Pilgerort für den Wunsch nach Frieden

Wie kaum eine andere Kirche stehen die Ruinen der alten Georgskirche in Taybeh für die Kontinuität christlicher Präsenz in Palästina. Mittlerweile ist sie aber auch Symbol für deren Fragilität geworden. Im Sommer 2025 hatten radikale Siedler Feuer unweit der Kirche gelegt.

Ruine der alten Georgskirche in Taybeh, Palästina
Eine der ältesten Kirchen in Palästina: Die Ruinen der Kirche zum Heiligen Georg in Taybeh stammen aus dem 5. Jahrhundert.

Die Kirche zum Heiligen Georg in Taybeh nördlich von Ramallah stammt aus dem 5. Jahrhundert. Erbaut im byzantinischen Stil gibt es nur wenige Kirchen im Nahen Osten, die älter sind als sie. Wann genau sie ihr Dach verlor und peu à peu zur Ruine verfiel, ist nicht belegt. Vermutlich wurde sie nach der Kreuzfahrerzeit Ende des 13. Jahrhunderts von der lokalen Gemeinde aufgegeben. Vielleicht war es auch ein Erdbeben, das die einheimischen Christen zwang, sich für ihre Gottesdienste eine neue Kirche zu bauen.

Heute jedenfalls werden ihre Ruinen auf dem Hügel über der Stadt, von dem aus man einen grandiosen Blick bis zum Toten Meer hat, in jedem Palästina-Reiseführer als „Highlight“ geführt. Nur leider kommen seit Jahren so gut wie keine Touristen mehr in das letzte rein christliche Dorf im Westjordanland. Erst stoppte Corona den Tourismus, dann verübte die Hamas ihr grausames Massaker an 1200 Menschen in Israel. Mittlerweile hat der Gaza-Krieg unzählige Menschen das Leben gekostet und den gesamten Nahen Osten ins Chaos gestürzt.

Wer Abuna Jack Nobel durch Taybeh begleitet, versteht schnell, dass die alte Georgskirche mehr ist als ein byzantinisches Relikt. Der griechisch-katholische Priester zeigt auf leerstehende Häuser rund um die Kirche – ein leiser Hinweis darauf, wie fragil die christliche Präsenz im Westjordanland geworden ist.

Das christliche Erbe ist bedroht

Die Besitzer der Gebäude leben längst im Ausland. Die Gründe, Taybeh zu verlassen, sind vielfältig. Seit 1967 leben die Menschen im Westjordanland unter israelischer Besatzung. Wirtschaftlich ist das Dorf mit seinen rund 1000 Einwohnern abhängig vom Tourismus. Doch was, wenn die nicht mehr kommen? Auch vom Wein- und Olivenanbau, für den Taybeh regional bekannt ist, können die wenigsten noch leben. Das Ackerland, das zum Dorf gehört, wird mittlerweile zu weiten Teilen von jüdischen Siedlern beansprucht. Unter Drohungen und mit Gewalt treiben sie ihre Herden auf die Felder und in die Gärten und lassen ihre Ziegen und Schafe alles abfressen, was vorher angepflanzt wurde.

Im Sommer 2025 rückte Taybeh plötzlich in die internationalen Schlagzeilen. Israelische Siedler hatten wieder einmal Autos und Felder in Brand gesetzt. Dieses Mal reichten die Flammen bis an die Ruinen der Georgskirche. Die Welt verstand, dass hier christliches Erbe bedroht ist. Die christliche Gemeinschaft im Westjordanland ist klein geworden, weniger als 40.000 Menschen. Taybeh ist seither zum Pilgerort für kirchliche und politische Delegationen aus aller Welt geworden. Der amerikanische Botschafter Mike Huckabee kam, ebenso der deutsche Außenminister Johann Wadephul, der hier erstmals öffentlich vom Terror durch Siedler sprach.

In den Ruinen der Georgskirche wirkt Taybeh allerdings friedlich und gesammelt. Unter freiem Himmel steht ein schlichter Altar. Mehrmals im Jahr feiern hier die griechisch-katholischen, römisch-katholischen und griechisch-orthodoxen Dorfbewohner ökumenische Gottesdienste. „Wir sind eine Kirche, die sich in drei Gemeinden aufteilt“, sagt Abuna Jack. Nicht nur Gottesdienste würden sie zusammen organisieren. Auch die Nothilfe für Bedürftige, von denen es immer mehr gibt, verteilten sie gemeinsam. Selbst Ostern und Weihnachten würden sie in Taybeh gemeinsam feiern, obwohl die drei Konfessionen unterschiedlichen Kirchenkalendern folgen. Weil die Orthodoxen in der Mehrheit sind, richte man sich diesbezüglich nach ihnen.

Von den Ruinen aus reicht der Blick weit ins Land. Abuna Jack nennt die Namen der umliegenden Dörfer: Kafr Malik, Deir Jarir, Silwad, Ein Yabrud ... fünfzehn muslimische Dörfer sind es insgesamt, die Taybeh umgeben. Man pflege mit ihnen ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis, sagt der Geistliche. Viele muslimische Kinder besuchten die christlichen Schulen und Kindergärten im Ort. Man vertraue einander.

Die Kirche, ein verbindendes Symbol

Die Georgskirche ist für alle ein verbindendes Symbol. Die Palästinenser nennen sie „Al-Khidr“ nach einer mystischen Figur, die in der christlichen Tradition als der Drachentöter Georg verehrt wird und in der islamischen Tradition als Mystiker und Prophet. Al-Khidr ist gewissermaßen der Nationalheilige der Palästinenser.

Junger Olivenbaum in Taybeh, Palästina
Junge Olivenbäume als Zeichen des Friedens

Auf dem Weg zum Friedhof unterhalb der Kirche sieht man die Spuren der Siedlergewalt. Dort, wo das Gras noch schwarz ist, stehen jetzt junge Olivenbäume, welche die ausländischen Delegationen gepflanzt haben. Kleine Zettel weisen sie als „Zeichen des Friedens“ aus. Fragt sich nur, wann dieser Frieden endlich beginnen darf und ob es dann noch Christen in Taybeh gibt.

Katja Dorothea Buck

Fürbitte

Gott, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist.

Lass die Menschen in Taybeh spüren,
dass Du auch bei ihnen wohnst,
inmitten von Angst und Gewalt,
die sie umgibt.

Lass sie spüren, dass sie nicht vergessen sind,
nicht von der Welt und nicht von Dir.

Schütze sie und ihr Zuhause.

Gebiete Du den Angreifern Einhalt,
und gib‘ Einsicht, dass wir nur gemeinsam bestehen können.

Amen