Die Tragödie um Arzach und der tiefe Schmerz der Armenier
Wenn das kulturelle und spirituelle Erbe zerstört wird und doch nicht ausgelöscht werden kann
Die Tragik um Berg-Karabach, historisch und im Armenischen meist Arzach genannt, und der tiefe Schmerz der Armenier beschreiben eine der schlimmsten Zäsuren der modernen armenischen Geschichte. Sie verbindet das kollektive Trauma des Völkermords von 1915 mit dem Verlust der uralten christlichen Kulturlandschaft im Südkaukasus.
Nicht zufällig nehmen vielfach Eroberer die heiligen Stätten der Eroberten ins Visier. Was identitätsstiftend für die Besiegten ist, soll zerstört werden. So werden Kirchen neben Friedhöfen und Bibliotheken oftmals dem Erdboden gleichgemacht oder zumindest ihre Symbole entehrt, Grabsteine umgestoßen und Altäre zerstört, Bücher und Schriftrollen verbrannt. Die Erinnerung soll ausgelöscht werden, das kulturelle Gedächtnis vernichtet werden – und damit auch eine mögliche Zukunft christlichen Lebens in der Region.
Arzach galt den Armeniern über Jahrhunderte als unbezwingbare Festung ihrer Kultur, Sprache und ihres christlichen Glaubens. Doch im September 2023 führte eine militärischen Blitz-Offensive Aserbaidschans zum Verlust des Landstriches, der so tief mit der Seele Armeniens verbunden ist. Mehr als 100.000 Menschen, fast die gesamte armenische Bevölkerung, flohen damals im September 2023 Hals über Kopf aus der Region. Nur Weniges konnten sie mitnehmen aus Angst vor Gewalt und Unterdrückung. Was folgte ließ die schlimmsten Befürchtungen der Armenier wahr werden: Das Regime des aserbaidschanischen Autokraten Alijew hat mit der systematischen Zerstörung der über 4.000 christlichen Kulturgüter in der gesamten Region von Berg-Karabach begonnen und dies gilt nicht nur Klöstern und Kirchen, sondern auch wertvollen Manuskripte und Büchern, die auf der Flucht nicht gerettet werden konnten.
Der Verlust von Berg-Karabach/Arzach ist so viel mehr als der Verlust eines Territoriums. Ende 2023 war die Kirche St. Johannes in Shusha, der ehemals zweitgrößten Stadt von Arzach, noch zu sehen. Im April 2024 gibt es sie nicht mehr. (Die Zerstörung sucht Caucasus Heritage Watch zu belegen.)
Kirchen als Ankerpunkte inmitten von Zerstörung
Und doch können Menschen inmitten von Krieg und Gewalt ihre Kirchen als Anker-Punkte erleben, als besondere Kraftorte und Schutzräume, wo Gott als gegenwärtig erfahren werden kann. Wo in aller Verletzlichkeit des Lebens auch Güte, Liebe, Gerechtigkeit spürbar werden. Wo Klage und Trauer ebenso Platz finden wie Hoffnungsspuren und Klänge einer Welt, die von Frieden singt.
„Gebauter Glaube“ als Zeichen der Hoffnung: Christuskirchen und Kreuzsteine
In Armenien haben alle Kirchen einen quadratischen Grundriss. Das Quadrat stellt das Irdische dar, begrenzt mit seinen Ecken und Kanten. Zugleich hat jede Kirche eine kleinere oder größere Kuppel als Symbol für den Himmel, der grenzenlos ist. Auch wenn Menschen in ihrem irdischen Leben immer wieder an Grenzen stoßen und alles seine Ecken und Kanten, seine Verwundungen und seinen Schmerz hat – über allen steht der Himmel und in seinem Licht haben die irdischen Widerfahrnisse nicht das letzte Wort.
Zu Armeniens christlichem Erbe gehören nicht nur die zahlreichen Klöster und Kirchen, sondern auch Manuskripte, Liturgien und vor allem die Kreuzsteine, die sog. „Chatschkare“, die „Kraftsteine“. In Arzach werden sie zerstört, wo immer man sie findet. Nur noch in Armenien sind sie überall im ganzen Land zu sehen und keiner gleicht dem anderen.
Ein „Chatschkar“ ist ein zusammengefasstes Glaubensbekenntnis und zeigt in der Regel drei Wirklichkeitsebenen. Im Zentrum ist das Kreuz als Lebensbaum. Die untere Ebene zeigt das Erdinnere bzw. die Unterwelt. Oben ist der Bereich der himmlischen Welt, und Christus ist derjenige, der die Welten verbindet und verwandelt, weil er am Baum des Lebens die Früchte des Paradieses, Granatäpfel und Weintrauben, teilt – und so den Bedrängten und Verfolgten Hoffnung schenkt: „Heute ist deinem Haus Heil widerfahren …“
Auch wenn der „gebaute Glaube“ überall in Arzach durch die aserbaidschanische Armee zerstört wird, kann das spirituelle Erbe der Armenier nicht ausgelöscht werden, weil es eine Geisteskraft birgt, die mit den Steinen nicht zu fassen ist. Die Armenisch-Apostolisch-Orthodoxe Kirche versteht sich seit Anbeginn als „Kirche unter dem Kreuz“. Über die Jahrhunderte bis heute immer wieder bedroht, verfolgt, in ihrer Existenz gefährdet hat sie sich als „lebendiger Stein“ in der Nachfolge Jesu verstanden. Diese Erfahrungen verbinden die weltweit verstreute Gemeinschaft der Armenier.
Andreas Goetze
Fürbitte
Guter Gott,
wir bitten Dich für unsere armenischen Geschwister,
die verfolgt, vertrieben und ihrer Heimat beraubt werden.
Sei besonders bei den Menschen aus Berg-Karabach,
die ihre Heimat, ihre Kirchen und die Gräber ihrer Vorfahren verloren haben.
Wir sehen mit Schmerz,
wie christliche Kirchen, Klöster, Kreuze
und andere Zeugnisse armenischer Kultur zerstört werden.
Doch Herr, wir glauben:
Man kann Steine zerstören, aber nicht den Glauben.
Man kann Kirchen niederreißen, aber nicht die Hoffnung.
Man kann sichtbare Spuren verwischen,
aber die geistige Identität eines Volkes nicht auslöschen.
Bewahre unseren armenischen Geschwistern ihren Glauben,
ihre Hoffnung und ihre Würde.
Tröste die Trauernden, stärke die Vertriebenen
und schenke allen Bedrängten Schutz und Frieden.
Lass das christliche Erbe Armeniens in den Herzen der Menschen weiterleben
und gib ihnen die Kraft,
ihren Glauben an die kommenden Generationen weiterzugeben.
Herr Jesus Christus, sei ihnen nahe und lass sie niemals vergessen,
dass sie in ihrer Not nicht allein sind.
Wo Menschen versuchen, Erinnerung auszulöschen, lass Du Hoffnung wachsen.
Wo Kirchen zerstört werden, lass Du neue Orte des Gebets entstehen.
Wo Angst herrscht, schenke Frieden.
Und wo Verzweiflung ist, entzünde Du ein neues Licht.
Unser Glaube gründet nicht allein in Mauern, sondern in Dir.
So bitten wir auch für uns:
Lass uns nicht mutlos werden in unserem Glauben,
sondern an der Hoffnung festhalten, die in Dir allein liegt.
Amen.