Demokratie stärken, Zusammenhalt fördern: Drei Perspektiven auf die Rolle der Kirche
EKD-Synode 2026: Impulse zu Demokratiebildung, gesellschaftlichem Miteinander und der Verantwortung von Kirche und Diakonie
Wie können Kirche und Diakonie die Demokratie stärken und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Würzburg. Unter dem Schwerpunktthema „Gemeinsam weiter – Kirche als Werkstatt für Demokratiebildung und intergenerationales Lernen als Ausdruck gelebten Glaubens“ eröffneten drei Redebeiträge unterschiedliche Perspektiven: Der sächsische Pfarrer Justus Geilhufe zeigte auf, wie der christliche Glaube Verständigung über gesellschaftliche und generationelle Grenzen hinweg ermöglichen kann. Die Magdeburger Regionalbischöfin Bettina Schlauraff betonte die Verantwortung der Kirche, angesichts von Rechtsextremismus und gesellschaftlicher Ausgrenzung entschieden für die Menschenwürde einzutreten. Der Sozialpsychologe und Zukunftsforscher Harald Welzer warb für offene Begegnungsorte als Grundlage gelebter Demokratie.
Justus Geilhufe: Wie der Glaube das demokratische Miteinander stärkt
Der sächsische Pfarrer, Autor und Podcaster Justus Geilhufe sprach über die Bedeutung des christlichen Glaubens für das demokratische Zusammenleben. In einer zunehmend polarisierten Gesellschaft würden Unterschiede zwischen Menschen immer häufiger Begegnungen verhindern. Der Glaube hingegen eröffne eine andere Perspektive: „Unser Glaube an Jesus Christus, der für alle Menschen gestorben ist – gerade auch für jene, die ganz anders sind als ich und die ich von Herzen nicht leiden kann –, sagt uns: Der andere hat etwas, was ich nicht habe.“ Gerade in der Begegnung mit Andersdenkenden könnten Menschen mehr voneinander, von der Welt und von Gott erfahren.
Kirche könne die Demokratie nicht allein bewahren, aber Räume schaffen, in denen Vertrauen, Verständigung und gemeinsames Lernen wachsen. Dafür müsse sie nach Geilhufes Überzeugung auf zwei Ebenen wirken: Wo das friedliche Zusammenleben bedroht sei, müsse sie entschieden eingreifen. „Manchmal muss man Feuerwehr sein, wenn es brennt.“
Auf der zweiten Ebene wirke Kirche im Alltag wie Tau, der eine aufgeheizte gesellschaftliche Atmosphäre abkühle, so Geilhufe, der sich auf eine Predigt des Stellvertretenden EKD-Ratsvorsitzenden Tobias Bilz bezog. In Gottesdiensten, Gemeindegruppen und bei gemeinsamen Aktivitäten begegneten sich Menschen unterschiedlicher Generationen, sozialer Herkunft und politischer Überzeugungen. Hier entstünden im Kleinen Verständigung und gegenseitiges Lernen. Gerade darin liege ein wesentlicher Beitrag der Kirche zur Demokratiebildung: Sie stärke eine Kultur des Miteinanders, die demokratische Praxis erst ermögliche.
Bettina Schlauraff: Kirche muss Haltung zeigen gegen Rechtsextremismus
Die Magdeburger Regionalbischöfin Bettina Schlauraff warnte in ihrem Impuls vor der politischen Vereinnahmung des Christentums durch rechtsextreme Kräfte. Am Beispiel Sachsen-Anhalts schilderte sie, wie Angst vor politischen Konsequenzen bereits zu Rückzug und vorauseilender Anpassung führe.
Umso wichtiger seien gesellschaftliche Netzwerke, Wachsamkeit und ein langer Atem. „Es wird Netzwerke brauchen: die Fäden ziehen wir. Es wird Wachsamkeit brauchen: die organisieren wir.“
Die AfD vereinnahme das Christentum für ihre politischen Ziele, nutze es als kulturelles Identitätsmerkmal und zur Abgrenzung gegenüber anderen, kritisierte Schlauraff. In der Partei fänden sich Anhängerinnen und Anhänger ganz unterschiedlicher politische Erwartungen wieder. Diese „permanente und gewollte Unschärfe“ verdecke den extremistischen Charakter der Partei, so die Bischöfin. Zugleich warnte sie davor, dass Menschen ausgrenzende und gewaltvolle Positionen unterstützten oder hinnähmen, solange sie selbst nicht davon betroffen seien.
Gerade jetzt müsse die Kirche ihre gesellschaftliche Bedeutung erkennen und entschieden Haltung zeigen. „Gehören wir als Kirche zu einem politischen Lager? Ja! Zu dem der Menschenwürde“, betonte Schlauraff. Christlicher Glaube verpflichte dazu, besonders schutzbedürftigen Menschen beizustehen – auch wenn dies Konsequenzen habe.
Schlauraff forderte eine Theologie der Vielfalt, Menschlichkeit und Solidarität als Gegenentwurf zu Ausgrenzung und Nationalismus. Kirchliche Selbstüberschätzung und das Streben nach politischer Bedeutung als Selbstzweck sei zu vermeiden. Ihre zentrale Botschaft lautete: „Was wir brauchen, ist keine neue Theologie, sondern endlich ihre Umsetzung.“
Harald Welzer: „Demokratie ist analog“ – Warum wir Orte der Begegnung brauchen
Der Sozialpsychologe und Zukunftsforscher Harald Welzer warb für mehr Orte der Begegnung als Grundlage einer lebendigen Demokratie. Der verbreiteten Erzählung einer zutiefst polarisierten Gesellschaft widersprach er: Millionen Menschen engagierten sich ehrenamtlich, unterstützten ihre Nachbarn und übernähmen Verantwortung für das Gemeinwesen. Sie seien die wichtigste Ressource der Demokratie.
„Demokratie ist analog. Demokratie ist nicht digital“, betonte Welzer. Die Algorithmen großer digitaler Plattformen wirkten aus seiner Sicht gemeinschaftszerstörend und gefährdeten den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Demokratie lasse sich deshalb nicht allein über digitale Medien stärken, sondern brauche Orte, an denen Menschen unmittelbar miteinander in Kontakt kämen.
Mit dem Begriff „Wohnzimmer der Gesellschaft“ beschreibt Welzer offene Begegnungsorte wie Gemeindezentren, Bibliotheken oder Kneipen. Es gebe sie seit jeher, allerdings seien davon in den vergangenen 20 Jahren mehr als zwei Drittel verschwunden. Dem müsse man entgegenwirken.
Es gehe um Räume, die wieder Gemeinschaft ermöglichen, weniger um Inhalte, erklärte Welzer. Gerade die Kirche verfüge über Räume, die sie für Begegnungen öffnen könne. Statt immer neue Bildungsprogramme zu entwickeln, solle sie stärker auf das Potenzial ihrer bestehenden Orte setzen. Sein Appell: weniger senden, mehr zuhören und Menschen ermöglichen, demokratisches Miteinander praktisch zu erleben.