Botschaften des Lebens aus Gaza

Eigentlich sollte die katholische Kirche zur Heiligen Familie in Gaza zum Pilgerort erklärt werden. Es gibt nämlich nur wenige Orte, an denen christliche Hoffnung so eindrücklich gelebt wird.

Kirche zur Heiligen Familie in Gaza
Dass sie noch steht, grenzt an ein Wunder: Kirche zur Heiligen Familie in Gaza

Knapp 500 Menschen leben hier zusammen und hoffen, dass sie den Wahnsinn überleben, welchen das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 und der anschließende Krieg Israels ausgelöst haben. Familien mit Kindern und Teenagern, Alleinstehende, Senioren und Menschen mit Behinderung. Die Häuser, in denen sie vorher gelebt haben, gibt es nicht mehr. Und an einen anderen Ort können sie nicht. Der Gaza-Streifen ist trotz Waffenruhe noch immer einer der tödlichsten Orte. Jeden Tag kommen Menschen um durch Drohnen oder Bomben.

Um die Kirche herum steht kaum noch ein Haus

Die Gemeinschaft der 500 weiß, was Hoffnungslosigkeit bedeutet. Um die Kirche herum steht so gut wie kein Haus mehr. Früher war das Viertel Zeitoun wegen seiner Märkte und Geschäfte ein belebtes und beliebtes Ziel für die Gazaer. Heute liegt alles in Trümmern wie so viel im Gaza-Streifen. Alle, die auf dem Kirchengelände leben, haben seit dem 7. Oktober 2023 Menschen verloren: Eltern, Kinder, Angehörige, Nachbarn, Freunde, Kollegen. Sie trauern. Sie haben Angst.

Zwei Frauen, die Zuflucht auf dem Gelände gesucht hatten, wurden Ende 2023 von israelischen Scharfschützen erschossen. Drei weitere starben im Artilleriefeuer im Sommer 2025. Immer wieder gab es Zeiten, in denen nicht klar war, ob es noch genug zu essen oder zu trinken gibt. Von Medikamenten für chronisch Kranke ganz zu schweigen. Manche starben, weil sie medizinisch nicht versorgt werden konnten. Die meisten Krankenhäuser in Gaza sind zerstört.

Und dann ist da diese unendliche Perspektivlosigkeit. Welche Zukunft hat Gaza? Welche Zukunft hat die kleine christliche Gemeinschaft? Anfang der 2000er Jahre lebten noch 3500 Christen in dem Küstenstreifen. Heute sind sie weniger als 1000. Neben der katholischen Kirche zur Heiligen Familie gibt es noch die griechisch-orthodoxe Sankt-Porphyrios-Kirche, die ebenfalls zum Zufluchtsort für Christen geworden ist. Wird es in zehn, zwanzig Jahren überhaupt noch Christen in Gaza geben?

Dass die kleine katholische Kirche noch steht, grenzt an ein Wunder. Vielleicht ist es dem Vatikan zu verdanken, dass es sie überhaupt noch gibt. Denn immer wieder haben Papst Franziskus und sein Nachfolger Leo sich direkt eingeschaltet und bei der israelischen Regierung den Schutz der Kirche angemahnt. Und sie hielten und halten direkten Kontakt zur Gemeinde. Dass Priester Gabriel Romanelli aus Argentinien stammt, verband ihn mit Papst Franziskus. Fast täglich rief der im April 2025 verstorbene Pontifex in Gaza bei seinem Landsmann an und erkundigte sich nach dem Wohl der Menschen vor Ort. Ein Video, das wenige Tage vor dem Tod Franziskus’ viral ging, zeigt den bereits sehr geschwächten Mann in Rom im heiteren Smalltalk mit Romanelli. Der Video-Anruf wurde auf eine Leinwand vor der Kirche übertragen und die Menschen drumherum skandieren und jubeln Franziskus zu wie einem Popstar.

Kirche zur Heiligen Familie in Gaza, Innenraum
Jeden Sonntag wird in der Kirche zur Heiligen Familie Gottesdienst gefeiert

Es sind diese kleinen Momente, in denen deutlich wird, dass Kirche so viel mehr ist als ein Ort, an dem jeden Sonntag Gottesdienst gefeiert wird. Glücklich darf sich schätzen, wer an diesen Momenten teilhaben kann. Das Internet macht es möglich, dass man am Leben in der Kirche zur Heiligen Familie teilnehmen kann. Im Kirchenraum haben sie nämlich eine Kamera aufgestellt, die filmt, was dort jeden Tag passiert. Ausschnitte davon werden über die sozialen Medien verbreitet. Da kniet ein etwa zehnjähriger Junge umgekehrt in einer der Bankreihen, beugt sich konzentriert über ein Schulheft und macht seine Aufgaben. Ein paar Reihen weiter vorne sitzt eine Frau still mit einem Gebetbuch in der Hand. Auf der anderen Seite des Gangs liest eine Nonne einem kleinen Mädchen leise etwas vor. Links vor dem Altar steht ein Rollstuhl mit einem älteren Herrn, der sinnierend die Fresken im Chorraum betrachtet mit Christus und dem Opferlamm in der Mitte. Das alles neben- und miteinander in einer Kirche.

Wer der Gemeinde über einen längeren Zeitraum folgt, kennt die Gesichter der Menschen irgendwann, den jungen, hochgeschossenen Jugendlichen zum Beispiel, der am Sonntag in der Messe als Ministrant Dienst tut; oder die kleine, ältere Frau, die immer schwarz gekleidet ist und so unendlich traurige und müde Augen hat.

Manchmal kann man auch Videos in den sozialen Medien finden, in denen Pater Romanelli mit den Kindern und Jugendlichen etwas spielt. Oder singt. Dona Nobis Pacem zum Beispiel, im Kanon. Oder es wird Geburtstag gefeiert, mit dem, was man noch hat. Es sind kleine Botschaften des Lebens, ohne viele Worte.

Und es gibt auch Videos, in denen Detonationen zu hören sind, mal ganz in der Nähe, mal weiter weg. Nur wenn sie ganz nah sind, kommt Unruhe bei den Menschen in der Kirche auf. In der Regel legt sich das aber schnell wieder. Man hat gelernt, dass man im Zweifelsfall nur wenig tun kann, dass das eigene Leben in Gottes Hand ist.

Vielleicht ist es genau diese Botschaft, die von den Menschen in der Kirche zur Heiligen Familie in Gaza in alle Welt ausgeht: Auch im schlimmsten Krieg und in der größten Zerstörung liegt unser Leben in Gottes Hand.

Wer am Leben der Gemeinde in Gaza virtuell teilhaben möchte, kann dies über die sozialen Medien tun: https://www.facebook.com/holyfamilychurchgaza

Katja Dorothea Buck

Fürbitte

Gott, wir legen Dir die Menschen ans Herz,
die beinahe alles verloren haben,
nur nicht das letzte bisschen Leben.

Sie teilen miteinander das Wenige,
was sie haben,
sie sind versehrt, aber geben sich gegenseitig Kraft.

Sie kommen zusammen in Hunger und Gebet
und halten sich an Dich und Deine Worte,
inmitten von Chaos, Ruinen und Hoffnunglosigkeit.

Wir bitten Dich, Gott des Lebens:

Schau auf Deine Kinder,
gib‘ und ihnen Boden unter die Füße
und Licht vom Himmel,
dass sie nicht aufgeben,
dass sie wieder ins Leben kommen,
in das Du sie gerufen hast.

Amen