Die Kirche will Abschottung Europas nicht hinnehmen

Protestantische Spitzenvertreter laufen Sturm gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik und stellen sich hinter die Seenotretter

Rettungsschiff rettet Flüchtlinge im Mittelmeer

Bootsflüchtlinge im Mittelmeer (Archivbild)

Frankfurt a.M. (epd). Der Protest aus der evangelischen Kirche gegen die europäische Abschottung gegenüber Flüchtlingen wird lauter. Der Migrationsexperte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Manfred Rekowski, äußerte sich entsetzt über die Kriminalisierung humanitärer Rettungseinsätze im Mittelmeer. Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister sagte, „so hoch kann man Mauern und Zäune gar nicht bauen, dass wir verzweifelte Menschen in Not abhalten können, zu uns zu kommen“. Erst in der Nacht durften 67 gerettete Bootsflüchtlinge der „Diciotti“ nach tagelangem Ausharren in Italien an Land gehen.

„Seenotrettung ist nach internationalem Recht eine humanitäre Verpflichtung“, sagte Rekowski.  Der EKD-Migrationsexperte will Anfang der kommenden Woche das von den maltesischen Behörden festgesetzte Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ im Hafen Vallettas besuchen. „Indem europäische Regierungen Seenotrettungseinsätze von Schiffen wie 'Sea-Watch' im Mittelmeer verhindern, erzwingen sie gewissermaßen eine unterlassene Hilfeleistung“, sagte Rekowski.

Verstärkter Einsatz gegen Armut

Mit Nachdruck wies er Vorwürfe zurück, die private Seenotrettung spiele kriminellen Schleusern in die Hände. «Ich bin empört, wie seit einiger Zeit humanitäre Einsätze geradezu kriminalisiert werden», sagte er. „Soll man die in Seenot geratenen Flüchtlinge denn wissentlich ertrinken lassen?“ Der hannoversche Landesbischof Meister mahnte, nicht taub zu werden für die einzelnen Geschichten der Not. Es sei „beschämend“, dass das Humanitätsideal gegenwärtig auf der Strecke bleibe, sagte er der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

Meister rief Politik und Wirtschaft zu einem verstärkten Einsatz auf, um weltweite Armut zu bekämpfen: „Die Alternative wäre, fortwährende Ungerechtigkeit zu akzeptieren, und damit den massenhaften Tod von Menschen.“ Im Internet findet derzeit eine Petition für eine humane Asylpolitik starke Unterstützung. Bis zum Mittag unterzeichneten knapp 35.000 Menschen den Aufruf, der die Kirchen zu einer deutlicheren Stellungnahme auffordert.

Verbale Abrüstung nötig

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, kritisierte einen menschenverachtenden Grundton in der Asyldebatte. Im Bayerischen Rundfunk (BR) sprach er von einem beispiellosen Verfall der Sprache und Sitten. Er forderte eine verbale Abrüstung: „Auch die Menschen, die abgeschoben werden, sind Menschen, geschaffen nach dem Bilde Gottes.“

Mehrere Rettungsschiffe im Mittelmeer konnten in den vergangenen Wochen nicht an den nächstgelegenen Häfen anlegen. Italien verwehrte die Einfahrt, zudem dürfen in Malta Seenotretter nicht mehr auslaufen. Nach tagelangem Ausharren durften 67 gerettete Bootsflüchtlinge in der Nacht allerdings an Land gehen. Staatspräsident Sergio Mattarella hatte mit einer beispiellosen Intervention eine Lösung für das Schiff „Diciotti“ der Küstenwache erzwungen, das im Hafen von Trapani in Sizilien lag.