Alle haben genug von so viel Gewalt

Seit den Auseinandersetzungen zwischen Drusen und Beduinen leben die Christ*innen in Kharaba im Ausnahmezustand

Ein Baum in steiniger und trockener Landschaft im Süden Syriens

Wie es Christen in Syrien geht, hängt von der Region ab, in der sie wohnen. In Kharaba, einem christlichen Dorf im Süden, leben sie seit den blutigen Auseinandersetzungen im Juli 2025 zwischen Drusen und Beduinen im Ausnahmezustand.

Es war der berühmte Funke, der das Pulverfass zum Explodieren brachte. Am 11. Juli 2025 entführten beduinische Männer auf der Straße von Suwaida nach Damaskus einen drusischen Gemüsehändler, demütigten ihn und raubten ihn aus. Die Nachricht machte in Windeseile die Runde und es kam auf beiden Seiten zu weiteren Entführungen und Übergriffen. Bereits zwei Tage später befanden sich bewaffnete Milizen der Drusen und der Beduinen in Suwaida und den umliegenden Dörfern in brutalen Auseinandersetzungen. Die Spirale aus Gewalt und Rache war nicht mehr zu stoppen. Als die neue Regierung in Damaskus ihre Truppen schickte, um eigentlich die Situation zu beruhigen, wurde alles nur noch schlimmer. Sie stellten sich auf die Seite der Beduinen und beteiligten sich an Entführungen, Hinrichtungen und Plünderungen. Irgendwann griff noch die israelische Luftwaffe ein, die sich zur Schutzmacht der Drusen erklärte. Syrien ist kompliziert; war es schon immer. Doch seit dem Machtwechsel im Dezember 2024 ist alles noch viel komplizierter geworden.

Wie überall in Syrien leben auch in der Region um Suwaida Christen. Viele sind es nicht, vielleicht 25.000. Eine genaue Zahl lässt sich nicht ermitteln. Dafür waren die letzten 15 Jahre viel zu unruhig. 2014 eroberten islamistische Milizen Gebiete im Süden. 2018 erkämpfte sich die syrische Armee mit Unterstützung Russlands die Kontrolle zurück. Und immer wieder kam es zu größeren und kleineren Auseinandersetzungen zwischen Drusen und Beduinen. Jedes Mal drohten die Christen und andere friedliche Zivilisten, zum Kollateralschaden zu werden. Viele christliche Familien verließen die Gegend, zumeist erst einmal auf Zeit. Man schlupfte bei Verwandten in anderen Landesteilen unter, ging nach Damaskus und wartete ab, dass die Kämpfe aufhörten. Manche verließen Syrien für immer.

Auch wenn die Christen im Süden schon immer eine kleine Minderheit waren, Kirchen gibt es nach wie vor in Suwaida und den Dörfern der Region. Mal leben Christen in einem mehrheitlich drusischen, mal in einem mehrheitlich muslimischen Umfeld. Einige wenige Dörfer sind noch rein christlich. Kharaba ist eines davon. Es liegt südöstlich von Suwaida. Zur jordanischen Grenze sind es vielleicht noch 30 Kilometer.

In Kharaba leben heute noch 150 christliche Familien. Seit den blutigen Auseinandersetzungen im letzten Sommer müssen sie sich ihr Dorf mit rund tausend Beduinen teilen, die von den Drusen aus Suwaida vertrieben wurden. „Sie müssen sich das einmal vorstellen. Da kommen tausend Menschen mit ihren Schafen, Kühen und Hunden und suchen überall, wo sie können, Unterschlupf“, erzählt Saleem Farah, der evangelische Pfarrer von Kharaba. Er hat sich zu einem Interview per Zoom bereit erklärt. Von einem Besuch vor Ort wird stark abgeraten. Nach wie vor ist die Lage im Süden zu unübersichtlich. Selbst die Einheimischen wissen oft nicht, wer gerade wo das Sagen hat und welche Gebiete von welchen Gruppen kontrolliert werden.

In Kharaba jedenfalls haben die Beduinen ihre Zelte auf den Feldern rund um das Dorf aufgeschlagen, haben sich im Gemeindehaus und in der Schule einquartiert. Einige hätten auch die Häuser übernommen, die derzeit leer stehen, weil die Besitzer gegangen, aber bisher nicht zurückgekommen sind. Farah erzählt von einer verwitweten Frau, die allein in ihrem Haus lebt. „Sie sind zu ihr gekommen und haben ihr vorgeschlagen, das Haus mit ihr zu teilen.“ Die Frau habe ihnen lieber das Haus überlassen und sei nach Damaskus gegangen in der Annahme, dass sie nach zwei Wochen oder einem Monat wieder zurückkönne. Doch die Beduinen sind noch immer da und werden so schnell wohl nicht mehr gehen. Farah geht von zwei bis drei Jahren aus. Mit dem Gouverneur von Suwaida sei er in Kontakt, damit eine Lösung für Kharaba und die Beduinen gefunden wird.

Es ist noch gar nicht lange her, dass Kharaba schon einmal von Fremden eingenommen und besetzt wurde. 2014 übernahmen islamische Milizen die Kontrolle über das Gebiet rundherum. So gut wie alle Christen verließen ihr Dorf Richtung Damaskus. Im dortigen Stadtteil Dweilaa entstand eine Art Übergangsgemeinde. 2018 eroberten die syrischen Truppen Kharaba und andere Dörfer zurück, sorgten aber nicht dafür, dass die Häuser wieder von ihren eigentlichen Besitzern übernommen werden konnten. Erst 2020 konnten die geistlichen Führer von Kharaba – neben der evangelischen Gemeinde gibt es auch eine griechisch-orthodoxe und eine melkitisch-katholische Kirche – mit Unterstützung der russischen Truppen aushandeln, dass alle besetzten Häuser geräumt werden müssen, damit die Christen wieder zurückkehren können.

Seit die Beduinen in Kharaba sind, haben 20 christliche Familien Kharaba verlassen. „Ihre Kinder können hier nicht mehr zur Schule gehen“, sagt Farah. Dort wohnten jetzt schließlich beduinische Familien.

Dass die tausend zusätzlichen Menschen Platz beanspruchen und auch Strom und Internet brauchen, sei nicht das größte Problem. Viel schwieriger sei das Zusammenleben an sich, sagt der Pfarrer. „Kharaba war immer ein rein christliches Dorf.“ Hinter diesem Satz steckt mehr als nur eine Feststellung. Doch wie soll man ausdrücken, dass es die kulturellen Unterschiede zwischen den Alteingesessenen und den neu Angekommenen sind, die das Miteinander belasten. Christen kleiden sich moderner, Frauen haben bei ihnen eine andere Stellung, in der Erziehung der Kinder gelten andere Werte. All das lässt sich nur leben und weitergeben in einem entsprechenden Umfeld. Ändern sich aber innerhalb kürzester Zeit die Mehrheitsverhältnisse, ist auf einmal vieles, was bisher selbstverständlich war, in Frage gestellt und es müssen neue Antworten gefunden werden.

Es gibt aber auch noch andere Herausforderungen, sagt Farah. Vor Weihnachten habe zum Beispiel ein Stammesführer aus der Umgebung gefordert, dass die Christen auf offizielle Weihnachtsfeiern und auf Weihnachtsbäume auf öffentlichen Plätzen verzichten sollten aus Respekt vor den vielen Toten, die es bei den Auseinandersetzungen gegeben hatte. Die Christen in Suwaida und in den mehrheitlich drusischen Dörfern hätten sich daran gehalten. „Wir in Kharaba haben aber Weihnachten gefeiert mit einem großen Weihnachtsbaum in der Kirche, weil wir ein christliches Dorf sind“, sagt Farah bestimmt. Aus seinen Worten lässt sich ahnen, dass man in Syrien eine große Portion an Hartnäckigkeit und Überzeugung mitbringen muss, wenn man als Pfarrer seine Gemeinde zusammenhalten will.

„Es ist nicht unsere Schuld, dass es zu den Auseinandersetzungen gekommen ist. Das ist nicht unser Konflikt. Auf beiden Seiten hat es Tote geben. Wir stehen weder auf der einen noch auch der anderen Seite. Wir leiden wie alle anderen Familien hier in der Gegend unter der Situation. Als Kirche haben wir aber eine Mission. Die Menschen brauchen uns. Sie haben die Nase voll von Gewalt.“

Katja Dorothea Buck ist Fachjournalistin für religiöse Minderheiten und Religionsfreiheit im Nahen Osten.