„Demokratie braucht analoge Begegnungsräume“

Der Sozialpsychologe Harald Welzer über offene Treffpunkte, Zusammenhalt und die Bedeutung des persönlichen Austauschs für die Gesellschaft

Der Sozialpsychologe Harald Welzer setzt sich dafür ein, dass Menschen unabhängig von Herkunft, Alter oder gesellschaftlichem Status zusammenkommen: an Orten wie Kneipen, Vereinsheimen, Bibliotheken oder Kirchen – den sogenannten „Wohnzimmern der Gesellschaft“. Am Rande der EKD-Synodentagung in Würzburg erklärt er im Interview, warum solche Begegnungen für die Demokratie unverzichtbar sind, wie aus einem Gemeindehaus ein offener Treffpunkt werden kann und warum es dafür oft weniger braucht, als man denkt.

Harald Welzer auf der EKD-Synodentagung in Würzburg 2026

Herr Welzer, was ist ein „Wohnzimmer der Gesellschaft“? Was steckt hinter der Idee? 

Harald Welzer: Der grundsätzliche Gedanke ist, dass wir für eine funktionierende Demokratie analoge Begegnungsräume brauchen. In den vergangenen Jahrzehnten sind viele solcher Orte verschwunden. Das betrifft Vereinsheime ebenso wie Kneipen, insbesondere die klassischen Dorfkneipen. Dabei sind diese Orte unglaublich wichtig: Hier können Menschen zusammenkommen, unabhängig von gesellschaftlichen Zuschreibungen, Rollen oder Status. Solche Begegnungen bilden eine wesentliche Grundlage für eine funktionierende demokratische Gesellschaft.

Die „Wohnzimmer der Gesellschaft“ wollen solche Räume schaffen oder wiederbeleben. Das kann ein privates Wohnzimmer sein, das regelmäßig für andere Menschen geöffnet wird. Es können Bibliotheken sein, die ihr Angebot erweitern, oder Kneipen, die von Genossenschaften betrieben werden. Die Möglichkeiten sind vielfältig.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem Menschen zusammengefunden haben, die sich sonst vermutlich nie begegnet wären? 

Da gibt es unzählige Beispiele. Eines davon ist ein Projekt in einem brandenburgischen Dorf. Eine Frau hatte die Idee, eine Küche für alle einzurichten. Daraus entstand eine Art Restaurant – allerdings ohne feste Speisekarte und ohne festes Budget. Menschen kommen zusammen, essen miteinander und lernen sich kennen. Auf diese Weise sind neue Kontakte und Gemeinschaften entstanden.

Das Entscheidende ist: Sobald man solche Räume öffnet, begegnen sich Menschen, die sich sonst nie kennengelernt hätten. So einfach ist das.

Wir vernetzen mit FUTURZWEI auch die verschiedenen „Wohnzimmer der Gesellschaft“ miteinander. Dabei treffen beispielsweise 14-Jährige auf 94-Jährige, die selbst solche Orte gestalten, bislang aber nichts voneinander wussten. Das ist gelebte Begegnung über Generationen hinweg.

Viele Kirchengemeinden verfügen über Gemeindehäuser und Räume, die nicht immer genutzt werden. Wie können sie daraus ein „Wohnzimmer der Gesellschaft“ machen?

Das ist eigentlich ganz einfach: Sie müssen die Türen öffnen. Und zwar regelmäßig. Menschen brauchen Verlässlichkeit. Man könnte beispielsweise sagen: Jeden ersten Sonntag im Monat oder jeden Montag um 17 Uhr ist unser Gemeindehaus geöffnet.

Dann gibt es Kaffee und Kuchen, vielleicht ein kleines Sportturnier oder irgendeine andere Aktivität. Entscheidend ist, worauf die Menschen vor Ort Lust haben und was sie selbst interessant finden.

Das Wichtigste ist aber: Man sollte dem Ganzen keine große programmatische Überschrift geben. Also nicht „Raum für Demokratie“ oder „Raum für Bildung“. Sondern einfach sagen: Wir machen hier das Wohnzimmer unseres Dorfes, unseres Stadtviertels oder unserer Straße auf. Alle können kommen. Und wir öffnen regelmäßig, auch wenn zunächst nur wenige Menschen vorbeischauen.

Was entgegnen Sie einer Kirchengemeinde, die sagt: Wir würden das gerne machen, aber uns fehlen die personellen und finanziellen Ressourcen?

Den Raum haben sie ja schon. Und das ist die Voraussetzung. Mehr braucht es zunächst nicht.

Warum sind gerade analoge Begegnungen so wichtig? Können digitale Räume diese Funktion nicht ebenso erfüllen? 

Wir brauchen analoge Räume, weil in der direkten Begegnung das, was auf einer abstrakten Ebene als Unterschied oder Gegensatz wahrgenommen wird, sehr schnell verschwinden kann. Menschen beginnen, miteinander zu sprechen, und entdecken plötzlich Gemeinsamkeiten. Vielleicht interessieren sich beide für Fahrräder, fürs Gärtnern oder für ein bestimmtes Spiel.

Das passiert im digitalen Raum aufgrund der dort wirksamen Algorithmen und ihrer Verstärkungsmechanismen nicht in derselben Weise. Digitale Räume sind vielfach so gestaltet, dass Menschen eher gegeneinander als miteinander agieren.

Deshalb bin ich überzeugt: Demokratie braucht die unmittelbare Begegnung von Menschen. Sie kann nicht allein im digitalen Raum stattfinden.

Interview: Lisa Schaube