Kirche und Politik: Warum sich die evangelische Kirche politisch äußert
Wie politisch soll Kirche sein? Manche Menschen wünschen sich mehr Haltung von der Kirche, andere finden, sie solle sich ganz aus Politik heraushalten. Was gehört zum christlichen Auftrag – und wo liegen die Grenzen?
Die evangelische Kirche ist keine Partei. Trotzdem äußert sie sich zu politischen Fragen, weil der christliche Glaube Konsequenzen für unser Zusammenleben hat. Wo Demokratie, Menschenwürde, Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit oder der Schutz Schwächerer betroffen sind, sieht die Kirche eine öffentliche Verantwortung. Sie bringt ihre Überzeugungen in die demokratische Debatte ein, ohne selbst politische Macht auszuüben oder den Anspruch zu erheben, für jede politische Frage die einzig richtige Lösung zu kennen.
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Warum äußert sich Kirche zu politischen Fragen?
Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht die Überzeugung, dass jeder Mensch von Gott geliebt ist und die gleiche Würde besitzt. Jesus ruft alle Menschen dazu auf, ihren Nächsten zu lieben, barmherzig zu handeln und sich stets für Frieden einzusetzen. Das hat Folgen für unser Zusammenleben.
Politische Entscheidungen betreffen uns Menschen. Sie können z.B.
- Freiheit schützen oder einschränken
- Chancen eröffnen oder Menschen benachteiligen
- Frieden fördern oder gefährden
Deshalb kann Kirche gesellschaftliche und politische Fragen nicht grundsätzlich aus ihrem Auftrag ausklammern. Dabei unterscheidet sie zwischen christlichen Grundorientierungen und konkreten politischen Lösungen. Aus der Überzeugung von der gleichen Würde aller Menschen folgt zum Beispiel, dass die Kirche menschenfeindlicher Ausgrenzung widerspricht. Welche Gesetze oder politischen Instrumente in einer konkreten Frage die besten sind, kann dagegen durchaus umstritten sein
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Müssen Kirche und Politik nicht getrennt sein?
Kirche und Staat haben unterschiedliche Aufgaben und sind institutionell voneinander getrennt. Die evangelische Kirche will nicht regieren und keine staatliche Macht ausüben. Umgekehrt bestimmt der Staat nicht darüber, was Christinnen und Christen glauben.
Die Trennung von Kirche und Staat bedeutet jedoch nicht, dass Kirchen zu gesellschaftlichen Fragen schweigen müssen. Als Religionsgemeinschaft und gesellschaftliche Akteurin kann die Kirche ihre Überzeugungen in die öffentliche Debatte einbringen. Der Staat bleibt dabei religiös und weltanschaulich neutral. Zugleich arbeiten Staat und Religionsgemeinschaften in Deutschland zusammen, wo sie Aufgaben für das Gemeinwohl übernehmen – etwa in der Wohlfahrtspflege oder Jugendarbeit. Die Zusammenarbeit folgt klaren rechtlichen Rahmenbedingungen.
Über politische Entscheidungen bestimmen am Ende am Ende die dafür gewählten Parlamente und Regierungen – und die Bürgerinnen und Bürger bei demokratischen Wahlen.
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Wer spricht eigentlich für „die Kirche“?
Die evangelische Kirche ist vielfältig und föderal organisiert. Deshalb gibt es nicht eine einzige Stimme, die für alle evangelischen Christ*innen spricht.
Auf Ebene der EKD äußern sich unter anderem die Synode und der Rat der EKD. Auch Landesbischöf*innen, Theolog*innen oder andere kirchliche Vertreter*innen beteiligen sich an öffentlichen Debatten.
Wer in der Kirche ein gewähltes oder berufenes Leitungsamt übernimmt, übernimmt damit auch Verantwortung, die Kirche öffentlich zu vertreten und ihre Positionen zu kommunizieren. Entscheidend ist, in welcher Funktion jemand spricht: Eine offizielle Stellungnahme eines zuständigen kirchlichen Organs ist anders einzuordnen als eine persönliche Einschätzung.
Nicht jede Aussage einer einzelnen kirchlichen Person ist deshalb automatisch „die Position der evangelischen Kirche“. Zur evangelischen Tradition gehört zugleich, dass Christ*innen selbst verantwortlich urteilen. Unterschiedliche politische Auffassungen innerhalb der Kirche sind deshalb nicht ungewöhnlich
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Was hat Martin Luther damit zu tun?
Schon Martin Luther hat sich mit der Frage beschäftigt, welche Aufgaben Kirche und Staat haben. Vereinfacht gesagt unterschied er zwischen dem Glauben und der politischen Ordnung.
Politische und rechtliche Regeln sind notwendig, damit Menschen friedlich miteinander leben können. Die Kirche soll dabei nicht die Aufgaben des Staates übernehmen und der Staat nicht über den Glauben bestimmen.
Gleichzeitig kennt christlicher Gehorsam gegenüber staatlicher Autorität Grenzen. Wo staatliches Handeln fundamental gegen das Gebot Gottes steht, kann daraus Widerspruch entstehen. Luther verwies in diesem Zusammenhang auf einen Satz aus der Apostelgeschichte: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ (Kapitel 5, Vers 29)
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Was hat die evangelische Kirche aus ihrer Geschichte gelernt?
Große Teile der evangelischen Kirche haben sich der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland von 1933 bis 1945 nicht entschieden genug widersetzt; manche unterstützten das Regime sogar. Zugleich gab es Christinnen und Christen, die Widerstand leisteten.
Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 formulierte eine entscheidende Grenze: Keine politische Macht kann für Christinnen und Christen an die Stelle Jesu Christi treten.
Diese Erfahrungen mit Diktatur und kirchlichem Versagen prägen das politische Selbstverständnis der evangelischen Kirche bis heute.
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Woran orientiert sich die evangelische Kirche heute?
Grundlage und Maßstab kirchlicher Orientierung ist das Evangelium von Jesus Christus, wie es in der Bibel bezeugt ist. Aus ihr gewinnt die evangelische Kirche grundlegende Maßstäbe für ihr Reden und Handeln: die unverlierbare Würde jedes Menschen, die Verantwortung für den Nächsten, das Eintreten für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit und den besonderen Blick auf Menschen, die Schutz und Unterstützung brauchen.
Diese biblischen Grundüberzeugungen geben Orientierung. Sie liefern aber nicht für jede politische Frage eine fertige Antwort. Wie sie unter den Bedingungen der jeweiligen Zeit konkret zur Geltung kommen, muss immer wieder neu bedacht und diskutiert werden.
Die freiheitliche Demokratie ist aus christlicher Perspektive weder heilig noch perfekt. Aber sie bietet eine gute gesellschaftliche Grundlage dafür, dass zentrale christliche Überzeugungen im Zusammenleben zur Geltung kommen können: Sie schützt die Würde jedes Menschen und die Freiheit des Glaubens, ermöglicht politische Teilhabe und schafft Voraussetzungen für Gerechtigkeit, Verantwortung und gelebte Nächstenliebe.
Deshalb setzt sich die EKD für die freiheitliche Demokratie ein und beteiligt sich an öffentlichen Debatten – besonders dort, wo Menschenwürde, Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit oder der Schutz Schwächerer berührt sind.