„Wir vertreten in globaler Hinsicht eine Minderheiten-Position“

Pfarrer Werner Kahl moderierte zahlreiche Begegnungen mit Pfingstgemeinden

Gospelgottesdienst im Afrikanischen Zentrum in Hamburg Borgfelde
Bei den Gospelgottesdiensten im Afrikanischen Zentrum in Hamburg-Borgfelde feiern Menschen aus verschiedenen Gemeinden und Kulturen.

Die etablierten Kirchen können von der Pfingstbewegung manches lernen. Doch es gibt bis heute „irritierende Knackpunkte“ bei den Gesprächen, weiß der Hamburger Pastor Werner Kahl. Er hat viele Begegnungen moderiert.
 

Hamburg. Diskussionen über Wunderheilungen und Kindertaufe, über Homosexualität und die richtige Bibelauslegung kennt der Hamburger Pastor Werner Kahl in- und auswendig. Jahrelang hat er Begegnungen von Pfarrkonventen und Vikariatskursen mit Vertretern der Pfingstkirchen moderiert, meistens als Gäste in der Elim-Gemeinde in Hamburg. Und immer wieder war er erstaunt, wie aufmerksam die Gruppen den Pfingstlern zuhörten: „Es gibt ein großes Bedürfnis, das Gebet und andere spirituelle Elemente bei den Pfingstlern zu entdecken und daraus eigene Formen zu entwickeln“, so der ehemalige Studienleiter an der Missionsakademie der Universität Hamburg.   

Sind die Zeiten, als Vertreter der historisch-etablierten Kirchen und der Pfingstkirchen sich mit Vorurteilen wappneten und voneinander abgrenzten, also vorüber? „Die Atmosphäre bei unseren Begegnungen war nett und freundlich,“ so der 59-jährige Pastor. „Das Interesse war groß.“ Mittlerweile würden auch viele Pfingstler aus Afrika Verständnis für evangelische Positionen wie die Kindertaufe aufbringen, auch wenn sie sie für sich nicht übernehmen können. Doch gebe es weiterhin „irritierende Knackpunkte“, selbst in einer aufgeschlossenen internationalen Pfingstgemeinde wie Elim, sagt Kahl. Das Verständnis der Homosexualität gehöre dazu, ebenso Auslegungsfragen der Bibel. „Pfingstler berufen sich auf einzelne biblische Aussagen, an denen sie nicht rücken wollen. Da steht man dann ein bisschen staunend davor.“

Außerdem gebe es weiterhin Pfingstgemeinden, die ein exklusives Glaubensverständnis pflegen, betont Kahl. „Das macht die Zusammenarbeit schwierig.“ Das Feld der Pfingstbewegung in Deutschland sei aber durchaus vielfältig.

Verständnis für den charismatisch-geprägten Glauben hat auch der Theologe Kahl erst im Laufe von Jahrzehnten entwickelt. „Ich hatte ja als junger Student keine Ahnung von Spiritualität.“ Das änderte sich, als er während des Studiums nach Atlanta in den Vereinigten Staaten zog. Dort knüpfte er engen Kontakt zur „Black Baptist Church“, der Kirche von Martin Luther King, und erlebte die ersten charismatischen Gottesdienste seines Lebens. „Während des Gebets brach eine ältere Frau schreiend neben mir zusammen. Sie war in Ekstase, und ich war total erschrocken. Nach dem Gottesdienst erzählte mir die Frau, dass sie sich sehr stark fühle. Das war typisch für die Gläubigen in der Gemeinde dort.“

Auch die Bedeutung des Gebets lernte Kahl während des Studiums in den Vereinigten Staaten neu einzuschätzen. Bis heute sei er von der Verbindung von charismatischem Glauben und politischem Engagement in Black Churches der USA tief beeindruckt, betont Kahl. Nach seiner Rückkehr Anfang der 90er Jahre wurde er zunächst Vikar in Essen, bis er dann später an die Missionsakademie in Hamburg wechselte und unter anderem Pastoren aus Afrika weiterbildete.

In Deutschland war die Begegnung mit pfingstlerischen Gemeinden zu jener Zeit jedoch schwieriger. „Da war eine Spannung drin, weil einige Köpfe der Bewegung sehr problematisch erschienen“, erinnert sich der promovierte Theologe. „Der große Held der afrikanischen Pfingstgemeinden war Reinhard Bonnke. Der führte in Afrika Evangelisations-Feldzüge durch und inszenierte zahlreiche Heilungen. Heute diskutieren selbst Pfingstler kritisch über ihn.

Doch Kahl öffnete als einer der ersten Landeskirchler die Türen seiner Essener Vikarsgemeinde, als afrikanische Pfingstler einen Ort für ihre Gottesdienste suchten. Und wieder machte er positive Erfahrungen. „Da war keine Enge. Wir wurden nicht genötigt, unseren Glauben zu verändern, sondern wurden so akzeptiert, wie wir sind.“ Allein in Hamburg kenne er die meisten der etwa 100 afrikanischen Pastoren. Kahl arbeitet seit langem eng mit dem Afrikanischen Zentrum in Hamburg-Borgfelde zusammen, wo man unter anderem gemeinsame Gospelgottesdienste feiert.

Die Pfingstbewegung in Deutschland habe einen Generationswechsel hinter sich und sei insgesamt wohl liberaler geworden, bilanziert Pastor Kahl. „Sie vertreten meistens keine verstaubte Theologie mehr, sondern haben durchdachte theologische Positionen. Außerdem setzen sie sich hier und da kritisch mit ihrem missionarischen Erbe auseinander“, so Kahl weiter. Gleichzeitig sei ihr Selbstbewusstsein gewachsen. „Denn das weltweite Christentum ist immer stärker charismatisch geprägt . Da vertreten wir eine Minderheiten-Position.“

Von Sven Kriszio

Coverbild Pfingstkirchen und Charismatisierung

Pfingstbewegung und Charismatisierung: Zugänge – Impulse – Perspektiven

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ISBN 978-3-374-06961-3
Preis 12 Euro

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