„Please return – was gibt Kraft für den Weg?“ Predigt zum Erntedank

Prälatin Dr. Anne Gidion, Bevollmächtigte des Rates EKD bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union in der Kulturkirche St. Matthäus, Berlin

Mit der Speisung der Viertausend, wie sie im Markusevangelium erzählt wird, stärkt Jesus die Menschen. Und zwar nicht nur für den Moment: Jesus kümmert sich um Stärkung für den Weg. Weil einmal essen nicht reicht. Weil es substanzielle, tiefgreifende Stärkung braucht, um weiterzugehen.

Auch heute sind die Menschen hungrig nach gutem Wort, nach Weisung, nach Wegzehrung in unübersichtlicher Zeit und in einer Welt in Unordnung. Wie kann sich Stärkung in diesen Zeiten vollziehen? Zum Beispiel durch ein Hoffnungsfest, wie es eine Woche vor der Landtagswahl in Dessau stattgefunden hat. Ein Fest ändert nichts an den Ursachen für Hunger jeder Art. Aber es gibt Kraft für den Weg und ist ein Anfang, miteinander zu sprechen und zu teilen.

Gesamttext der Predigt

Liebe Gemeinde,

ich bin heute Mittag schon einmal in dieser Kirche gewesen. Die freundliche Kollegin vom Tresen hat mir erzählt, was ich gehört hatte, aber fühlen wollte: vierhundert Millionen Jahre vom Sonnenaufgang bis zum Dunkel. Dies Stück Stein. Gefunden auf den Lofoten. Bearbeitet. Aufgeschnitten und poliert. Ich durfte mich auf den Stein legen. Fühlen, was so tiefenschön aussieht auf der geschliffenen Seite. Druck, chemische Prozesse, und vor allem Zeit, Zeit, Zeit. Gestein gewordene Dauer – hier mitten in der Kirche. Was für eine phänomenale Idee, dieses Stück Zeit hierher zu holen.

Und zu all dem Unbeweglichen kommt Dynamik. Komm! Oder auch: Hilf! Oder: Please return – komm zurück! Das Schild, das klein und unscheinbar im Altarraum hängt: Please return. Zugerufen, während jemand hinter der Tür zu einem Krankenhausflur verschwindet? Auch dies Teil des Raumes, projiziert, Anfang von Gesundwerden oder Anfang vom Weg auf die andere Seite?

Und am Rande die Pandemiekunst „one day more“, jeden Tag ein Bild – auch dies gehaltene, dokumentierte Zeit.

Dazwischen wir. Und eine Geschichte aus dem Markusevangelium.

Eine dieser Geschichten, die um die Frage kreisen: Wer ist dieser Jesus? Jemand, der heilt und teilt. Sich anrührend lässt im Herz und am Mantel.
Berührung mit ihm macht satt und heil. Und dann?

An diesem Erntedanksonntag mit dieser Markuserzählung in diesem Raum mit dem Stein und dem Ruf und der Tür ruft ein Vers besonders ins Jetzt.

Noch einmal die ganze Geschichte in etwas anderer Übersetzung:

1 In jenen Tagen, als wieder eine große Volksmenge (da) war und sie nicht(s) hatten, was sie essen konnten, sagt er, nachdem er die Jünger zu sich gerufen hat, zu ihnen: 2 „Ich habe Mitleid mit der Volksmenge, weil sie schon drei Tage bei mir bleiben und nicht(s) haben, was sie essen können.

3 Und wenn ich sie hungrig nach Hause gehen lasse, werden sie auf dem Weg zusammenbrechen. Denn einige von ihnen sind von weither da.“

4 Und seine Jünger antworteten ihm: „Wie wird man diese hier in der unbewohnten Gegend mit Brot satt machen können?“ 5 Und er fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr?“ Und die sagten: „Sieben.“ 6 Und er befiehlt der Volksmenge, sich (zum Mahl) auf der Erde zurückzulehnen.

Und nachdem er die sieben Brote genommen, gedankt hatte, brach er (sie) und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie vorsetzten, und sie setzten sie der Volksmenge vor. 7 Und sie hatten wenige Fischchen. Und nachdem er sie gesegnet hatte, sagte er, dass sie auch diese vorsetzen sollten. 8 Und sie aßen und wurden gesättigt, und sie räumten die Überreste an Stücken in sieben Körbe ein. 9 Es waren aber etwa Viertausend. Und er ließ sie gehen.

Wenn ich sie hungrig nach Hause gehen lasse, werden sie auf dem Weg zusammenbrechen.

Die Forschung geht davon aus, dass Markus ungefähr im Jahr 70 nach Christus schreibt (da gab es unseren Stein schon unzählbar lange). Der Tempel in Jerusalem ist zerstört, Jesus ist schon seit fast zwei Generationen tot. Die Jesusbewegung wird verfolgt, es gilt, zusammenzuhalten. Aber die Leute haben Fragen, murren, lassen sich nicht vertrösten. Immer wieder fragen sie: Wer war das eigentlich? Woher weißt Du, dass wir uns auf ihn verlassen können? Wo soll die Kraft herkommen zum Weitermachen? Kurz: Wer ist das eigentlich, dieser Jesus?

Und anders als Paulus, der Briefe schrieb und Theologie entwickelte von Kreuz und Gnade und Vergebung, erzählt Markus Wirkungsgeschichten. Also Geschichten von dem, was Jesus bei Menschen ausgelöst hat. Bei Einzelnen, bei Kranken, aber auch bei ganzen Menschenmengen, so wie hier.

Wie er sie stärkt – und zwar nicht nur in dem Moment: ein Picknick, ein Event, einmal wieder sattessen, und morgen ist dann morgen. Jesus kümmert sich um Stärkung für den Weg – damit die Menschen nicht zusammenbrechen. Weil einmal essen nicht reicht. Weil es substanzielle, tiefgreifende Stärkung braucht, um auf dem Weg weiterzugehen. Das ist mehr als Pragmatik, Jesus ist gerührt von den hungrigen Menschen, das Verb aus Vers 2 beschreibt tief in den Eingeweiden liegendes Mitleid (σπλαγχνίζομαι). Und es rührt ihn auch, dass die Leute „bei ihm bleiben“ – da und nur da nimmt Markus dieselbe Formulierung wie später im Garten in Gethsemane – „bleibet hier und wachet mit mir“ – was die Jünger in Gethsemane nicht schaffen, und was die Menge hier aber tut. Wie eine Gemeinde, hungrig nach gutem Wort, nach Weisung, nach Wegzehrung in unübersichtlicher Zeit und in einer Welt in Unordnung.

Wo kommt die Stärkung her für den Weg?

Eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt (vor fünf Wochen also) gab es ein Fest. Ein Hoffnungs-Kultur-Fest in Dessau auf dem Marktplatz.

Die evangelische und katholische Kirche haben sich zusammengetan mit Kulturinstitutionen im Land, mit Künstlerinnen und Posaunenchören, Bauhaus und Landesjungendpfarramt, Sänger und Moderatorin - lauter Menschen, die in diesen Wochen gefragt haben und weiter fragen: Wie kann man etwas tun gegen all die Gefühle, die so unversöhnlich scheinen in dieser Zeit? Die Gefühle: Die da können es nicht. Oder: Ich habe nicht genug, alles ist zu teuer. Oder: Warum Mitleid haben und andere aufnehmen, wir haben doch selbst grad nicht genug. Oder: Wir zeigen es den anderen jetzt mal. Jetzt erst recht. Wenn sie uns nicht lieben, sollen sie uns wenigstens hassen. Ein Durcheinander an Gefühlen, angeheizt von Profis der dunklen Erzählungen. Angeheizt von den besten Werkzeugen für Propaganda: ein paar Halbwahrheiten, gewürzt mit etwas Lüge, dazwischen fünf schlechte Beispiele und eine Siegeserzählung ohne Empathie, aber mit Stärke.

In solcher Zeit ein Fest zu planen, ist nicht einfach. Wo sollen die Leute herkommen, wenn so viele Steine herumliegen, wo soll das Brot herkommen für viele, woher die Kraft - und ist das nicht gefährlich auf einem Platz ohne Grenzen. Was ist, wenn es regnet, wenn keiner kommt, wenn die anderen da mittendurch marschieren. Wenn der Wind die Zelte umweht. Wenn die Kletterwand nicht aufgestellt werden darf für die Kinder.

Am Ende kamen über 2000 Menschen aus allen Teilen des Landes. Aus der Umgebung und aus der Stadt, aber auch aus Stuttgart, Dresden und Hannover, aus den Dörfern. 125 Tische – gedeckt von Gästen und Gemeinden, Bratwurst, Brötchen und Eintopf für alle und Weintrauben und Brot zu seinem Gedächtnis. Ich weiß nicht, wie viele Bratwürste übrigblieben und wie viele Kinderschminkstifte und Körbe mit Brot. Aber die weggingen, hatten ein Lied auf den Lippen (Herr, bleibe bei uns!) und einen lila Hut dabei und das Gefühl: Wir sind nicht allein, Mut haben lohnt sich und gibt Kraft für den Weg.

Wie man in Sachsen-Anhalt sehen kann – ein Fest löst nicht die Ursachen für den Hunger. Aber es gibt Kraft für den Weg und ist der Anfang, miteinander zu sprechen und zu teilen, anstatt allein in den Steinen und Trümmern der Geschichte herumzustehen.

Erfahrungen aus Simbabwe

Ein Blick noch über die Grenzen dieses Landes: Mitte September habe ich in Simbabwe auch erlebt, was Kirche sein kann. Wir haben dort mit Brot für die Welt Projektpartner besucht. Die unter den schwierigen Bedingungen eines autokratischen Systems mit dazu beitragen, Menschen in ihrer Würde, ihrer Sicherheit und ihrer Selbstwirksamkeit zu stärken. Auf dem Weg zum gültigen Pass. Zur Entschädigung für unrechtmäßig beschlagnahmtes Land. Für die Rechte von Frauen und Mädchen auf Ausbildung und Schule. Im Südwesten des Landes gab es in den 80er Jahren nach der Unabhängigkeit der ehemaligen britischen Kolonie Rhodesien einen brutalen Bürgerkrieg zwischen den beiden Parteien, die jeweils das Land regieren wollten. Tausende Menschen wurden durch die überlegene Regierungspartei grausam abgeschlachtet, ein Genozid ohne Recht und Ausgleich und Versöhnung. Gukuharundi Massaker im Matabeleland.

In der Gegend nahmen Jahrzehnte später die psychischen Krankheiten zu – das zeigt die Forschung seit den Nullerjahren. Junge Leute kommen nicht in der Gegenwart an, haben psychosomatische Auffälligkeiten, Familien brechen auseinander.

Zu den Überzeugungen der Menschen dort – fast alle Christen, aber zugleich eng verbunden mit indigenen Kulturen – gehört, dass die Ahnen Ruhe brauchen. Sie müssen bestattet werden, in Würde und an einem bekannten und sicheren Ort. Die verstreuten Knochen der Gukuharundi-Opfer machen die nachfolgenden Generationen zu Ruhelosen, ewig auf dem Weg.

Wir haben ein Projekt besucht, in dem Menschen gemeinsam mit den Chiefs dieser Region versuchen, die Knochen wieder auszugraben, mit Hilfe moderner DNA zuzuordnen und würdig mit den Überlebenden und Nachkommen aus den Familien zu bestatten. Es macht das Unrecht nicht wieder gerecht, aber es bringt Ruhe in die nachfolgenden Generationen und gibt Kraft für den weiteren Weg.

Erntedank – Stärkung für den weiteren Weg

Erntedank – so ein Fest wirkt in der Stadt wie ein Fremdkörper– und hier in der Kulturkirche St. Matthäus stehen ja auch keine Kartoffeln und es hängt keine Erntekrone. Stattdessen dies kleine „please return“ im Altarraum.

Komm zurück, bitte komm. Mich rühren diese zwei Worte – und ich stelle mir vor, wie Jesus sie zu seinen Gästen sagt. Drei Tage war er mit ihnen gewesen. Und er stärkt sie und gibt ihnen Kraft für ihr eigenes Leben. Am Schluss der Geschichte heißt es: Und er ließ sie gehen.

So sind wir hier als Nachkommen aller, die vor uns waren. Nachkommen auch vorchristlicher Zeiten wie in diesem Stein verkörpert. Rau und glatt, naturbelassen und zivilisiert – sind wir und ist der Stein. Mittendrin versuchen wir, Menschen zu sein, andere zu stärken und gestärkt zu werden.

Und innezuhalten in dieser Kirche in aufgescheuchten Zeiten, uns mit unseren Vorfahren zu verbinden und dankbar zu sein für die Stärkung in der Erzählung von dem Jesus aus Nazareth, dessen Herz sich gerührt hat und bis heute rührt immer wieder.

Und der zugleich nicht sagt: legt die Hände in den Schoß, ich mache das für Euch. Sondern der Menschen dazu bringt, zu sammeln für andere, zu nähren, zu glauben und zu lieben.

Und so werden wir uns auch an seinem Tisch versammeln, gleich mittendrin hier zwischen den Steinen und der Kunst, mit Hoffnung und Sehnsucht an seinen Tisch kommen und uns stärken lassen zu seinem Gedächtnis.

Amen.


Die Predigt bezieht sich auf die Ausstellung „four hundred million years of sunrise from the dark“ der Künstlerin A K Dolven in der St. Matthäus-Kirche in Berlin.