gerade diese Spannung mache eine klare Position ungemein schwierig. Während sie die Weltmeisterschaft in Katar für sich persönlich boykottiert und keines der Spiele gesehen habe, wählt sie diesmal einen anderen Weg: Spiele in den USA wolle sie nicht verfolgen, Begegnungen in Kanada oder Mexiko hingegen schon.

WM-Begeisterung und Gewissen: Jeder muss seinen eigenen Weg finden

Für die Historikerin ist das kein Widerspruch, sondern Ausdruck einer Realität, die viele Menschen erleben. „Jeder muss seinen eigenen Weg finden“, sagt sie. Eine vollkommen moralisch eindeutige Entscheidung gebe es nicht. Wer das Turnier boykottiere, habe gute Gründe. Wer zuschaue, ebenfalls. „Es gibt hierbei keinen sauberen Weg“, betont sie.

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit umstrittenen Sportgroßereignissen lässt sich aus ihrer Sicht nicht pauschal beantworten. Entscheidend sei vielmehr, sich bewusst zu machen, was man mit seinem Handeln unterstütze. Es sei eine sehr persönliche Entscheidung jedes Einzelnen. Daher regt sie die Frage an: „Mit welcher Entscheidung hast du am meisten Frieden?“ Dabei seien Menschen als Christinnen und Christen dazu aufgerufen, die Würde anderer Menschen im Blick zu behalten. Nur dann könne sich Frieden auch einstellen.

WM 2026: Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs

Neben den Rahmenbedingungen des Großereignisses sieht Schwester Nicole auch die wirtschaftlichen Strukturen im internationalen Fußball kritisch. Oft werde eine klare politische Haltung durch die wirtschaftlichen Interessen rund um große Turniere erschwert. „Wenn die Debatte erst während des Turniers läuft, ist es eigentlich schon zu spät“, sagt sie. Die Diskussion über Gastgeberländer, Menschenrechte und demokratische Standards müsse deutlich früher geführt werden.

Dabei nimmt sie nicht nur die FIFA in die Pflicht. Auch Verbände, Vereine und Fans müssten sich fragen, welche Signale sie senden wollen. Ein gemeinsames Auftreten großer Fußballorganisationen hätte aus ihrer Sicht durchaus Gewicht. „Wenn die gesamte UEFA für Europa sagen würde: So nicht, dann hätte das ordentlich Wumms“, sagt sie. Allerdings glaubt sie nicht, dass ein solcher Schritt realistisch ist.

Fußball verbindet: Warum Schwester Nicole am Ideal des Spiels festhält

Trotz aller Kritik bleibt ihre Liebe zum Fußball bestehen. „Ich liebe den Fußball auf eine irrationale Weise“, sagt sie und lacht. Seit ihrem vierten Lebensjahr hat Schwester Nicole mit Fußball zu tun. „Ich habe eine Bolzplatzsozialisierung erlebt“, blickt sie zurück.

Die Ordensschwester ist in Hamburg aufgewachsen, in einer sozial schwierigen Region, wie sie erklärt. Ihre Freizeit verbrachte sie auf dem Fußballplatz – gemeinsam mit vielen anderen Kindern. „Fußball ist ein einfaches Spiel. Da braucht es nicht viele Worte“, sagt sie. Deshalb sei Fußball über Sprach- und Ländergrenzen hinweg so leicht spielbar. Der Sport lehre Kinder viel fürs Leben. Neben Teamgeist schärfe das Spiel auch den Blick für den nächsten Spielzug und die Mitspieler.

„Ich halte am Ideal vom Fußball fest“, erklärt Schwester Nicole. „Fußball verbindet, das ist mehr als nur eine romantische Vorstellung.“ Wenn ihr Menschen als Ordensschwester mit großer Distanz begegneten, sei es oftmals das Gespräch über den Fußball, das diese Distanz abbauen und Brücken schlagen lässt. „Fußball verbindet, schafft Nähe“, sagt sie. Welt- und Europameisterschaften seien dafür besonders geeignet.

Fußball-WM 2026: Der Traum vom Spiel um des Spiels willen

So fußballbegeistert wie Schwester Nicole sind allerdings nicht alle ihrer Mitschwestern. Ab dem Halbfinale, vermutet sie, werden einige von ihnen aber doch mitschauen. Alle anderen Ergebnisse erfahren sie aber weiterhin an Schwester Nicoles Bürotür. Die Ordensschwester verfolgt den Traum eines Bolzplatzkindes, wie sie sagt: eine Weltmeisterschaft, bei der wieder ganz der Fußball und der Sport im Mittelpunkt stehen.

Text und Interview: Franziska Weiß