Die Schultüte war schon immer ein Statussymbol
Expertin Johanna Haug zum Schultüten-Brauch und Tipps zum Befüllen
Ichenhausen (epd). Die bayerischen Sommerferien stehen vor der Tür. Doch viele Eltern von Vorschulkindern sind schon einen Schritt weiter und mit dem Schulstart im September beschäftigt. Schulranzen und Schulmaterial müssen besorgt werden - und ganz wichtig für die Kinder: die passende Schultüte. Woher der Schultüten-Brauch kommt und was überhaupt in eine Schultüte rein soll und was eher nicht, erzählt Johanna Haug im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie ist Leiterin des Bayerischen Schulmuseums in Ichenhausen (Landkreis Günzburg), einer Zweigstelle des Bayerischen Nationalmuseums in München.
epd: Frau Haug, erinnern Sie sich noch an Ihre Schultüte?
Johanna Haug: Natürlich. Auf meiner Schultüte war ein Fliegenpilzmännchen drauf. Das Motiv war beliebt in den 1970er und 80er-Jahren. Ich habe die Schultüte von meinem älteren Bruder übernommen.
epd: Also nichts mit Dinosauriern, Einhörnern oder Minecraft?
Haug: Nein, damals war das noch nicht so wild mit den Schultüten. Heute ist die Auswahl ja viel größer. Es gibt so viele Bastelvorlagen zu kaufen, der Trend geht hin zu: so individuell wie möglich. Der erste Schultag ist über die Jahrzehnte immer wichtiger geworden und wird heute zum Teil richtig groß mit der Familie gefeiert. Ein Statussymbol war die Schultüte übrigens schon immer.
epd: Inwiefern?
Haug: Schultüten gehören zum ersten Schultag in Deutschland einfach dazu. Ein Beispiel: Meine Mutter, Jahrgang 1938, wurde noch während des Zweiten Weltkrieges eingeschult, als Deutschland wirtschaftlich am Boden lag, die Städte zerstört waren und die Leute so gut wie nichts hatten. Aber eine Schultüte musste sein. Man wollte die Kinder nicht mit leeren Händen in die Schule schicken und dadurch zugeben, dass man arm war. Die Schultüte meiner Mutter war daher mit Zeitungspapier ausgestopft, um sie voll aussehen zu lassen. Oben drauf lagen ein paar Kleinigkeiten, vor allem Obst und eine Süßigkeit.
Früher war der erste Schultag angstbesetzt
epd: Woher kommt der Brauch?
Haug: Die ersten Schultüten gab es schon Anfang des 19. Jahrhunderts in Mitteldeutschland, vor allem in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Der erste schriftliche Nachweis ist von 1817 in Jena. Dieser Brauch hat sich dann über ganz Deutschland ausgebreitet. Man darf dabei nicht vergessen, dass Schule damals ganz anders besetzt war als heute. In den Schulen gab es die Prügelstrafe, es herrschten Disziplin und Strenge. Viele Kinder hatten daher Angst vorm ersten Schultag. Die Schultüte mit kleinen Geschenken drin, wie etwa kandierten Früchten, Bonbons oder Zuckerstangen, sollte ihnen den Anfang „versüßen“. Das ist heute natürlich ganz anders: Die allermeisten Kinder freuen sich auf den ersten Schultag.
epd: Die Schultüte als Übergangsritual ist also über die Jahrhunderte erhalten geblieben.
Haug: Ja, auch wenn die Tüten früher natürlich viel kleiner waren und sich regionale Besonderheiten herausgebildet haben. In Ostdeutschland hießen die Tüten Zuckertüten, benannt nach ihrem Inhalt. In Westdeutschland sind sie seit jeher als Schultüten bekannt. Auch die Form war unterschiedlich. Im Westen dominierte die Kegelform, im Osten die sechseckige Schultüte. Letztere ist übrigens sehr praktisch, wenn man selber basteln muss. Sechseckig ist einfacher zu falten, außerdem kann man leichter Motive draufkleben. Die sechseckigen Tüten werden daher immer beliebter. Und noch eine Besonderheit fällt mir ein: In Mitteldeutschland hat man früher, in einigen Schulen noch heute, einen Zuckertüten-Baum aufgestellt.
epd: Was ist das denn?
Haug: Es gibt die - wie ich finde - sehr schöne Legende vom Zuckertüten-Baum. Eltern erzählten ihren Kindern, dass ihre Zuckertüte am Baum mit ihnen mitwächst, am ersten Schultag durften sie dann in der Schule ihre Tüte herunterpflücken. Diesen Brauch gab es vor allem in Sachsen und Thüringen im 19. Jahrhundert. Flächendeckend durchgesetzt in Deutschland hat sich der Zuckertüten-Baum aber nicht. Es wäre wahrscheinlich viel zu aufwendig, in jedem Schulhaus einen Baum aufzustellen und dort die heutigen Schultüten dranzuhängen.
epd: Es klingt ein bisschen nach Weihnachtsbaum.
Haug: Gemeinsam haben Schultüte und Weihnachtsbaum, dass sie für ihre jeweiligen Anlässe gesellschaftlich unverzichtbar sind und einfach dazugehören. Zumindest in Deutschland. Schultüten gibt es vereinzelt auch in Österreich, der Schweiz und in Belgien. Aber nicht flächendeckend wie hier.
Kein Smartphone, kein Tablet, wenig Süßigkeiten
epd: Eine Schultüte muss also sein - und genau deshalb zerbrechen sich viele Eltern lange vorher den Kopf, was alles rein muss. Haben Sie Tipps?
Haug: Ich persönlich finde, dass nichts Digitales rein sollte. Kein Smartphone, kein Tablet. Erstklässler brauchen kein digitales Endgerät - und übrigens auch nicht so viele Süßigkeiten. Ich empfehle daher kleine Sachen, die Lust aufs Lernen und die Schule machen: lustige Radiergummis, schöne Buntstifte, Glitzerstifte, ein Pixi-Buch, Schlüsselanhänger für den Schulranzen oder einen kleinen Schreibblock. Kinder sollten nicht so überhäuft werden. Das erhöht unnötig den Druck auf sie. Der erste Schultag, neue Kinder, die neue Lehrkraft - das alles ist schon spannend genug für die Kinder.
epd: Manchmal sieht man auch Erstklässler mit Schultüten, die sie selbst fast gar nicht tragen können.
Haug: Von daher wichtig: Die Schultüte nicht zu voll und nicht zu schwer machen. Der Schulranzen ist ja auch schon recht groß. Viele Eltern vergessen, dass die Kinder am ersten Schultag ganz schön viel zum Tragen haben. Inzwischen gibt es auch Schutzhüllen für die Spitze der Schultüte zu kaufen. Die Spitze ist ja aus Kartonpapier und geht schnell kaputt, wenn Kinder die Schultüte am Boden abstellen, weil sie zu schwer ist. Also: lieber etwas weniger und leichter befüllen.
epd: Viele Eltern organisieren den ersten Schultag inzwischen als große Familienfeier. Was sagen Sie dazu?
Haug: Ja, der Trend wächst. Eltern sollten den Tag ruhig und gelassen angehen, ohne allzu große Erwartungen. Je ruhiger sie sind, desto entspannter sind auch die Kinder. Natürlich ist der erste Schultag ein wichtiger Übergang im Leben, für viele der erste richtig große im Leben. Aber er sollte nicht überhöht werden. Viele Eltern zerbrechen sich auch den Kopf, was sie ihrem Kind anziehen sollen. Ich finde schöne und vor allem bequeme Kleidung sinnvoll. Die Kinder sollen sich wohlfühlen - und nicht verkleidet sein. Und am Vorabend kann man mit dem Kind in aller Ruhe den Schulranzen packen - das bringt auch Gelassenheit rein und man hat in all dem Trubel nochmal Zeit zusammen.