Gottes Segen ist „Muttersprache der Seele“ Geistliches Wort beim „Tag der Heimat“

Prälatin Dr. Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union

Am Schluss dieses Festaktes ein Blick in die Bibel, dem großen Buch der Flucht. Und Gedanken aus dem Buch Genesis im 28. Kapitel:

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. 16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19 und nannte die Stätte Bethel.

Jakob, Sohn von Isaak und Enkel von Abraham und Sarah, ist auf der Flucht. Er hat einen älteren Bruder, Esau. Der Erstgeborene. Dem steht der Segen des Vaters zu. Isaak, der Vater, ist blind geworden und liegt im Sterben. Und Jakob, der sehr glatte Haut hat, hat sich mit einem Fell als Esau verkleidet, als sein eher pelziger Bruder. Und Isaak segnet seinen jüngeren Sohn, im Glauben, es sei der Ältere.

Es kommt raus – und Jakob muss fliehen. Denn der Vater hat nur einen Segen – und der ist vergeben. Esau bleibt ungesegnet; er will seinen Bruder töten. Seine Mutter warnt Jakob der flieht vor Esau.

Jakob ist allein unterwegs im fremden Land. Unterwegs wird er müde. Er legt seinen Kopf auf einen Stein und schläft ein.

Jakob träumt. Im Traum sieht er eine Leiter von der Erde bis zum Himmel. Auf der Leiter steigen Engel Gottes hinauf und hinunter. Gott steht vor ihm in diesem Traum und sagt:

- und jetzt kommen die Verse, die wir gehört haben.

Gott sagt: ich bin der Herr, der Gott Abrahams und der Gott Isaaks. Das Land, auf dem Du liegst, will ich Dir geben … und dann: „Siehe, ich bin bei dir und behüte dich überall, wohin du auch gehst. Ich bringe dich zurück in dieses Land. Ich werde dich nicht weglassen, bis ich vollbringe, was ich dir verheißen habe.“

Jakob wacht auf. Und er weiß noch im Wachen: Hier ist Gott. An diesem Ort.

Und der Gott-Segen – geht mit ihm.

Was ist Segen? Ich schicke vielen Menschen in Politik und Kirche eine Geburtstagskarte. Auf der stand im vergangenen Jahr: SEGEN. Und weiter: „Alltagszauber. Angstvertreiber. Lebensmittel. Glückwunsch. Freikarte. Auftrag. Jawort. Einer meint es gut mit Dir.“

Segen ist durch und durch ambulant. Segen ist wie ein tragbares Zuhause. Ein portables Vaterland. Muttersprache für die Seele. Heimat to go.

Im biblischen Sinn ist Segen all das – und noch mehr.

Jakob ist auf der Flucht. Er hat den Vater-Segen erschlichen und kein Zuhause mehr. Er darf nicht mehr da leben, wo er leben will, darf nicht aus seinem Stamm eine Frau nehmen. Sein Bruder ist zornig auf ihn, sein Vater tot und seine Mutter macht sich Sorgen. Jakob rennt und ist erschöpft.

Aber in diesem Himmelsleiter-Traum erlebt Jakob einen anderen Segen. Auf der Leiter gehen Engel auf und ab – Himmel und Erde sind verbunden. Jakob schläft, aber eine tiefe andere Wirklichkeit erfasst ihn. Eine Verbundenheit, größer und umfassender als er selbst und seine Familie. Gott ist der Gott seiner Väter und Mütter und es ist einer, der mitgeht. Der mitgeht in die Fremde – und wieder nach Hause zurückführt. Der die versöhnt, die miteinander kämpfen und ein Zuhause gibt für die Ortlosen. Dessen Segen nicht erschlichen werden muss – weil genug davon da ist.

Glauben ist für mich dies: Aus dieser Ur-Verbundenheit zu leben. Aus dem Vertrauen darauf, nicht aus dem Misstrauen, es könne nicht für alle reichen.

Menschen können einen tiefen Gleichklang erleben, der sie trägt. In dem sie die beste Version ihrer selbst sind. Freundschaften und Partnerschaften, Familien leben davon.

Es gibt aber auch kurze, neue Begegnungen, die eine Verbindung auftun, die sonst eigentlich nur aus langem Miteinander entstehen kann. Man kennt sich eine halbe Stunde, hat aber das Gefühl, man habe schon ein halbes Leben miteinander verbracht.

So eine Ur-Verbundenheit wird Jakob tragen seit seinem Traum von der Himmelsleiter. Und Jesus war wohl auch deswegen so eindrücklich, weil man ihm immer noch eine andere Gegenwart abgespürt hat.

Gott hat verschiedene Erscheinungsformen. Jesus war immer mehrere zugleich. „Ich und der Vater sind eins“, sagt er. Er lebt aus einer anderen großen Kraft.

So, wie man im Haus einer guten und bewährten Partnerschaft oder Kommunität gerne zu Gast ist, wie man in einem geistlichen und gastlichen Haus die Spuren anderer Feste spürt. So kann man den Geist deuten, diese dritte Gotteskomponente: als Verbundensein. Als Resonanzgefühl. Als Schwingung zwischen Menschen. Als liefen die Engel hin und her auf einer Leiter zwischen einem Menschen und Gott, zwischen Himmel und Erde.

Menschen, die ihr Zuhause verlassen müssen, sind auf Segen in ganz eigener Weise angewiesen. Menschen, in deren DNA und in der zentralen Erzählung ihrer Familie eine Fluchtgeschichte liegt, wären ohne Segenserfahrung, ohne Verbundenheit nicht am Leben.

Das Faszinierende ist also nicht nur der eine ‚für sich existierende‘ Mensch, sondern der Mensch, der verbunden ist mit anderen, mit der Erde, mit Gott und in der Folge mit sich selbst in tiefster Weise. Das heißt, eigentlich ist niemand nur bloß ‚er oder sie selbst‘, sondern wir sind, was all die Verbundenheiten aus uns gemacht haben und machen. Jeder Mensch ist ein wandelndes Netzwerk. Kultur verdichtet das.

Netzwerke sind ambulante Heimat. Jenseits von Nationen.

Diese Netze aus Verbundenheiten, die sich in Kultur verdichtet zeigen, dies Gesegnetsein mit Beziehung wird mehr, wenn man es teilt. Es ist das Gegenteil von einer Abgrenzung in „wir“ und „die“.

Segen ist die große Geste von Gott – Du bist geliebt und beschützt. Wo Du bist und wo immer Du hingehen willst oder musst. Segen ist Heimat auf dem Weg.

So möglich, erheben wir uns zum Gedenken.