Ratsbericht 2026: Fehrs ruft zu Menschlichkeit und Zusammenhalt auf
EKD-Ratsvorsitzende wirbt für eine Kirche, die jungen Menschen zuhört
Die Menschenwürde verteidigen, gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken und jungen Menschen eine Stimme geben: Dazu hat die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Kirsten Fehrs, in ihrem Ratsbericht auf der 7. Tagung der 13. Synode der EKD in Würzburg aufgerufen. Angesichts zunehmender Polarisierung und wachsender Zukunftsängste mahnte sie eine klare Haltung gegenüber Menschenfeindlichkeit an. Zugleich müsse die Kirche über Warnungen hinausgehen, jungen Menschen mit ihren Sorgen und Hoffnungen Gehör schenken und Orte schaffen, an denen Gemeinschaft, Orientierung und Zuversicht erfahrbar werden.
EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Kirsten Fehrs
Menschenwürde als Maßstab kirchlichen Handelns
Die unveräußerliche Würde jedes Menschen stellte Bischöfin Kirsten Fehrs in den Mittelpunkt ihres Ratsberichts. Angesichts von Kriegen, gesellschaftlicher Kälte und zunehmender Menschenfeindlichkeit erinnerte sie an das christliche Menschenbild: Jeder Mensch sei Gottes Ebenbild, unabhängig von Herkunft, Glauben oder Lebensweise. „Der Mensch hat eine gottgegebene Würde. Unerschütterlich, unverlierbar, unantastbar.“ Daraus erwachse die Verpflichtung, jeder Form von Erniedrigung, Gewalt und Ausgrenzung entschieden entgegenzutreten.
Klare Haltung gegen Menschenfeindlichkeit
Mit deutlichen Worten warnte Fehrs vor Angriffen auf die liberale Demokratie und dem Erstarken extremistischer Kräfte. „Wahlerfolge verändern vielleicht Machtverhältnisse – aber sie ändern nichts an der Unvereinbarkeit von Menschenfeindlichkeit mit dem Evangelium!“ Die Kirche müsse Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Minderheitenschutz verteidigen, dürfe sich dabei aber nicht auf Warnungen und Abgrenzung beschränken. Zugleich zog Fehrs eine klare Grenze für kirchliche Ämter: „Wer menschenverachtende Haltungen öffentlich vertritt, kann nicht gleichzeitig glaubwürdig für die Kirche sprechen oder sie in Ämtern und Funktionen vertreten.“
Entschieden gegen Antisemitismus
Eine unverrückbare Verantwortung der Kirche sieht Fehrs im Kampf gegen Antisemitismus. Angriffe auf jüdisches Leben widersprächen dem christlichen Selbstverständnis und bedrohten zugleich die Demokratie. „Wir widersprechen jeder Form von Antisemitismus. Wir stehen für ein sicheres und freies jüdisches Leben in Deutschland ein.“ Fehrs würdigte die vertrauensvollen Beziehungen zu den Rabbinerkonferenzen und dem Zentralrat der Juden. Gerade in gesellschaftlich angespannten Zeiten seien diese Gesprächsräume von besonderer Bedeutung.
Kirche als Ort der Hoffnung und Gemeinschaft
Angesichts wachsender Einsamkeit und gesellschaftlicher Spaltung warb Fehrs für eine Kirche, die Menschen verbindet und ihnen Zugehörigkeit vermittelt. „Die Kirche bleibt ein weiter Raum, wo andere Räume enger werden.“ Mit Blick auf das Hoffnungskulturfest in Dessau und Begegnungen mit Mitarbeitenden der Diakonie in Sachsen-Anhalt betonte sie die Kraft gelebter Solidarität. Auch Seelsorge, Gemeinden und diakonische Einrichtungen zeigten täglich, wie Kirche Menschen Halt geben könne. Ihre besondere Stärke liege darin, Menschen das Gefühl zu vermitteln, willkommen und aufgehoben zu sein.
Junge Generation braucht Gehör und echte Teilhabe
Besonders eindringlich rief Fehrs dazu auf, die Sorgen und Zukunftsfragen junger Menschen ernst zu nehmen. Gespräche mit Konfirmandinnen und Konfirmanden über Krieg, Glauben, Vergebung und Tod zeigten, wie wichtig Orte für existenzielle Fragen seien. Mit Blick auf jüngste Jugendproteste betonte sie den Wunsch der jungen Generation nach Gerechtigkeit, Teilhabe und einer Zukunft in Würde. Sie ermutigte die Jugendlichen: „Macht gewaltfrei weiter, bringt eure Stimme ein in Politik, Gesellschaft und in Kirche. Und: Wir Älteren sind bereit zum Dialog.“ Auch die kirchlichen Angebote müssten sich stärker an den Lebenswirklichkeiten junger Menschen ausrichten.
Friedensethik: Verständigung trotz unterschiedlicher Positionen
Angesichts internationaler Konflikte unterstrich Fehrs die Bedeutung der friedensethischen Debatte. Die EKD-Friedensdenkschrift von 2025 habe wichtige Diskussionen über Sicherheit, Verteidigung und zivile Konfliktlösungen angestoßen. Trotz kontroverser Positionen müsse der Dialog erhalten bleiben. „Entscheidend ist, dass in der so elementaren Lebensfrage des Friedens in aller Ernsthaftigkeit gestritten und die Verständigung gesucht wird.“ Ausdrücklich würdigte Fehrs zudem die kirchliche Beratung junger Menschen zur Kriegsdienstverweigerung als „einen wunderbaren Friedensdienst“.
Aufarbeitung sexualisierter Gewalt bleibt Verpflichtung
Fehrs erinnerte daran, dass das Versprechen der Kirche, Menschen einen geschützten Raum zu bieten, durch sexualisierte Gewalt vielfach gebrochen worden sei. Die Aufarbeitung der Verbrechen, die Unterstützung Betroffener und die Weiterentwicklung von Schutzstandards blieben deshalb unverzichtbar. „Kirche soll Raum halten in der Welt“, betonte Fehrs – einen Raum, der offen und zugleich geschützt sei. Der schriftliche Ratsbericht dokumentiert dazu die weiteren Schritte bei der Umsetzung des ForuM-Maßnahmenplans, den unabhängigen Aufarbeitungskommissionen und den Anerkennungsverfahren.
Mit Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft
Zum Abschluss ihres Berichts rief Fehrs dazu auf, sich angesichts weltweiter Krisen nicht von Angst und Resignation bestimmen zu lassen. Die Kirche werde gebraucht, um Schwache zu schützen, Einsame zu begleiten und Räume für Verständigung und Versöhnung offenzuhalten. „Wir werden gebraucht als Gemeinschaft, damit die Einsamen nicht alleine bleiben.“ Mit Worten des Theologen Helmut Gollwitzer schloss sie ihren Bericht: „Die Nacht wird nicht ewig dauern.“
„Wahlerfolge verändern vielleicht Machtverhältnisse – aber sie ändern nichts an der Unvereinbarkeit von Menschenfeindlichkeit mit dem Evangelium!
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