„Wir brauchen Hauptamtliche, die das Ehrenamt gut begleiten"
Die Kirche verändert sich. Vielerorts wird sichtbar, dass Aufgaben nicht mehr selbstverständlich von hauptamtlichen Mitarbeitenden übernommen werden können. Gleichzeitig wächst die Bedeutung der Ehrenamtlichen. Für Svenja Neumann, Gemeindepfarrerin und Referentin bei der Zukunftswerkstatt midi, ist das eine Chance – aber keine, die sich allein durch das Verteilen zusätzlicher Aufgaben lösen lässt.
Svenja Neumann erlebt in Gemeinden sehr unterschiedliche Situationen. In manchen Ortsteilen funktioniere das ehrenamtliche Engagement hervorragend, in anderen werde bereits deutlich, dass sich für bestimmte Aufgaben niemand mehr finde. Der zunehmende Mangel an hauptamtlichen Kräften verschärfe diese Entwicklung. „Manche Gemeinden spüren es noch gar nicht, andere merken schon: Da bewirbt sich niemand.“ Was früher durch Hauptamtliche aufgefangen werden konnte, funktioniere zunehmend nicht mehr.
Damit Ehrenamt nicht zur Überforderung werde, brauche es deshalb eine Kultur, in der auch ein Nein und ein Ausstieg möglich sind. Wer gerade stark durch Familie, Beruf oder andere Lebensbereiche belastet sei, braucht Unterstützung und Ermutigung: „Zieh dich raus. Nimm dir die Zeit, die du brauchst und wenn es dir besser geht, kommst du wieder. Ganz ohne schlechtes Gewissen.“ Für Svenja Neumann ist das keine mangelnde Verbindlichkeit, sondern Wertschätzung. Ebenso wichtig sei, Menschen nicht zu Aufgaben zu verpflichten, nur weil sie gebraucht werden. „Wenn niemand eine Aufgabe übernehmen will, kann es manchmal besser sein, Dinge zu lassen“, sagt sie.
Verantwortung braucht Begleitung
Je mehr Verantwortung Ehrenamtliche übernehmen, desto wichtiger werden aus Sicht der Pfarrerin Qualifizierung und persönliche Begleitung. Schulungen vermittelten nicht nur Wissen, sondern könnten Menschen auch persönlich weiterbringen. Gleichzeitig müsse das Hauptamt den Kontakt halten. Gespräche darüber, was gut läuft, wo Unterstützung gebraucht wird und ob sich die eigene Rolle verändert hat, seien entscheidend.
Svenja Neumann verweist auf das Modell der Ehrenamtskoordinatorin für eine Kirchengemeinde, das sie aus Österreich kennt. Eine solche Person habe das Engagement der Freiwilligen kontinuierlich im Blick und könne Ansprechstelle sein. Auch Ehrenamtsbörsen könnten dabei helfen, Menschen und passende Aufgaben zusammenzubringen. In einigen deutschen Landeskirchen gibt es Ehrenamtskoordinator*innen zumindest schon auf Kirchenkreisebene.
Entscheidend sei allerdings, nicht nur nach Aufgaben zu suchen. „Den Menschen sehen und nicht die Aufgabe“, beschreibt die Theologin ihre Haltung. Kirche profitiere gerade davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten und Blickwinkeln zusammenkommen. Ehrenamt sei deshalb weit mehr als eine Möglichkeit, personelle Lücken zu schließen. Es eröffne Menschen einen Zugang zu Gemeinschaft und könne gerade für Alleinstehende oder Einsame bedeutsam sein: Man bringe ein, was man könne, werde Teil eines Teams und erlebe Gemeinschaft.
Nicht nur verwalten, sondern Glauben teilen
Für Svenja Neumann stellt sich dabei noch eine grundsätzliche Frage: Welche Verantwortung geben Hauptamtliche tatsächlich ab? Geht es nur um Organisation, Veranstaltungen und praktische Aufgaben oder auch um das geistliche Leben der Gemeinde?
Gerade hier erlebt sie noch häufig eine klare Trennung. Das Geistliche werde schnell den Pfarrpersonen zugeschrieben, nach dem Motto: Die kennen sich aus, schließlich hätten sie Theologie studiert. Svenja Neumann hält diese Sicht für problematisch. „Ich sehe keinen Grund, warum etwa nur eine Pfarrperson einen Segen sprechen könnte“, sagt sie und ergänzt: „Nur weil ich Theologie studiert habe, bedeutet das nicht automatisch, dass ich das besser kann oder das eine höhere Bedeutung hat“, unterstreicht sie.
Ehrenamtliche auf Augenhöhe zu beteiligen, bedeute deshalb auch, über Inhalte zu sprechen: über Glauben, Bibeltexte und die Frage, welche Botschaft eine Gemeinde vermitteln wolle. Svenja Neumann wünscht sich daher mehr Räume, in denen Menschen miteinander über ihren Glauben ins Gespräch kommen. „Wir müssen wieder mehr lernen, sprachfähig zu werden“, findet sie. Das zu ermöglichen sei auch eine Aufgabe des Hauptamts.
Neue Formen statt alte Verpflichtungen
Wie Ehrenamt heute funktionieren kann, erlebt Svenja Neumann unter anderem bei „Kirche Kunterbunt“. Das Format ermögliche unterschiedliche Formen der Beteiligung und spreche auch Menschen an, die zuvor noch nie in der Gemeinde aktiv gewesen seien, berichtet sie aus ihrer eigenen Gemeinde. Während zur ersten Veranstaltung rund siebzig Menschen kamen, waren es bei dritten bereits 130 Gäste.
Überschaubare Projekte könnten ein guter Einstieg sein, um neue Ehrenamtliche und engagierte Gemeindemitglieder zu gewinnen, findet Svenja Neumann. Die Vorstellung, dass z.B. ein Kirchenchor über Jahrzehnte hinweg in derselben Form bestehen müsse, funktioniere vielerorts nicht mehr.
Ein Projekt mit klarem Anfang und Ende könne dagegen leichter mit dem eigenen Alltag vereinbart werden. Auch Glaubenskurse seien eine Möglichkeit, Menschen zunächst niedrigschwellig zusammenzubringen. „Ein paar von denen, die einen Glaubenskurs besuchen, bleiben. Das ist schön, aber kein Muss“, erzählt sie.
Dabei müsse Kirche auch bereit sein, eigene Ansprüche und Vorstellungen zurückzunehmen. Beteiligung auf Augenhöhe bedeute, dass nicht immer alles so umgesetzt werde, wie Hauptamtliche es sich vorgestellt hätten. Das hat sie selbst zuletzt erfahren. „Zu unserer Kirche Kunterbunt kam ein Vater, der sich gerne engagieren wollte“, erzählt sie. Sofort habe sie vor Augen gehabt, wie jener Vater mit einer Jungs-Gruppe Stockbrot und Lagerfeuer machen könnte. „Er sagte zu mir, das macht er nicht“, erzählt sie und ergänzt: „Er würde lieber Videos und PR machen“. Im ersten Moment sei das für die Pfarrerin eine kleine Enttäuschung gewesen, hatte sie doch bereits das Bild vor Augen. Doch die Enttäuschung schluckte sie schnell runter und stimmte zu. „Der Mann macht hervorragende Videos und so eine tolle Öffentlichkeitsarbeit“, zeigt sie sich begeistert.
Veränderung braucht Geduld
Dass dieser Wandel nicht alle gleichermaßen mitnehme, verschweigt Neumann nicht. In Veränderungsprozessen gebe es Menschen, die schnell dabei seien, andere gingen mit, und wieder andere könnten oder wollten sich auf Neues nicht einstellen. Gerade langjährig engagierte Gemeindemitglieder dürften dabei nicht aus dem Blick geraten. Viele seien seit Jahren oder Jahrzehnten zuverlässig dabei und hätten Kirche mitgetragen. Veränderung könne für sie besonders belastend sein.
Belastend können die derzeitigen Veränderungsprozesse auch für die Ehrenamtlichen sein, die in den Gremien der Kirchengemeinde, Kirchenkreise und Landeskirchen weitreichende Entscheidungen treffen müssen. Das bedeute oft viel Arbeit und Zeit – und ist belastend, wenn gerade diese Engagierten spüren, dass sie es nicht allen recht machen können. „Diese Spannung ist manchmal nur schwer aufzulösen, bei aller Begleitung und Ermutigung durch andere. Umso dankbarer bin ich für alle, die sich auf unbequeme und herausfordernde Wege begeben, um gute Rahmenbedingungen für kirchliche und diakonische Arbeit zu schaffen.“
Zur Person:
Svenja Neumann ist mit halber Stelle Referentin für Evangelisation und missionale Bildung bei der Zukunftswerkstatt midi und setzt ihren Schwerpunkt im Bereich missionale Bildung. Glaubenskurse und Kleingruppenarbeit sind ihre große Leidenschaft – auch in ihrer halben Gemeindepfarrstelle in Hessen. Zuletzt erschien das von ihr mit verfasste Buch Ehre & Amt in der edition chrismon.
Interview und Text von Franziska Weiß