„Demokratie bedeutet, zuzuhören“
Wie Kirche in polarisierten Zeiten Hoffnung erfahrbar machen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken kann
Was kann die Kirche zur Stärkung der Demokratie beitragen? Für den Journalisten und EKD-Synodalen Arnd Henze liegt ihre besondere Stärke im christlichen Menschenbild, in der Bereitschaft zum Kompromiss und in der Kraft gelebter Hoffnung. Gerade in Zeiten einer angefochtenen Demokratie sieht er die Kirchen in der Verantwortung, diese Hoffnung für die Gesellschaft erfahrbar zu machen. Ein Gespräch über die Grenzen kirchlicher Stellungnahmen, den Mut zu unbequemen Debatten und die Chancen demokratischer Verständigung.
Arnd Henze
Herr Henze, inwiefern ist es Aufgabe der Kirche, Menschen für Demokratie zu gewinnen?
Wir sind als Kirche selbst Teil dieser Demokratie und haben ein originäres Interesse daran, dass sie gelingt. Friedrich Ebert hat gesagt: „Demokratie braucht Demokraten.“ Wir dürfen da als Kirche mit rund 17,4 Millionen Protestantinnen und Protestanten nicht kommentierend oder gar mäkelnd an der Seitenlinie bleiben.
Wir haben etwas Unverwechselbares einzubringen: die Nähe unseres christlichen Menschenbildes zum Menschenbild der Demokratie. Das betrifft nicht nur die Menschenwürde, sondern auch die Einsicht, dass wir es im öffentlichen politischen Raum immer mit vorletzten Dingen zu tun haben. Demokratie ist keine perfekte Regierungsform. Aber sie verfügt über eine besondere Fehlerkultur: Sie begrenzt Macht und ermöglicht Korrekturen. Der demokratische Kompromiss ist nicht die endgültige Lösung, sondern der nächstmögliche Schritt, auf dem wir aufbauen und weiter streiten können und müssen. Das ist eine Zumutung, aber auch eine Entlastung.
Und wir bringen Hoffnung mit. Gerade eine Demokratie, die mit riesigen Herausforderungen, Rückschlägen und Konflikten umgehen muss, lebt von Hoffnung. Wenn wir unsere christliche Hoffnung in diesen Zeiten einer angefochtenen Demokratie nicht erfahrbar machen, bleiben wir unserer Gesellschaft etwas schuldig.
Die Kirche setzt in ihrer Kommunikation oft auf Stellungnahmen, Denkschriften und Appelle. Erreichen wir damit noch Menschen außerhalb unserer Milieus?
Hier sehe ich eine unserer großen Herausforderungen. Wir investieren enorme Energie und Kompetenz in die Frage, WAS wir sagen wollen. Aber wir sollten stärker darüber nachdenken, wie unsere Botschaften bei den Menschen ankommen.
Demokratie bedeutet aber, auch zuzuhören und hinzuhören – und zu verstehen, wo und wie unser Beitrag außerhalb unserer kirchlichen Komfortzone gebraucht wird. Und wir müssten mindestens so viel Aufwand in die strategische Planung der Wirkung investieren wie in die Erarbeitung unserer Stellungnahmen. Da bleiben wir weit hinter unseren Möglichkeiten zurück.
Was müsste sich dafür konkret ändern?
Bei Synodenworten und Kammerstudien konzentrieren wir uns stark darauf, unsere unterschiedlichen Binnenperspektiven zusammenzubringen. Das ist nicht unwichtig, aber geht oft zu Lasten der Frage: Wie kann das außerhalb unserer kirchlichen Komfortzone relevant und wichtig werden? Wen wollen wir überhaupt erreichen?
Das sollte bestimmen, wie wir formulieren, priorisieren und Akzente setzen. Wenn wir viel Zeit und Ressourcen in die Erarbeitung einer Stellungnahme oder Studie investieren, sollten wir strategisch planen, dass ihre Ergebnisse gehört werden und etwas bewirken. Wir verstehen uns als eine Kirche des Wortes. Aber wir neigen manchmal dazu, eine Kirche der Wörter zu werden, statt dafür zu sorgen, dass das Wort Fleisch wird.
Demokratiefeindliche Kräfte kommunizieren oft agiler. Müssen wir uns davon etwas abschauen?
Wir müssen die wichtigen Kommunikationswege kennen und beherrschen. Aber sie dürfen nicht uns beherrschen. Ein positives kirchliches Beispiel ist Papst Leo XIV. Er versteht es, mit moderner Kommunikation Botschaften zu setzen. Als J. D. Vance eine nach Entfernung abgestufte Nächstenliebe vertrat, widersprach Leo, damals noch Kardinal, mit einem knappen Post in den sozialen Medien: „J.D. Vance is wrong.“ Dieser kurze Beitrag ging viral und hatte eine enorme Wirkung. Das war eine Punktlandung.
Auch wir müssen in laufenden Debatten schnell und prägnant sagen können, was wir beizutragen haben. Wenn wir uns unserer Sache sicher sind, müssen wir den Mut haben, das mit den Instrumenten und in den Formen heutiger Kommunikation zu transportieren – so, wie das die Reformatoren zu ihrer Zeit verstanden. Das ist Kampagnenfähigkeit.
Inwiefern ist die föderale Struktur der evangelischen Kirche dafür ein Hindernis?
Ich arbeite selbst bei der föderal organisierten ARD und weiß, dass das kein rein kirchliches Problem ist. Föderale Strukturen bieten große Chancen, weil wir in der Fläche präsent sind. Aber manchmal stehen uns Zuständigkeitsgrenzen im Weg, wenn wir schnell und gemeinsam handeln wollen.
Dabei gibt es großartige Gegenbeispiele. Ich bin stolz auf das, was die kleinen Kirchen in Mitteldeutschland und Mecklenburg-Vorpommern vor den Landtagswahlen auf die Straße gebracht haben. Denken Sie an das Hoffnungskulturfest in Dessau vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt: Auf dem Marktplatz standen 125 Tische, Menschen kamen zu einem kostenlosen Essen zusammen. Da wurde das Wort buchstäblich Fleisch – oder vielleicht war es auch vegetarisch. Jedenfalls wurde gesellschaftlicher Zusammenhalt gegen die Spaltung sinnlich erfahrbar. Das Fest fand bis in die New York Times hin Aufmerksamkeit.
Solche Beispiele von Best Practice müssten zum Maßstab werden. Wie können wir gelingende Erfahrungen aus einer Landeskirche – oder einzelnen Kirchenkreisen – für andere nutzbar machen und Kräfte bündeln? Gerät eine Landeskirche unter massiven öffentlichen Beschuss, könnten Social-Media-Fachleute aus anderen Landeskirchen für 24 oder 48 Stunden helfen, schnell und koordiniert zu reagieren. Das gilt auch für Faktenchecks bei Falschbehauptungen im Netz.
Dafür brauchen wir verbindliche Abläufe. Wenn ein Medium binnen weniger Stunden eine Antwort erwartet, können wir nicht erst unsere Gremien beteiligen. Sonst findet die Berichterstattung ohne uns statt.
Sie regen an, Kirchengemeinden zu Lernorten gesellschaftlichen Wandels zu machen. Wie kann das aussehen?
Die Menschen erleben gesellschaftliche Veränderungen sehr unterschiedlich. Manche drängen auf Wandel, andere fürchten, dass ihnen Sicherheiten wegbrechen. Ein gesellschaftlicher Lernort muss diese Ungleichzeitigkeiten aushalten.
Hinter dem Satz „Man darf ja nichts mehr sagen“ steckt oft die Sorge, sich falsch auszudrücken und scharf kritisiert zu werden, obwohl man etwas anderes beabsichtigt hat. Kirchliche Lernorte müssen beides verbinden: Schutz vor Diskriminierung und die Möglichkeit, Unsicherheiten offen anzusprechen.
Haben Sie ein Beispiel dafür, wie das gelingen kann?
Nach 2015 habe ich ein Bürgerforum zur Unterbringung von Geflüchteten moderiert. Die Veranstaltung fand in einem kirchlichen Raum statt.
Eine Initiative hatte Zettel verteilt, auf denen stand, welche Äußerungen erlaubt seien. Ich ließ sie einsammeln. Wer schon beim Hereinkommen gesagt bekommt, wie er sprechen soll, fühlt sich nicht ernst genommen.
Stattdessen habe ich eingeladen, offen über Sorgen zu sprechen. Eine Anwohnerin schilderte, dass sich vor ihrem Balkon regelmäßig viele Menschen aus der überfüllten Unterkunft trafen. Sie formulierte das ungeschickt, und sofort entstand Unruhe. Aber ich habe gesagt: Ich höre hier zunächst kein rassistisches Motiv, sondern ein konkretes Problem, das gelöst werden muss. Noch am selben Abend wurde ein geeigneter Aufenthaltsort im Freien vereinbart.
Das ist für mich ein gesellschaftlicher Lernort: offen über Probleme sprechen und gemeinsam Lösungen finden. Die Grenze verläuft dort, wo menschenfeindliche Stimmung gemacht wird. Eine ungeschickte Formulierung ist aber nicht automatisch Menschenfeindlichkeit.
Und was bedeutet das für die kirchliche Praxis?
Verständigung beginnt dort, wo wir unsere Komfortzonen verlassen und hingehen, wo es wehtut: an die tatsächlichen Konfliktorte der Gesellschaft.
Für die Diakonie ist das Alltag. Sie erreicht Menschen und Lebenswelten, zu denen viele Kirchengemeinden kaum noch Zugang haben. Da wird auch eine ganz andere Sprache gesprochen. Ich halte es für eine Überlebensfrage der Kirche, dass sie das mentale Outsourcing solcher Lebenswelten an die Diakonie überwindet. Sonst bleiben wir an vielen Konfliktorten sprachlos und unser eigenes Reden wird nur noch in einer kleiner werdenden Blase verstanden.
Was wünschen Sie sich von der bevorstehenden EKD-Synodentagung in Würzburg beim Thema Demokratieförderung?
Zum Thema Demokratie wird ein Leitantrag vorbereitet. Ich hoffe, dass daraus ein klares Wort entsteht, das Gemeinden und Engagierten Orientierung gibt. Aber auch hier müssen die Worte Fleisch werden. Über der Arbeit an Formulierungen darf die gelebte Demokratiearbeit nicht verschwinden. Wenn Synodentexte von Substantiven leben, müssen wir schon in den Debatten die Verben zum Klingen bringen: Es sollte auch in den Debatten in Würzburg spürbar werden, mit wie viel Herzblut und Mut sich so viele Menschen in der Kirche schon jetzt für die Demokratie engagieren – wo und wie also das Wort Fleisch wird.
Ich erinnere mich an einen Beitrag in der 20-Uhr-Tagesschau: Eine Diakonie-Studie zur Kinderarmut war das erste Thema. Die Studie kam zum richtigen Zeitpunkt und wurde durch Bilder aus der praktischen Arbeit glaubwürdig. Da kamen ein relevantes Thema, eine relevante Aussage und gelebte Praxis zusammen.
So sollte Kirche kommunizieren: „Wenn ihr wissen wollt, was wir mit unseren Forderungen meinen, schaut euch an, was wir tun.“ Deshalb sollten wir vor allem dort den Mut zu starken Substantiven haben, wo wir auch die Verben mitliefern können. Weil wir etwas tun, haben wir etwas Relevantes zu sagen.
Aber wird Kirche für viele Menschen nicht immer weniger relevant?
Mit der Frage nach der Relevanz geben wir das Urteil über unser Tun und Reden aus der Hand: Relevanz kann man sich nicht selbst bescheinigen, sie wird einem zugesprochen. Deshalb müssen wir zuhören und fragen, wo wir gebraucht werden, was von uns erwartet wird – und ob und wie wir diesen Erwartungen gerecht werden können.
In den USA haben sich viele protestantische „Mainline Churches“ lange aus gesellschaftlichen Konflikten zurückgezogen – nach dem Motto: Politik endet auf dem Parkplatz vor der Kirche. Damit haben sie den öffentlichen Raum für die Narrative der christlich-nationalistischen MAGA-Bewegung preisgegeben.
Inzwischen engagieren sich viele Gemeinden gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Partnern gegen das brutale Vorgehen der Einwanderungsbehörden. Kirchen stellen Räume bereit, bringen Menschen zusammen und stiften Hoffnung. In Minneapolis ist so beispielsweise die Bewegung „Singing Resistance“ entstanden – Singen gegen die Angst.
Viele Gemeinden erleben heute eine Relevanz, die sie sich selbst gar nicht mehr zugetraut haben – und wachsen im Wortsinn über sich hinaus. Davon können wir in Deutschland viel lernen.
Was genau?
Wir sollten uns nicht kleiner reden, als wir sind. Gerade angesichts der Angriffe der AfD zeigt sich, wie widerstandsfähig Kirche als Institution sein kann. Anders als viele Initiativen verfügen wir über Räume, Personal und Netzwerke, die wir auch anderen zur Verfügung stellen können.
In Mitteldeutschland knüpfen Kirchen dabei an Erfahrungen aus der DDR-Zeit an, als sie Schutzräume für widerständiges Denken boten. Heute können sie damit eine bedrohte Zivilgesellschaft stärken. Wir müssen uns wieder zutrauen, was andere uns zutrauen – wenn sie uns erst einmal wieder auf dem Schirm haben.
Zur Person:
Arnd Henze, Jahrgang 1961, ist Journalist, Publizist und Fernsehredakteur beim WDR. Er studierte evangelische Theologie in Göttingen, Heidelberg und Berkeley (USA). Seit mehr als 35 Jahren beschäftigt er sich journalistisch mit internationalen Krisen und Konflikten. Von 2012 bis 2019 war er Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio. Für seine Reportagen wurde er mehrfach ausgezeichnet. Henze ist berufenes Mitglied der 13. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
In seinem Buch Mit Gott gegen die Demokratie untersucht er den Aufstieg des christlichen Nationalismus in den USA, seine politischen Strategien und seine internationalen Verflechtungen. Dabei geht Henze auch der Frage nach, wie sich demokratische Gesellschaften gegen die politische Instrumentalisierung von Religion wehren können.
Interview: Andrea Hackenberg