Feindesliebe als Herausforderung

Das radikale Liebesgebot als ethischer Kompass
Die EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung“ EKD ringt sichtlich mit der Spannung zwischen Jesu radikaler Botschaft der Feindesliebe und den Realitäten einer von Gewalt geprägten Welt. Das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe bleibt dabei „ethisches Leitbild“ und gehört zu den Grundüberzeugungen christlicher Friedensethik.

Der unlösbare Konflikt zwischen Liebe und Schutzpflicht
Was geschieht aber, wenn dieses Liebesgebot mit der Schutzpflicht gegenüber bedrohten Menschen kollidiert? In bestimmten Fällen, so die Denkschrift, stehen das Tötungsverbot und das Schutzgebot gegenüber den Nächsten in einem unauflösbaren Konflikt. Evangelische Friedensethik versucht, diese Spannung zu benennen und auszuhalten. Sie hält am Primat der Gewaltfreiheit fest, der sich an Jesu Vorbild und seiner Botschaft der Feindesliebe orientiert. Gleichzeitig erkennt sie an, dass zum Schutz von Menschen manchmal Gegengewalt erforderlich ist.

Schuld vor Gott – auch bei berechtigter Gewalt
Dennoch bleibt die Schuldthematik. Selbst wer aus guten Gründen zur Gegengewalt greift, wird vor Gott schuldig. Denn: „Jede Form der Gewalt verletzt das Gegenüber, das Gottes Ebenbild ist.“ Auch der Feind bleibt Mensch und Geschöpf Gottes – eine Einsicht, die das Töten im Krieg zur bleibenden ethischen Herausforderung macht.

Feindesliebe als bleibender Anspruch
Die Feindesliebe ist also fester Orientierungspunkt für christliches Friedenshandeln – auch wenn sie in der politischen Realität nicht immer unmittelbar umsetzbar ist. Sie mahnt zur Demut und erinnert daran, dass dauerhafter Frieden mehr braucht als militärische Sicherheit: nämlich Versöhnung, Gerechtigkeit und die Anerkennung auch des Gegners als Mitgeschöpf.

Kernsätze der EKD-Denkschrift:

  • „In bestimmten Fällen stehen das Tötungsverbot des 5. Gebots, das die Bergpredigt mit dem Gebot der Liebe auch gegenüber den „Feinden“ radikalisiert (Mt 5,44), und das Schutzgebot gegenüber den Nächsten, das sich in der Herrschaft des Gesetzes ausdrückt, in Widerstreit.“ S. 31 (13)
  • „Am Pazifismus orientierte Initiativen wirken als politische Impulsgeber, die den Frieden als maßgebliches Leitbild für staatliches Handeln wachhalten, und sind zugleich Ausdruck gelebter Frömmigkeit.“ S.32 (14)
  • „Gewalt muss – notfalls mit Gegengewalt – eingedämmt werden, ohne aber das Ziel der Überwindung von Gewalt aus den Augen zu verlieren.“ S. 35 (18)
  • Die Ethik der Nachfolge Jesu im Horizont der Bergpredigt sowie die Vorstellung eines durch Christus in Gewaltlosigkeit geschenkten Friedens zwischen Mensch, Gott und Mitwelt bilden die Mitte und die maßgebliche Quelle für das evangelische Friedensverständnis. S. 25 (4)

© Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen. Eine Denkschrift der Evangelischen Kirchen in Deutschland, EVA GmbH, Leipzig 2025.