Der tägliche Kampf ums Überleben
Eine kleine Dorfgemeinde in der Ukraine gibt nicht auf
2008 gründeten die Bewohner*innen des kleinen ostukrainischen Dorfs Selenyi Haj eine Gemeinde der Ukrainischen Orthodoxen Kirche. Im gleichen Jahr begannen sie mit dem Kirchbau, der dem Hl. Spiridon von Trimythunt geweiht ist. 2012 wurde die Gemeinde offiziell registriert. Mit den Jahren hatte sich ein aktives Gemeindeleben entwickelt, Kirche und Gemeinderäume waren bald fertiggestellt, der Glockenturm sollte 2023 eingeweiht werden. Doch dann kam die russische Invasion.
Das Dorf Selenyi Haj liegt 10 km von Sumy entfernt, an den Hängen des rechten Ufers der Psel im äußersten Nordosten der Ukraine. Vor der Vollinvasiom hatte das Dorf 18 Häuser und 34 Einwohner. Zu der Gemeinde gehörten jedoch zuletzt rund 230 Menschen, die aus dem Dorf selbst, der Stadt Sumy und den umliegenden Ortschaften kamen.
Die russische Invasion in die Ukraine hat die Gemeinde und das gesamte Dorf grundlegend verändert. Bereits seit 2014 hatte die Gemeinde Soldaten in den umkämpften Regionen und an der Front zu den durch Russland besetzten Gebieten unterstützt – der Krieg war also schon vor 2022 Teil des Gemeindelebens. Das Dorf wurde mit Beginn der Vollinvasion von der russischen Armee auf dem Weg nach Kyjiw überrannt, von den Kämpfen blieben tote russische Soldaten tagelang auf den Straßen liegen, die von der eigenen Armee zurückgelassen worden waren. Die Gemeinde half vom ersten Tag an Verwundeten und Vertriebenen.
Die Front verläuft seit 2022 etwa 10 km vom Dorf entfernt, auf der russischen Seite liegt die Region Kursk, die zwischenzeitlich von der ukrainischen Armee eingenommen wurde. Entsprechend stark ist diese Grenze umkämpft. Der ständige Beschuss durch Drohnen und Flugbomben ist eine große Gefahr für die zivile Bevölkerung. Mehrere Bewohner sind bereits seit dem Kriegsausbruch bei Angriffen getötet worden, viele sind geflohen. Schon in den ersten Tagen wurde ein befreundeter Ikonenschreiber der Gemeinde bei einem Angriff getötet. Aktuell leben nur noch 11 Menschen hier, meistens Menschen, die aufgrund des Alters oder ihrer Lebensumstände nirgends hinkönnen.
Der Sommer 2026 verzeichnete seit den ersten Wochen des vollumfänglichen Krieges die härtesten Angriffe auf weite Teile der Ukraine, aber auch an der direkten Front in Sumy. Unter den vielen zivilen Opfern war auch die 83jährige Bewohnerin von Seleyi Gai, sie wurde am durch eine Drohne angegriffen und getötet. Anfang August kamen zwei kleine Mädchen ums Leben, die am Sonntag zuvor noch in der Kirche waren. Viele Häuser des Dorfes sind beschädigt oder zerstört. Auch die Kirche wurde bei einem Luftangriff beschädigt. Reparaturen sind aufgrund des ständigen Beschusses nicht möglich.
Kaum jemand kommt aufgrund der Gefahren noch zum Gottesdienst, meistens sind es drei bis fünf Personen. Aber die Gemeinde ist dennoch lebendig und die Gottesdienste werden gemeinsam gefeiert – für die bleibende Bevölkerung ist es ein wichtiger Halt in ständiger Gefahr.
Alle Ressourcen der Gemeinde werden vor allem für die Unterstützung von Opfern des Krieges verwendet. Der Priester der Gemeinde, Oleksandr Petrenko, und Gemeindemitglieder evakuieren seit 2022 Menschen aus dem direkten Frontbereich und helfen dabei, Menschen in sicherere Teile des Landes zu bringen. Die Gemeinde und die Priester leisten entscheidende psychologische, materielle und seelsorgerische Unterstützung der Menschen vor Ort, sowohl für die zivile Bevölkerung als auch für die in der Region stationierten Soldat*innen. Im August 2026 wurde dieses Engagement auch durch den ukrainischen Staat honoriert.
Zu der Belastung durch die täglichen Angriffe und die drohende Besatzung durch Russland kommt die umstrittene Lage der Ukrainischen Orthodoxen Kirche. Die Kirche ist traditionell eng mit dem Patriarchat von Moskau verbunden gewesen, das Kirchenoberhaupt, Patriarch Kirill, rechtfertigt den Krieg Russlands gegen die Ukraine jedoch. Oleksandr Petrenko und andere ukrainische Bischöfe und Priester haben in den ersten Tagen der Vollinvasion noch ihre russischen Geschwister aufgerufen, sich für ein Ende des Krieges einzusetzen, jedoch blieb jede Unterstützung oder Mitgefühl aus.
Das Bistum Sumy hat als eines der ersten erlaubt, nicht mehr für Patriarch Kirill in der Liturgie zu beten, und den Krieg scharf verurteilt. Die Kirche steht dennoch in der Ukraine unter einem Generalverdacht der Verbindung mit Russland; so haben staatliche Stellen u.a. ein Gesetz verabschiedet, welches ein Verbot der Kirche ermöglicht. Dies belastet die Gläubigen der Gemeinde in Selenyj Haj zusätzlich.
Der Verlauf des Krieges ist unabsehbar und ein schneller gerechter Frieden scheint in weiter Ferne. Für die Gemeinde des Hl. Spiridon in Selenyi Haj ist es ein täglicher Kampf um das Überleben – der Menschen und der Gemeinde.
Regina Elsner
Fürbitte:
Für die Gemeinde des Hl. Spiridon in dem ukrainischen Dorf Selenyi Haj,
seinen Priester Oleksandr Petrekno
und alle Menschen in der Ukraine,
deren Alltag seit fünf Jahren durch den russischen Krieg geprägt ist:
Stärke sie in ihrem unermüdlichen Einsatz
für die Verletzten, die Verlassenen und für diejenigen,
die sie vor den russischen Angriffen schützen.
Bestärke diejenigen, die sich um einen gerechten Frieden bemühen,
und tröste die, die um ihre Nächsten trauern
und in täglicher Angst zu verzweifeln drohen.
Amen