Glockengeläut der Hoffnung
Keine zehn Jahre ist es her, da hatten in Mossul (Irak) die Terroristen des Islamischen Staats (IS) noch das Sagen. Heute liegt die Stadt am Tigris weitgehend in Trümmern und mit ihr ihre großartige Geschichte des kulturellen Miteinanders. Dass jetzt aber in einer Kirche wieder die Glocken läuten, ist auch für Muslime ein Zeichen der Hoffnung.
Auf dem „Platz der vier Kirchen“ zeigt sich, wie viel verloren gegangen ist. Einst standen hier vier Kirchen dicht beieinander. Als der IS im Juni 2014 die zweitgrößte Stadt des Irak eroberte, richtete das Terrorregime ausgerechnet hier sein ziviles Hauptquartier ein. Denn, so die Annahme, die jahrhundertealten Kirchen würde schon niemand bombardieren, sollte jemand die Stadt rückerobern wollen. Die Terroristen täuschten sich. Drei Jahre später lag alles in Schutt und Asche. Die US-amerikanische Luftwaffe hatte zusammen mit den kurdischen Peschmerga und der irakischen Armee Mossul mit vielen Bomben vom Terrorregime befreit.
Die Tahera-Kirche ist ein Heimatort
Heute ist der Platz der vier Kirchen eine Großbaustelle. Unter Leitung der UNESCO werden die Kirchen wieder aufgebaut – Stein für Stein, mit Geld aus den Emiraten, der EU und von der irakischen Regierung. Die syrisch‑katholische Tahera‑Kirche ist bereits fertiggestellt und wurde Anfang 2025 wieder geweiht. Father Ra’ed, der Priester der Gemeinde, steht vor dem goldverzierten Altar. Er kennt Mossul wie kaum ein anderer. Er ist in Mossul geboren, war nach eigenen Angaben der letzte Christ, der die Stadt verließ, als der IS kam. Und er sei auch der erste gewesen, der zurückkehrte, als die Terroristen vertrieben waren. Für ihn ist die Tahera‑Kirche mehr als ein restauriertes Gebäude. Sie ist ein Heimatort, der den Menschen zeigt, dass christliches Leben in Mossul wieder möglich ist.
Solche Orte braucht es mehr denn je. Mit dem Einzug der Islamisten 2014 verlor Mossul alle seine Christen und auch alle seine Jesiden. Andersgläubige duldete der IS nicht in der Stadt. Und alles, was an andere Religionen erinnerte, wurde zerstört. Kreuze, Heiligen-Statuen, Ikonen… Eine jahrtausendelange Geschichte des interreligiösen und interkulturellen Zusammenlebens wurde mit Gewalt beendet.
2014 lebten noch 35.000 Christen in Mossul. Heute sind es wohlwollend geschätzt 200, die hier wieder ihren Lebensmittelpunkt haben. Tagsüber kommen noch ein paar Hunderte zum Arbeiten oder Studieren wieder in die Stadt. Sie wohnen in Erbil und in Dörfern der Umgebung, wohin sie damals geflohen waren. Der Mut fehlt bisher, ganz wieder nach Mossul zu ziehen.
Seit ihrer Wiedereinweihung Anfang 2025 ist die Tahera-Kirche jeden Sonntag sehr gut besucht. Die Kirche ist offen für alle, auch für nicht syrisch-katholische Christen. Und für Muslime, sagt Father Ra‘ed. Sie kämen tatsächlich, setzten sich in die Bänke, hörten dem Gottesdienst zu, stellten ihm anschließnd Fragen. Aus Neugier. Sie wollten wissen, wer die Christen eigentlich sind, die der IS so gar nicht in der Stadt haben wollte. Und Father Ra’ed freut sich, dass ihn heute alle Menschen in Mossul „Abuna“ nennen – „Unser Vater“. Früher war das eine Anrede, die nur Christinnen und Christen für einen Priester benutzten. Jetzt ist er Ausdruck eines neuen Miteinanders.
Künftig werden hier Kinder getauft
In einer kleinen Kapelle steht der neue Taufstein auf einer dicken Glasplatte, die den Blick hinunter in ein altes Gewölbe freigibt. Beim Wiederaufbau der Kirche wurden hier Tonkrüge gefunden, mehrere hundert Jahre alt – ein Stück Mossul, das im Dunkel überdauert hat und das zeigt, dass Mossuls Geschichte noch längst nicht zu Ende erzählt ist. In der Kapelle wird Father Ra’ed künftig die Kinder von Mossul taufen. Christliche Präsenz kehrt nicht nur zurück, sie darf hier auch zarte Neuanfänge feiern.
Vom Innenhof der Kirche aus sind die neuen Glocken zu sehen. Als sie im Mai 2024 zum ersten Mal wieder geläutet wurden, war das ein besonderer Augenblick für die ganze Stadt. 1600 Jahre hatte das Glockengeläut der Kirchen den Rhythmus der Stadt am Tigris geprägt, bis der IS sie zum Schweigen brachte. Jetzt klingen sie erneut.
Und nicht nur sie. Auch der Muezzin ruft die Gläubigen wieder vom sogenannten schiefen Minarett der Großen Nuri‑Moschee zum Gebet. Hier hatte sich Omar Al-Baghdadi, der Chef des IS, im Juni 2014 selbst zum Kalifen ernannt. Das schiefe Minarett, das seit dem 13. Jahrhundert Wahrzeichen von Mossul ist, war bei der Rückeroberung ebenfalls zerstört und vom gleichen Konsortium wie die Tahera-Kirche wiederaufgebaut worden.
Auch in der Nuri-Moschee wurden unter den Fundamenten Reste einer Moschee aus dem achten Jahrhundert entdeckt. Es ist, als würde die Stadt beginnen, zwischen neuem Mauerwerk und alten Fundamenten ihre Schichten neu zu ordnen.
Katja Dorothea Buck
Fürbitte
Gott,
wir danken Dir, dass Du aus einem Ort des Grauens
einen Ort neuer Gemeinschaft entstehen lässt.
Dass der Tod nicht das letzte Wort hat,
sondern dass nach Gewalt und Chaos Neues wachsen kann – dafür danken wir Dir.
Und bitten Dich für die Menschen, die sich trauen,
dem gerade entstehenden Miteinander zu trauen:
Dass sie zur Ruhe kommen an den Orten ihres Glaubens
und ihre Hoffnung teilen mit Menschen anderen Glaubens in ihrer Stadt,
ihrem Zuhause.
Und dass sie Kraft schöpfen aus Deiner Quelle für eine gesegnete Zukunft.
Amen