Bildung als Widerstand
Die Ekklesiyar Yan’uwa/EYN (Kirche der Geschwister) entstand im 20. Jahrhundert im äußersten Nordosten Nigerias durch amerikanische und schweizerische Missionsarbeit. Heute ist sie die größte Kirche im Nordosten und auch in allen anderen Teilen des Landes verbreitet. Offiziell sind 691 Kirchspiele mit vielen Gemeinden registriert. Millionen Mitglieder feiern sonntäglich Gottesdienst, Sonntagsschule, Bibelstunden. Ein großer Teil von ihnen ist in Chören organisiert, die mit ihren Liedern und Tänzen jeden Gottesdienst mitgestalten.
Diese glaubens- und lebensfrohe Gemeinschaft wird seit 2009 stark von der islamistischen Terrorgruppe „Boko Haram“ und seit einigen Jahren auch von ISWAP (Islamischer Staat in der Provinz Westafrika) bedroht und terrorisiert. Bis heute wurden 1221 Kirchgebäude überfallen, 569 davon völlig zerstört. Zehn Pfarrer und 1875 Gemeindeglieder verloren ihr Leben durch Angriffe der Terroristen. Zigtausende mussten ihre eroberten Dörfer verlassen und leben als Binnenflüchtlinge, teils in Lagern, teils bei Verwandten.
Tausende Frauen und Mädchen wurden entführt und in Boko Haram Lagern zu Sklavenarbeit gezwungen und vergewaltigt. Besonders die 276 Schülerinnen aus Chibok, die 2014 aus ihrer Schule entführt worden, sind bekannt geworden.
Ihr Schicksal teilen aber Tausende andere auch. Viele Frauen, die durch die Ermordung ihrer Männer zu Witwen wurden, haben sich in Vereinen zusammengeschlossen. Einen dieser Vereine unterstützt seit 12 Jahren der deutsche Verein Widows Care e.V., den 10 Pfarrerinnen in Mainz gegründet haben. Ging es zunächst um das Überleben der Witwen ohne Haus und Hof und Mann und um die Ausbildung ihrer Kinder, so sind inzwischen daraus lebendige Gemeindegruppen geworden, die sich in ihren Kirchen und für die ärmsten und verwundbarsten Menschen einsetzen.
Sie sagen heute: Wir können „Boko Haram“ nicht bekämpfen, aber wenn diese Gruppe sagt „Bildung ist Sünde“ (so die sprichwörtliche Übersetzung des Namens), dann ist unser Widerstand, dass wir uns nun erst recht für Bildung einsetzen. Sie haben Kindergärten organisiert und Grundschulen gegründet.
Trotz der nun schon seit fast 20 Jahren andauernden ständigen Bedrohung durch Terroristen und der schwierigen ökonomischen Situation in dieser Unsicherheitszone wächst die Kirche und neue Gemeinden gründen sich.
Den Mut und die Kraft dafür erfahren die Menschen Sonntag für Sonntag in ihren Gottesdiensten. Die dauern oft länger als drei Stunden, weil viele der Gemeindegruppen sie mitgestalten.
Die Gruppen - Frauenchor, Männerarbeit, Jugendchöre, Scouts und andere - treffen sich unter der Woche, besprechen ihre jeweilige Situation und entwickeln daraus Lieder und Gebete, die sie am Sonntag im Gottesdienst mit der Gesamtgemeinde teilen. Dabei steht am Beginn immer der Dank an Gott für das Leben und für die Kirche, in der sie Gottes Nähe, Gemeinschaft, Hilfe und Stärkung erfahren. Danach kommen die Klagen über die Verfolgung und Bitten um Hilfe und Gottes Eingreifen, den Terror zu stoppen. Mit kräftigen Liedern und Tänzen werden die Bitten verstärkt und für die Opfer Geld gesammelt.
Wer diesen Gottesdienst miterlebt hat, geht ermutigt und gestärkt die Aufgaben der neuen Woche an.
Renate Ellmenreich
Fürbitte
Gott, wie danken dir,
dass dein Wort unsere Geschwister in Nigeria im Glauben stärkt und für ihr Leben ermutigt.
Wir bitten dich für alle entführten Frauen und Mädchen:
Hilf ihnen durchzuhalten, bewahre sie vor Hunger und Gewalt.
Stärke allen Kräften den Rücken,
die sich für ihre Freilassung kämpfen
und für eine Beendigung des Terrors engagieren.
Hilf uns, die Menschen zu unterstützen,
die sich für das friedliche Leben aller Menschen in Nigeria
in Freiheit und Würde einsetzen.
Amen