Gemeinschaft als größter Schatz der Kirche
Bettina Schlauraff und Justus Geilhufe über Zusammenhalt, Engagement und Mut in Kirchengemeinden
Kirchengemeinden bringen Menschen zusammen und stärken den gesellschaftlichen Zusammenhalt – gerade in Ostdeutschland, wo gesellschaftliche und politische Spannungen derzeit besonders spürbar sind. Wie das konkret gelingt, darüber sprachen Regionalbischöfin Bettina Schlauraff aus Sachsen-Anhalt und der sächsische Pfarrer Justus Geilhufe am Rande der EKD-Synode in Würzburg. Im Doppelinterview berichten sie von ihren Erfahrungen und erklären, warum offene Räume, persönliche Begegnungen und eine starke Kirche vor Ort so wichtig sind.
Was können Christinnen und Christen ganz konkret tun, wenn sie sich für die Demokratie engagieren wollen? Wo fängt man am besten an?
Bettina Schlauraff: Das Allerwichtigste ist zunächst, sich zu informieren. Viele Menschen wissen gar nicht so genau, welche politischen Positionen es gibt und wofür die unterschiedlichen Parteien stehen. Ich finde, es ist auch eine christliche Pflicht, sich zu informieren und Bescheid zu wissen. Und wenn ich etwas unternehmen oder organisieren möchte, sollte ich mir andere Menschen suchen, mit denen ich gemeinsam aktiv werden kann.
Justus Geilhufe: Kirchengemeinden sind dafür besonders gute Orte. Hier wird vieles von dem eingeübt, was eine demokratische Gesellschaft braucht. Menschen übernehmen Verantwortung, gestalten gemeinsam und erfahren, dass sie etwas bewirken können. Das motiviert sie, sich auch außerhalb der Gemeinde zu engagieren. Wir vergessen manchmal, dass Kirchengemeinden genau das schon immer tun – jeden Tag und an vielen Orten.
Viele Gemeinden kennen aber auch die Erfahrung, dass die gleiche Kerngruppe kommt und es kaum gelingt, neue Menschen zu gewinnen. Wie lässt sich das ändern?
Justus Geilhufe: Ich glaube, wir müssen lernen, unsere bestehenden Institutionen wieder neu zu stärken. Es gibt die Tendenz, vieles, was über lange Zeit gewachsen ist, als veraltet oder nicht mehr zeitgemäß anzusehen. Aber das stimmt so nicht. Wir haben in unserem Land viele gute Institutionen, von der Kirche bis zu den politischen Parteien. Sie brauchen Menschen, die sich dort engagieren und sie mit neuem Leben füllen.
Als Pfarrer sehe ich es auch als meine Aufgabe, junge und ältere Menschen dazu zu ermutigen. Wir müssen nicht immer alles neu erfinden. Wir können auch das, was scheinbar überholt ist, wiederbeleben.
Aber wie gelingt es, dabei nicht unter sich zu bleiben?
Bettina Schlauraff: Indem wir bewusst den Kontakt zu anderen suchen. Warum nicht etwas gemeinsam mit dem Heimatverein oder der Freiwilligen Feuerwehr organisieren? Wir sollten die Kirche als einen Ort stärken, an dem viel Gutes stattfinden kann. Aber wir dürfen dabei nicht nur auf uns selbst schauen. Entscheidend ist, dass wir mit den Menschen außerhalb unserer eigenen Gemeindegruppen in Kontakt kommen.
Haben Sie dafür ein Beispiel aus Ihrer Gemeinde?
Justus Geilhufe: Wir haben im Sommer einen jüdisch-christlichen Moped-Gottesdienst gefeiert. Da waren nicht nur jüdische und christliche Menschen zusammen, die ihre Leidenschaft fürs Mopedfahren teilen. Es kamen auch ganz unterschiedliche Generationen zusammen: Menschen, die erst seit zwei Wochen Moped fahren durften, und andere, die schon seit 60 Jahren auf Zweitaktern unterwegs sind.
Ich erinnere mich an wunderbare Begegnungen in unserem Pfarrgarten. Menschen haben sich über Stunden unterhalten, die sonst vermutlich wenig miteinander zu tun gehabt hätten. Über Generationen hinweg, und bestimmt ging es bei diesen Gesprächen nicht nur um die Motoren ihrer Fahrzeuge. Das war für mich ein Moment, in dem ich gesehen habe, was Kirche für unsere Gesellschaft leisten kann: Sie bringt Menschen zusammen. Darauf war ich sehr stolz.
Bettina Schlauraff: Ähnliche Erfahrungen haben wir in Sachsen-Anhalt gemacht. Im Vorfeld der Landtagswahlen haben wir geschaut, mit welchen anderen zivilgesellschaftlichen Kräften wir zusammenarbeiten können.
Dabei sind viele größere Veranstaltungen und Feste entstanden. Das waren nicht nur politische Demonstrationen, sondern Gelegenheiten, bei denen Menschen einfach zusammenkamen. Plötzlich begegneten sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, politische Milieus und Vereine, die sonst kaum Berührungspunkte haben. Weil ihnen eine gemeinsame Sache wichtig war, haben sie sich aufeinander eingelassen. Sie haben einander ausgehalten, manchmal miteinander gesprochen und vielleicht sogar zugehört. Das ist unglaublich viel wert.
Wie genau erreicht man Menschen, die bisher kaum Berührungspunkte mit Kirche haben? Wie lädt man beispielsweise eine Nachbarin zu einem solchen Gottesdienst oder zu einer Veranstaltung ein?
Justus Geilhufe: Manchmal ist das Einladen schwer. Ich glaube, das Zeigen ist einfacher. Freundschaften und persönliche Beziehungen sind entscheidend, um Menschen aus ihrer Einsamkeit oder aus ihren gewohnten Kreisen herauszuholen.
Wir haben die Aufgabe, wieder mehr Vertrauen zu den Menschen um uns herum zu entwickeln. Dabei hilft uns der christliche Glaube. Jesus zeigt uns, dass auch diejenigen, die ganz anders sind als wir, von Gott geliebt und gemeint sind. Unsere Aufgabe ist es, diese Menschen zu suchen.
Und wenn man sich allein nicht traut, kann man sich gegenseitig unterstützen. Jesus hat seine Jünger zu zweit losgeschickt. Ich finde, das ist bis heute ein guter Rat: Gemeinsam fällt es leichter, auf andere zuzugehen.
Viele Haupt- und Ehrenamtliche haben allerdings schon jetzt sehr viel zu tun. Wie können Gemeinden ihre Räume öffnen, ohne sich zusätzlich zu überfordern?
Bettina Schlauraff: Räume zu öffnen bedeutet ja nicht, dass die Hauptamtlichen oder einige wenige Ehrenamtliche alle Angebote selbst organisieren müssen. Es geht vielmehr darum, anderen Menschen Möglichkeiten zu geben, selbst etwas zu gestalten.
Warum sollte nicht ein anderer Verein unser Gemeindehaus nutzen? Warum sollten nicht Menschen, die bisher wenig mit Kirche zu tun haben, bei der Programmgestaltung mitreden dürfen? Manchmal reicht schon das Signal: Hier gibt es einen Raum, den ihr nutzen könnt. Hier könnt ihr eure Ideen einbringen.
Gerade in Ostdeutschland, in Orten, in denen viele andere Strukturen weggefallen sind, wird das dankbar angenommen. Natürlich müssen wir dann auch akzeptieren, dass die Menschen eigene Vorstellungen und Programme mitbringen. Aber durch diese Offenheit entstehen neue Kontakte. Und die Kirche wird wieder als wertvoller Ort für die Dorfgemeinschaft wahrgenommen.
Wer sich für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt engagiert, erlebt auch Enttäuschungen. Kennen Sie Momente, in denen Sie das Gefühl haben, nichts mehr ausrichten zu können?
Justus Geilhufe: Solche Momente kenne ich durchaus. Gerade in Ostdeutschland erleben wir, dass manches nicht gut läuft. Dann werde ich teils von außen gefragt: Was passiert da eigentlich bei euch? Warum könnt ihr nichts dagegen tun?
Das sind Momente, in denen ich merke: Ja, wir können tatsächlich nicht die ganze Welt retten. Diese Erkenntnis ist hart. Gleichzeitig ist sie aber die Voraussetzung dafür, sinnvoll zu überlegen, was wir selbst tun können und wer welche Aufgaben übernehmen kann.
Solche Erfahrungen können deshalb auch der Anfang von etwas Neuem sein. Sie bringen mich dazu, darüber nachzudenken, was wir verändern und besser organisieren können.
Was würden Sie Kirchengemeinden und Kirchenkreisen in ganz Deutschland aktuell besonders ans Herz legen?
Bettina Schlauraff: Gemeinschaft, Gemeinschaft, Gemeinschaft! Wo immer wir Menschen zusammenbringen können, sollten wir das tun. Das ist ein großer Schatz, den wir als Kirche haben. Wir verfügen über Räume, über Menschen, die sich engagieren, und über eine besondere Atmosphäre.
Wir sollten uns immer wieder fragen: Wo können Menschen in unserem Dorf oder Stadtteil zusammenkommen? Was können wir dafür anbieten?
Viele Menschen fühlen sich abgehängt oder sind einsam. Das betrifft auch junge Menschen. Manche haben den Anschluss an Gemeinschaft verloren. Ihnen können wir einen Ort anbieten, an dem sie wieder dazugehören.
Und wir können ein schützendes Dach für Menschen sein, die Diskriminierung erleben oder Unterstützung brauchen. Wir können ihnen sagen: Hier gibt es eine Gemeinschaft, in der ihr willkommen seid.
Justus Geilhufe: Ich glaube, wir haben in den vergangenen Jahren etwas aus dem Blick verloren, welche große Rolle die ganz normale Kirchengemeinde vor Ort spielt.
Gerade dort, wo wir beide herkommen, sehen wir, wie stark Kirchengemeinden politisch und gesellschaftlich unter Druck geraten. Das zeigt aber auch, wie wichtig sie sind.
Deshalb sollten wir neu darauf schauen, wie wir Kirche vor Ort erhalten und stärken können. Wir müssen Wege finden, wie sich das auch künftig organisieren und finanzieren lässt. Gerade in kleinen Orten ist die Kirchengemeinde oft ein entscheidender Ort des Zusammenhalts.
Für manche Gemeinden ist es aber gar nicht so einfach, sich nach außen zu öffnen. Menschen haben Angst vor Anfeindungen oder davor, politisch unter Druck zu geraten. Wie können Sie ihnen Mut machen?
Bettina Schlauraff: Für viele Gemeinden bedeutet das tatsächlich, eine neue Rolle zu finden. Bisher gab es vielleicht die eigenen Gemeindegruppen und das gewohnte Gemeindeleben. Nun merken sie, dass sie auch für die Gesellschaft um sie herum eine besondere Bedeutung haben.
Das kann Angst machen. Gerade wenn eine Gemeinde befürchtet, wegen bestimmter Positionen angefeindet zu werden. Diese Ängste einfach herunterzuschlucken, ist aber keine Lösung.
Unsere Erfahrung in Sachsen-Anhalt ist, dass es viel Kraft geben kann, sich für andere Menschen zu öffnen. Gemeinden werden dadurch sprach- und handlungsfähig. Wo Menschen anfangen, etwas zu tun, nehmen auch andere diese Räume wahr. So hat die Kirche an manchen Orten plötzlich eine ganz neue Bedeutung für Menschen außerhalb der Gemeinde gewonnen.
Justus Geilhufe: In Sachsen erleben wir ebenfalls Zurückhaltung und manchmal auch Angst. Gleichzeitig gibt es viele Stadt- und Landgemeinden, die einfach Dinge ausprobiert haben, etwa im Rahmen unserer Aktivitäten rund um Wahlen.
Ich finde es unglaublich wichtig, dass wir uns gegenseitig von diesen Erfahrungen erzählen. Wenn eine Gemeinde in der Sächsischen Schweiz etwas erfolgreich ausprobiert hat, warum sollte sie nicht in eine andere Gemeinde kommen und davon berichten?
Wir brauchen gute Beispiele und Menschen, die einander Mut machen. Dadurch verschwindet die Angst nicht unbedingt. Aber es entsteht genügend Mut, um selbst etwas auszuprobieren.
Meine Erfahrung ist, dass Gemeinden es nicht bereut haben, wenn sie ihre Räume geöffnet haben. Im Gegenteil.
Bettina Schlauraff: Oft reichen schon kleine Begegnungen, bei denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, die sonst nicht miteinander reden würden.
Das kann helfen, Frust und Ängste abzubauen. Und manchmal ist genau das der erste Schritt, damit Menschen wieder anders aufeinander zugehen können.
Interview: Lisa Schaube und Andrea Hackenberg