Die Presbyterianische Kirche in Kuba inmitten von Zerfall und Krise

In Zeiten existenzieller Not wandelt sich die Bedeutung eines Gotteshauses grundlegend: Von einem Ort gottesdienstlicher Zusammenkunft wird es zu einem lebenswichtigen Heimatort und Zufluchtszentrum. In Kuba, das derzeit eine der schwersten Energie- und Versorgungskrisen seiner jüngeren Geschichte erlebt, reagieren Gemeinden auf die schwierigen Lebensumstände, indem sie ihre Präsenz als „Lichtpunkte“ in einer wortwörtlich dunkel gewordenen Gesellschaft neu definieren. Wenn das öffentliche Netz zusammenbricht, Lebensmittel verderben und sauberes Wasser knapp wird, werden Kirchen zu Orten der Stabilität, Hoffnung und Gemeinschaft. Inmitten von Zerstörung – durch Naturkatastrophen, durch den wirtschaftlichen Niedergang infolge der Auswirkungen des US-Embargos oder aufgrund staatlicher Fehlsteuerungen – verändert sich die Rolle der Kirche zunehmend hin zu einer Infrastruktur der Nächstenliebe und wird zum Zufluchtsort für Bedrängte.

Die Primera Iglesia Presbiteriana im historischen Zentrum von Havanna
Inmitten verfallender Gebäude und prekärer Lebensverhältnisse: die Primera Iglesia Presbiteriana im historischen Zentrum von Havanna

Die christliche Präsenz, insbesondere die der Presbyterianisch-Reformierten Kirche in Kuba (IPRC), ist historisch tief verwurzelt. Die Kirche wurde 1890 durch nordamerikanische Missionare gegründet und 1967 nach der Revolution eigenständig, nachdem zahlreiche Geistliche das Land verlassen hatten. Heute zählt sie etwa 5000 bis 7000 Mitglieder in 32 Gemeinden. Durch ihre sozialen und diakonischen Angebote erreicht sie jedoch weit mehr Menschen. In einem politischen System mit eingeschränkten Freiheitsrechten und staatlicher Kontrolle gesellschaftlicher Aktivitäten gehören Kirchen zu den wenigen Räumen, in denen Gemeinschaft, Solidarität und praktische Hilfe erfahrbar werden.

Kirchen als Orte des Widerstands gegen die Hoffnungslosigkeit

Die Gemeinden befinden sich häufig in einem Umfeld des physischen und sozialen Verfalls.

In Havanna steht die Primera Iglesia Presbiteriana im historischen Zentrum inmitten verfallender Gebäude und prekärer Lebensverhältnisse. Pastor Alison Infante begegnet dort Menschen, die täglich um ihre Versorgung kämpfen müssen.

Im Stadtteil Marianao leitet Pastor Jorge eine Missionsgemeinde, deren Gebäude durch einen Hurrikan schwer beschädigt wurde. Trotz zerstörter Fenster und schwieriger Bedingungen bleibt die Kirche ein wichtiger Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche. Die anhaltende Auswanderungswelle hat in den vergangenen Jahren mehr als eine Million Menschen zur Emigration bewegt und viele Gemeinden vor große Herausforderungen gestellt.

Im Stadtteil Guanabacoa betreut Pastor Yoelkis Sierra eine Gemeinde, die mit dem „Ministerio Bíblico Infantil“ einen inoffiziellen Kindergarten unterhält. Da der Staat das Bildungswesen weitgehend kontrolliert, bewegt sich dieses Engagement in einer Grauzone. Zugleich wird es vielfach geduldet, weil die Kirche Aufgaben übernimmt, die staatliche Stellen nur noch eingeschränkt leisten können.

Im Stadtteil Guanabacoa (Havanna) unterhält eine Gemeinde einen inoffiziellen Kindergarten
Die Missionsgemeinde im Stadtteil Mariano ist ein wichtige Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche

In Matanzas liegt die Gemeinde El Redentor symbolträchtig zwischen einem Kino mit dem Slogan „Patria o Muerte!“ und dem Sitz der Kommunistischen Partei. Dort bietet Pastorin Anais Moda Linares Frauen, älteren Menschen und Bedürftigen Frühstück, Gemeinschaft und seelsorgliche Begleitung an. Während politische Parolen vom Fortschritt sprechen, prägen im Alltag vieler Menschen Stromausfälle, Versorgungsengpässe und Unsicherheit das Leben.

Die neue Bedeutung des Gotteshauses: Energie und Identität

Die Installation von drei Solaranlagen durch das GAW auf Kirchendächern, etwa in Havanna, Cárdenas und Guanabacoa, ist weit mehr als eine technische Maßnahme. Die Kirchen werden zu Versorgungszentren: Hier können Nachbarn Mobiltelefone und Lampen aufladen, Wasser wird aufbereitet und Mahlzeiten für Bedürftige werden zubereitet. Die Gemeinden verstehen ihre soziale Hilfe nicht als Ersatz staatlicher Strukturen, sondern als Ausdruck ihres christlichen Glaubens und ihrer Verantwortung für die Menschen in ihrer Nachbarschaft.

Zugleich bewahren diese Orte Würde, Gemeinschaft und religiöse Identität. Einschränkungen kirchlicher Arbeit, etwa durch erschwerte Geldtransfers, die nur durch persönliche Übergabe möglich sind oder die Überwachung religiöser Aktivitäten, können die Ausübung der Religionsfreiheit erheblich beeinträchtigen. In Kuba ist kirchliches Leben für viele Menschen eng mit sozialem Überleben verbunden.

Heimatorte gegen die Ausweglosigkeit

Die presbyterianischen Gemeinden sind Heimatorte im tiefsten Sinne des Wortes. Sie bieten eine geistliche und zugleich ganz praktische Heimat, wenn Wohnungen verfallen und Zukunftsperspektiven schwinden. Ein Gemeindemitglied sagt: „Dass ihr hier seid, schenkt uns Hoffnung und Mut, zu bleiben.“

In einer Situation, in der viele Menschen nur noch die Auswanderung als Ausweg sehen, werden diese Kirchen zu sichtbaren Zeichen christlicher Hoffnung, denn sie bewahren Gemeinschaft, Würde und Glauben.

Enno Haaks

Fürbitte

Barmherziger Gott,
wir bitten dich für die Menschen in Kuba,
die unter Stromausfällen, Mangel und Unsicherheit leiden:
Schenke ihnen Kraft für den Alltag,
Hoffnung in schwierigen Zeiten und Menschen, die ihnen beistehen.

Wir bitten dich für die Gemeinden und ihre Mitarbeitenden,
die ihren Glauben oft unter schweren Bedingungen leben:
Segne ihren Dienst,
bewahre sie in ihrem Einsatz für andere
und lass ihre Kirchen Orte des Trostes, der Gemeinschaft und des Lebens sein.

Wir bitten dich für die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft:
Öffne Wege zu Gerechtigkeit, Frieden
und einer besseren Zukunft für alle Menschen in Kuba.

Lass dein Licht dort leuchten,
wo Dunkelheit und Resignation herrschen,
und stärke alle, die auf deine Hilfe vertrauen.

Amen.